Der Verein Lebenswert mit Sitz in Haigerloch kümmert sich seit 2021 um Tiere in Not. Jetzt, im Herbst, brauchen vor allem Igel ihre Hilfe.
So langsam wird es für die Igel ernst: Die Temperaturen sinken, und der Winterschlaf steht kurz bevor. Doch nicht alle Tiere sind fit genug, um die kalten Monate schlafend zu überstehen. Manche Igel haben zu wenig Fettreserven, andere sind krank, von Parasiten befallen oder verletzt.
Um diese Tiere kümmern sich die engagierten Helfer des Vereins „Lebenswert“ seit 2021. Rund 15 Männer und Frauen aus der Region haben es sich zur Aufgabe gemacht, Wildtieren in Not zu helfen. „Wir sind für die Tiere da, für die sonst niemand da ist“, sagt Petra Stehle, die zweite Vorsitzende des Vereins.
Gut vernetzt
„Unsere Hilfe gilt allen Tieren, die Unterstützung brauchen – von der winzigen Spitzmaus über Katzen und Vögel bis hin zum Esel“, ergänzt Katharina Reinecke, Vorsitzende von „Lebenswert“. Wer ein Tier in Not findet, kann sich an den Verein mit Sitz in Haigerloch wenden. „Wir sind gut vernetzt und decken viele Bereiche ab durch verschiedene Ausbildungen, Sachkundenachweis und Qualifikationen“, meint Reinecke. Kommt also ein Tier an – egal ob Igel, Hase, Huhn, Waschbär oder Greifvogel – werden die Kapazitäten ausgelotet.
Reinecke ermutigt alle, die ein verletztes oder geschwächtes Tier finden, nicht lange zu zögern und sich sofort an den Verein oder andere Anlaufstellen wie Tierärzte oder Tierheime zu wenden. „Die erste Hilfe von Menschen ohne Erfahrung ist meist gut gemeint – endet aber leider nicht selten tödlich für die Tiere“, warnt sie. Auch, wenn man sich nicht sicher ist, ob ein Tier Hilfe benötigt, lohne es sich, die Einschätzung von jemand Erfahrenem heranzuziehen.
Wenn Igel zu leicht sind
Ist beispielsweise ein Igel tagsüber unterwegs, könne man davon ausgehen, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Auch wenn das Tier auffällig klein und dünn ist, sei es wahrscheinlich, dass es Hilfe braucht. Das gilt auch dafür, wenn man Parasiten wie Zecken und Flöhe erkennt oder Verletzungen – ein Indiz dafür sind oft Fliegen, weiß Reinecke. Manchmal sind diese aber auch für den Laien auf den ersten Blick nicht erkennbar. Vereinsmitglied Femke Frerichs weist darauf hin, dass ein Igel am besten birnenförmig sein muss. Igel werden in der Regel im August und September geboren. Anfang November sollten sie mehr als 600 Gramm wiegen. Sind sie leichter, besteht die Gefahr, dass sie den Winterschlaf nicht überleben.
Zurück in die Natur
Der Verein ist mit anderen Tierschutzvereinen gut vernetzt und klärt, wer ein Tier zur Pflege aufnehmen kann. Das Ziel ist es, die Wildtiere nach der Genesung wieder in die Natur zu entlassen. Igel, die fit genug sind, den Winterschlaf zu überleben, werden jetzt ausgewildert, die schwächeren erst im Frühjahr. „In den meisten Fällen überleben die Tiere“, sagt Reineke hoffnungsvoll.
Ein positives Beispiel ist Igel „Flo“. Das Vereinsmitglied Manuela Lang hat den Igel in den vergangenen vier Wochen gepflegt – dabei sahen seine Chancen anfangs gar nicht gut aus. Er hatte eine offene Wunde und war mit Maden und Eiern übersät. Dank der erfahrenen Pflege – die den Ehrenamtlichen zu Tag- und Nachtzeiten oft viel abverlangt – ist er heute ein fitter, wohlgenährter Igel und wird in den nächsten Tagen dort, wo er gefunden wurde, ausgewildert.
Für manche Tiere, die in der Natur keine Chance haben oder domestizierte Tiere sind, sucht der Verein ein neues Zuhause. Katzen beispielsweise. Vor rund einem Monat kamen auch zwei fünf Tage alte Häschen zu Katharina Reineke. Ihre Mutter wurde von einem Marder gefressen. Alle paar Stunden fütterte Reinecke die Babys mit Milch. Heute sind die Hasenkinder fünf Wochen alt und toben durch ihr Wohnzimmer.
Die Helfer sind auf verschiedene Tiere geschult, doch mit jedem Fall lernen sie etwas dazu – wie auch die Tierärzte, die möglicherweise zum ersten Mal einen Marder oder einen Fuchs behandeln. „Oft haben wir bei der Behandlung einen Profi für die jeweilige Tierart am Telefon“, erzählt Reinecke. Auch mit dem Veterinäramt steht der Verein in ständigem Kontakt und Austausch.
Zeitaufwändig und anstrengend
Die Arbeit im Tierschutz sei zeitaufwändig, anstrengend und oft auch emotional fordernd. Manuela Lang päppelte beispielsweise seit Sommer eine Ente auf. Nach drei Monaten war klar, dass nun der Zeitpunkt gekommen ist, dass dem Tier am besten geholfen wird, wenn man es einschläfert. Auch nachts ist oft keine Ruhe – denn viele Tiere benötigen rund um die Uhr Betreuung. Wegfahren und Urlaubsbetreuung müsse gut geplant sein.
Katzenschutzverordnungen
„Uns treibt die Liebe zu den Tieren an“, erklärt Femke Frerichs. „Wir können einfach nicht weggucken.“ Viele der aktiven Mitglieder sind bereits seit vielen Jahren im Tierschutz aktiv. Bei „Lebenswert“ haben sie zueinander gefunden und unterstützen sich gegenseitig. Nicht nur in der Pflege von Tieren und Wissensaustausch, sondern auch im Kampf für den Tierschutz. Beispielsweise haben die Städte Geislingen und Haigerloch nun auf Initiative des Vereins jeweils eine Katzenschutzordnung erlassen.
Was tun, wenn ich einen Igel in Not finde?
Erstversorgung
Falls sichtbar Fliegeneier und Maden schnellstmöglich entfernen
Unterbringung
Das Tier sollte vorsichtig – am besten mit Handschuhen – in eine mit Zeitung ausgelegte Box gesetzt werden und eine handwarme Wärmflasche und ein Handtuchnest angeboten werden. Ein umgedrehter Karton dient als Schlafhäuschen.
Futter
Das Tier sollte nicht gefüttert werden, solange es nicht aufgewärmt ist. Der Bauch muss warm sein. Igel fressen Katzenfutter ohne Gelee und Soße und ungewürztes Rührei und trinken Wasser.
No-Go
Igel sind laktoseintolerant und sollten keine Milch oder Milchprodukte gefüttert bekommen, ebenso kein Obst und Gemüse.
Hilfe holen
Wer unerfahren im Umgang mit Igeln ist, sollte sich am besten Hilfe holen. Diese erhält er beispielsweise bei dem Verein Lebenswert – und das nicht nur in Haigerloch. Katharina Reinecke ist unter Telefon 0173/773 97 36 erreichbar, Petra Stehle unter Telefon 0152/03 53 67 97.