Einheimische und Flüchtlinge richteten in Gechingen im Sommer 2015 gemeinsam Fahrräder her. Die Radwerkstatt war von Anfang an ein beliebtes Angebot und existiert bis heute. Foto: Blum

"Es war für mich persönlich eine heftige Zeit, in der meine Familie nicht selten zurückstecken musste. Aber sie war intensiv, lehrreich und hat mir was gebracht" – das sagt Bettina Schöttmer über ihre rund sechsjährige Tätigkeit als Vorsitzende des Freundeskreises Asyl in Gechingen. Der Verein wird zum Jahresende aufgelöst.

Gechingen - So wie der Vorsitzenden geht es auch den anderen Vereinsmitgliedern. Gemeinsam mit der Gemeindeverwaltung, der Kirchengemeinde und der Bevölkerung haben sie angepackt, um die Auswirkungen der Flüchtlingskrise in Gechingen bewältigt zu bekommen. Doch wie hatte alles begonnen? Im Dezember 2014 ist klar, dass es bald einen Flüchtlingsstrom in den Kreis Calw geben würde, auch nach Gechingen. Man habe sich schnell zu einer Gruppe zusammengefunden, die mit unterschiedlichen Maßnahmen in der Gäugemeinde aktiv werden sollte. "Im Januar 2015 schließlich trafen wir uns noch einmal, um eine sinnvolle Organisationsform zu finden. Wir haben uns entschlossen, einen Verein zu gründen", blickt Schöttmer vor einigen Tagen in der allerletzten Mitgliederversammlung zurück. Das hätten zunächst nicht alle anwesenden Personen gewollt. "Im Nachhinein war das aber die richtige Entscheidung", ist die Vorsitzende sicher. Schließlich könne man als Verein ganz anders in der Öffentlichkeit auftreten. Man könne Spenden sammeln, die dann auch kontrolliert verwendet würden. Die Helfer seien versichert, könnten Ausgaben geltend machen und "nach außen hin wird dadurch auch viel Vertrauen gewonnen".

Vertrauen von Anfang an

Die Ziele seien von Anfang an klar definiert worden. "Die Flüchtlinge sollten in Gechingen empfangen werden, um so gleich von Anfang an ein vertrauliches Verhältnis zu den Menschen aufzubauen. Sie sollten so rasch wie möglich Deutsch lernen, in kleinen Gruppen ihrer Vorbildung entsprechend, und die Kinder schnell in Kindergärten und Schulen integriert werden." Auch die Gesundheitsvorsorge sei ein Thema gewesen, vor allem aber sollte schnelle Hilfe bei bestehenden Problemen gewährleistet werden. Mit dem Frauencafé wird bis heute besonders Frauen und Müttern unter die Arme gegriffen. "Es sollte eine umfassende Information über unsere Arbeit, über die Belange der Flüchtlinge und die Lage in Gechingen, Calw und Baden-Württemberg an die Bevölkerung gehen. Damit wollten wir von Anfang an Probleme vermeiden beziehungsweise schnell angehen, damit es gar nicht erst zu ernsthaften Problemen zwischen der Bevölkerung und den Neubürgern kommen kann", betont die Vorsitzende unlängst auch in der Mitgliederversammlung. Ein "riesen Erfolg" seien die Kleiderkammer und die Fahrradwerkstatt geworden, in der Flüchtlinge lernen, ihre Drahtesel selbst zu reparieren. Letztere existiere immer noch.

Unzählige Behördenfahrten

"In den ersten Wochen von 2015 haben sich Gruppen gebildet, welche die unterschiedlichen Aufgaben angehen wollten. Und diese Gechinger Bürger haben einen unglaublich guten Job gemacht", resümiert Schöttmer. Es habe sofort Deutschkurse, zunächst im Haus selbst, später dann in den Pavillons der Schlehengäuschule gegeben, die dem Verein selbstverständlich zur Verfügung gestellt worden seien. "Die Kinder wurden abgeholt und in den Kindergarten oder Schule gebracht. Dadurch hatten die Erzieherinnen und Lehrerinnen immer einen Ansprechpartner aus dem Verein, weil ja die Kommunikation mit den Eltern noch nicht möglich war. Das Café Irmtal wurde von uns geputzt und wohnlich gemacht, bevor die Flüchtlinge in die Gemeinschaftsunterkunft einzogen. Unzählige Einkaufsfahrten, Arztfahrten, Behördenfahrten wurden geleistet. Ohne Murren gab es Einsätze auch nachts, wenn es Probleme im Haus gab oder ärztliche Hilfe nötig war."

Kleinkredite erleichtern Start ins Leben

Seit 2015 haben sich die Vereinsaufgaben laut Schöttmer enorm verändert. Man habe vielen Flüchtlingen mit Kleinkrediten den Start ins neue Leben ermöglicht. Alle seien wieder zurückgezahlt. Heute geht es im Wesentlichen um Berufsbegleitung, Ausbildungshilfe "oder einfach ganz normale Freundschaftsdienste". In all den Jahren habe die Zusammenarbeit mit der Gemeindeverwaltung hervorragend funktioniert: "Wir konnten mit allem, was wir wollten, ins Rathaus kommen und haben Unterstützungen erhalten".

Die anfänglichen Vorbehalte und Bedenken in Teilen der Bevölkerung zum Zusammenleben mit den Flüchtlingen seien längst zerstreut. Erst vor einigen Monaten seien einige der Flüchtlinge durch das Dorf gelaufen und hätten rote Rosen mit einer Dankeskarte verteilt. "Viele dachten, das wäre auf meinem Mist gewachsen. War es aber nicht, das haben sie selbst organisiert, ich hab nur die Karten gedruckt. Das war ihr Dank an die Gechinger. Ein Dank, der von Herzen kam", berichtet die Vorsitzende.

Im Ort wunderbar geborgen

Neulich sei sie ins Gespräch mit einem zukünftigen Arbeitgeber einer der in Gechingen betreuten Flüchtlinge in Norddeutschland gekommen. Dazu erzählt Schöttmer: "Der rief nicht etwa an, weil es Probleme gab, sondern weil er mir unbedingt erzählen wollte, wie wunderbar geborgen sich der junge Mann in Gechingen fühlte, und dass er auf die Frage, wo seine Heimat sei, ganz selbstverständlich geantwortet habe: ›Gechingen!‹". Beide Beispiele würden zeigen, welch wertvolle Arbeit die Vereinsmitglieder geleistet hätten.

Umfangreiches Wissen geht nicht verloren

Schon seit Längerem ist die Organisationsform als Verein laut der Vorsitzenden nicht mehr nötig, denn die Kasse sei praktisch leer, und es gebe auch keine Förderung mehr durch das Land oder den Landkreis, "da wir ja auch formell keine Flüchtlinge mehr in Betreuung haben. Wer nun neu nach Gechingen kommt, kommt in der Regel in Anschlussunterkunft und ist somit in Obhut der Gemeinde". Natürlich stünden die seitherigen Vereinsmitglieder weiterhin mit Rat und Tat parat, wenn es um die Unterstützung von Flüchtlingen gehe. Das in all den Jahren angeeignete Wissen in juristischer Hinsicht oder behördlichen Dingen gehe durch die Vereinsauflösung ja nicht verloren. Wegen Corona sei lange keine Mitgliederversammlung mit dem Zweck der Auflösung möglich gewesen. Das habe man jetzt nachgeholt. Und könne stolz auf das Erreichte sein: "Wir haben Großes geschafft!".