Der Verein Bal – Bürger aktiv Lahr – ist vor 25 Jahren angetreten, um Brücken zwischen Lahrern und Aussiedlern zu bauen. Jetzt ziehen die Verantwortlichen Bilanz.
Als in den 1990er-Jahren viele Spätaussiedler Wohnungen in Lahr bezogen, die durch den Weggang der Kanadier frei geworden waren, sahen die Neuankömmlinge sich mit anfänglichen Schwierigkeiten und Vorurteilen konfrontiert. Irene Wiedmann, die stellvertretende Vorsitzende des Vereins Bürger aktiv Lahr, sagt beim Besuch in unserer Redaktion, dass sie das noch selbst erlebt habe: Als sie begonnen habe, in der Patientenaufnahme des Lahrer Krankenhauses zu arbeiten, hätten sich Patienten über sie beschwert, weil sie Deutsch mit Akzent sprach.
Die Vorsitzende Hilda Beck erzählt eine ähnliche Geschichte: Ihre Schwester habe zu jener Zeit im Altenheim Spital gearbeitet und sei von einem Patienten in einem abfälligen Ton gefragt worden: „Kommen noch viele von euch?“ Solche Kommentare haben arg geschmerzt, sagen Beck und Wiedmann.
Negative Bemerkungen gegen Aussiedler gehören der Vergangenheit an
Eine gängige Meinung in Lahr sei auch gewesen, „dass Russlanddeutsche die Löhne kaputt machen“, erinnern sie sich. Das Vorurteil habe sogar ein Körnchen Wahrheit enthalten, da Spätaussiedler tatsächlich „gute Schaffer“ seien, die nach ihrer Ankunft in Deutschland gleich eine Arbeit aufnehmen wollten und erst mal nicht nach der Bezahlung gefragt hätten.
Gleichwohl habe die Tüchtigkeit der Russlanddeutschen natürlich vor allem gute Folgen gehabt: „Die Integration hat am Arbeitsplatz stattgefunden“, stellt Beck fest. Heute seien Russlanddeutsche in Lahr voll integriert, was auch ihrer inneren Einstellung zum Aufnahmeland verdanken sei. Sie hätten sich nämlich seit jeher „als Deutsche gefühlt“, auch bereits in Russland.
Negative Erlebnisse wie die eingangs geschilderten gehörten längst der Vergangenheit an, freuen sich Beck und Wiedmann, die beide in Kasachstan geboren und in den 1990er-Jahren nach Deutschland ausgewandert sind. Dabei habe ihr Verein zur gelungenen Integration eine Menge beigetragen, sind sie überzeugt. Gegründet wurde er im Mai 2000, um Gräben zwischen Einheimischen und Spätaussiedlern zuschütten, aber auch, um den Neuankömmlingen beim Start in Lahr ganz praktisch zu helfen, etwa mit Sprachkursen.
Gründungsvorsitzende war Olinde Pismenny, seit 2003 führt Hilda Beck den Bal-Verein. Ihre Kenntnisse als ehemalige Rechtsanwältin in der früheren Sowjetunion machen sie heute noch zur gefragten Helferin bei Behördenbesuchen oder Schriftwechseln, wobei sie auch als Dolmetscherin gebraucht wird.
„Es kommen ja immer noch Russlanddeutsche nach Lahr, natürlich weniger als früher. Ich helfe dann etwa bei der Anmeldung des Kindes im Kindergarten“, erzählt die heute 70-Jährige, die für ihren Einsatz für die Integration 2023 das Bundesverdienstkreuz erhalten hat. Schon vor der Bal-Gründung hatte sie sich für Aussiedler engagiert und im Treffpunkt für Behinderte und Nichtbehinderte Sprechstunden abgehalten.
Verein hat Brücken gebaut
In den 25 Jahren seines Bestehens hat der Verein Bürger aktiv Lahr Brücken zwischen Spätaussiedlern und alteingesessenen Lahrern errichtet, erzählen Beck und Wiedmann, die seit 2020 stellvertretende Vorsitzende ist. Man habe etwa Info-Abende über Miet- oder Steuerrecht organisiert, die sowohl von Einheimischen als auch von Neubürgern zahlreich besucht worden seien.
Es sei generell immer das Vereinsziel gewesen, möglichst viele Begegnungen und Kontakte zu ermöglichen, gerade auch unter jüngeren Semestern. „Früher war das ja wirklich so, dass auf einer Straßenseite im Kanadaring Einheimische und auf der anderen Russlanddeutsche gelebt haben. Das hat sich zum Glück geändert“, sagt Wiedmann mit einem Schmunzeln.
Nur wenige kennen das Aussiedlermuseum in Lahr, bedauern die Frauen
Ein anderer Aspekt ist den beiden Frauen ebenfalls wichtig. Nämlich, dass Russlanddeutsche in Lahr „gesehen werden“, wie sie es nennen, dass sie als selbstverständlicher Teil der Stadtgesellschaft wahrgenommen werden. Deshalb arbeite ihr Verein mit kommunalen Gremien zusammen, sei im Interkulturellen Beirat vertreten oder beteilige sich an Veranstaltungen wie dem Suppenfest oder Fest der Kulturen.
Man habe viel erreicht seit der Gründung, freuen sich Beck und Wiedmann. Aber nicht alle Wünsche hätten sich erfüllt. So hat der Verein vor elf Jahren ein Aussiedlermuseum in Lahr eröffnet, was vielen Menschen in der Stadt aber neu sein dürfte.
Das sei auch das Problem, so Beck: Kaum jemand kenne das Museum, das in zwei Räumen der Stadtgärtnerei neben dem Stadtpark eingerichtet ist. Es informiere über die Herkunft der Russlanddeutschen und zeige Ausstellungsstücke wie Trachten, typische Haushaltsgegenstände in Russland oder Fotos von Aussiedlern. Allerdings hat das Museum keine regulären Öffnungszeiten, wer es sehen will, muss sich mit Hilda Beck in Verbindung setzen, die die Schlüssel hat.
Als in Lahr die Eröffnung des Stadtmuseums in der früheren Tonofenfabrik vorbereitet wurde, habe man deshalb der Verwaltung vorgeschlagen, dort auch Räume für das Aussiedlermuseum zur Verfügung zu stellen. „Aber die Stadt hatte andere Vorstellungen“, bedauert Wiedmann. Heute wünsche sich der Verein Räume in der Innenstadt, in die er mit seinem Museum umziehen kann.
Eines der größten Vorhaben in der Vereinsgeschichte sei das Buchprojekt „Doppelte Heimat – aus dem Leben der Russlanddeutschen im Lahrer Raum“, das zurzeit vorbereitet wird. Das fertige Buch soll Beiträge von Russlanddeutschen enthalten, in denen sie über gute und weniger gute Zeiten seit der Auswanderung ihrer Vorfahren aus Deutschland in der zweiten Hälfte des 18. und ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts berichten.
Mit dem Buch wolle man „das Verständnis vertiefen für Traditionen sowie für die Denk- und Lebensart von Menschen, die in über 200 Jahren in Russland, Kasachstan und anderen östlichen Ländern gelebt haben“, sagt Beck. Sie danke Walter Caroli, der die Beiträge überarbeite, das Layout übernehme sowie das gesamte Projekt organisiere. Das Buch solle nach einem dann zweijährigen Entstehungsprozess im März 2026 vorgestellt werden.
Die Jubiläumsfeier
Das 25-jährige Bestehen des Bal-Vereins wird am Donnerstag, 18. September, ab 19 Uhr im Bürgerzentrum im Bürgerpark gefeiert. Der Verein kündigt ein buntes Programm an.