Sie freuen sich über eine gelungene Jubiläumsfeier (von links): Nina Beck, Walter Caroli, Karin und Dietrich Becker-Hinrichs, Marion Gentges, Hilda Beck, Irene Wiedmann, OB Markus Ibert, Tatjana Charalgina und Marianna Kramarenko. Foto: Schabel

Fast jeder vierte Lahrer hat einen russischen Migrationshintergrund. Um bei der Integration zu helfen, wurde vor 25 Jahren der Verein „Bürger aktiv Lahr“ gegründet.

Mitte der 1990er Jahre kamen Deutsche aus Russland in großer Zahl nach Lahr, etwa zur selben Zeit, als 10 000 kanadische Nato-Soldaten abzogen. Für die Stadt war das in den ersten Jahren ein Problem, denn immerhin machten die Neuankömmlinge bald ein Viertel der Einwohner aus – und neben der Sprachbarriere gab es auch eine kulturelle, die anfangs unüberwindbar wirkte.

 

In dieser Situation habe man Brücken bauen wollen, betonte Hilda Beck, die langjährige Vorsitzende des Vereins Bürger aktiv Lahr (Bal), bei der Jubiläumsfeier im Bürgerzentrum im Bürgerpark. „Wir wollten nicht einfach ankommen, sondern wirklich dazugehören“, sagte sie über die Neubürger.

Der im Mai 2000 gegründete Verein, der seinerzeit (wie heute) zu zwei Dritteln aus Russlanddeutschen und zu einem Drittel aus alteingesessenen Lahrern bestand, fing deshalb damit an, Infoabende zu organisieren. Themen wie Mietrecht oder Brustkrebsvorsorge zogen neben Aussiedlern auch Einheimische an, die von Anfang an die Hälfte der Besucher ausmachten, wie Beck erfreut feststellte.

Der Verein hat in diesen 25 Jahren eine Menge auf die Beine gestellt, damit Neu- und Altbürger sich näher kommen. Eine Ahnung davon bekamen die Besucher beim Blick auf die beiden Stellwände an der Stirnseite des Saales. Sie waren vollgepflastert mit Fotos von Bällen, Modenschauen oder sportlichen Veranstaltungen, die der Bal-Verein organisiert hat.

Sogar Johannes Rau war auf einigen Fotos zu sehen: Als der damalige Bundespräsident 2004 nach Lahr kam, um sich ein Bild von den Integrationsbemühungen in der Stadt zu machen, stattete er auch einer Ausstellung russlanddeutscher Künstler in der Martinskirche einen Besuch ab.

Hilda Beck erwähnte diese Episode voller Stolz und betonte auch sonst die Erfolge ihres Vereins sowie generell bei der Integration der Russlanddeutschen in Lahr. Zu verdanken sei das auch der Tatsache, dass die tüchtige Leute seien, deren Arbeitskraft einst wie heute gefragt sei.

Gentges erzählt von persönlichen Erfahrungen mit Russlanddeutschen

Das konnte Marion Gentges aus eigener Erfahrung bestätigen. Die Justiz- und Integrationsministerin aus Haslach erzählte in ihrem Grußwort, dass ihre Eltern einen kleinen metallverarbeitenden Betrieb im Kinzigtal geführt hätten, bei dem sie in den 1990er mehrere Russlanddeutsche einstellten. „Es waren geradlinige, fleißige, verlässliche Mitarbeiter“, betonte Gentges.

Sie erinnerte aber auch an die Schwierigkeiten, die die Aussiedler in der alten wie in der neuen Heimat hatten: In Russland hätten sie als Deutsche, in Deutschland wiederum als Russen gegolten. Deshalb dankte sie dem Bal-Verein, der mit seinen Angeboten eine Menge zur Integration beigetragen und generell sehr viel erreicht habe.

Pfarrer erinnert an volle Kirche durch Russlanddeutsche

OB Markus Ibert betonte, dass der Name Bürger aktiv Lahr sehr gut gewählt sei: Denn die Russlanddeutschen hätten Bürger von Lahr werden wollen, „aber nicht durch Abwarten, sondern durch Handeln“. Für den Verein empfinde er „Respekt und Hochachtung“, so Ibert, denn der habe die Menschen einander nähergebracht.

Dietrich Becker-Hinrichs war in den 1990ern zusammen mit seiner Frau Karin als Pfarrer der Martin-Luther-Gemeinde tätig. Zu deren Einzugsgebiet gehört auch der Kanadaring, in dem damals besonders viele Russlanddeutsche unterkamen. Unter ihnen waren zahlreiche Gläubige, „die Kirche war auf einmal viel voller“, erinnerte sich Becker-Hinrichs an die damalige Zeit.

Der Anfang sei nicht einfach gewesen, ältere Gottesdienstbesucher hätten sich daran gestört, dass die Neuankömmlinge auf ihren gewohnten Plätzen in den Kirchenbänken saßen. Doch man habe sich aufeinander zubewegt, etwa in einer gemeinsamen Theatergruppe oder dem deutsch-russischen Chor.

Becker-Hinrichs forderte in seiner längeren Rede die Russlanddeutschen dazu auf, sich zu ihrer kulturellen Identität zu bekennen, also nicht nur zu ihrer deutschen Seite, sondern auch zu ihrer russischen – und diese Stärken hier einzusetzen. Dafür prägte er den Begriff „versöhnte Verschiedenheit“.

Buch-Projekt nimmt Formen an

Im März 2026 erscheint das Buch „Doppelte Heimat – aus dem Leben der Russlanddeutschen in Lahr“, laut Hilda Beck wohl das größte Projekt der Vereinsgeschichte. Betreut wird es von Walter Caroli, der das Buch als etwas „Einmaliges und Wunderschönes“ ankündigte. Demnach werden 19 russlanddeutsche Autoren auf mehr als 300 Seiten aus ihrem Leben erzählen, das oft Härten enthielt, die sich Einheimische gar nicht vorstellen können, wie an dem Abend mehrfach betont wurde.

Mehr als 100 Besucher waren gekommen, darunter Vereinsmitglieder der ersten Stunde, die eine Ehrung erhielten. Obwohl auch ernste Themen angesprochen wurden – etwa dass manche russlanddeutsche Jugendliche einst in Depressionen verfielen, weil sie sich in Lahr nicht akzeptiert fühlten –, war es insgesamt ein unterhaltsamer Abend. Dazu trug Dorothea Hertenstein bei, die 1994 ein Gedicht über die Russlanddeutschen in Lahr verfasst hatte, das sie nun noch einmal vortrug.

Außerdem gab es gelungene kulturelle Darbietungen von Opernsängerin Tatjana Charalgina, die vom 13-jährigen Querflöten- und Sangestalent Marianna Kramarenko begleitet wurde, sowie von Inese Freija-Neimane, die mit ihrer Tochter Emilija schwungvolle lettische Volkslieder vortrug. Nach dem knapp zweieinhalbstündigen Programm ging man zum Kuchenbüffet über.

Alt-OB Wolfgang G. Müller wird gewürdigt

Unter den Besuchern war auch Wolfgang G. Müller. Der Lahrer Alt-OB gilt als Vorreiter der Integration – für seine Verdienste in dem Bereich in Lahr wurde er 2016 als „Vize-Weltbürgermeister“ ausgezeichnet. Müller hielt keine Rede, wurde aber von mehreren Rednern hervorgehoben, etwa von seinem OB-Nachfolger Markus Ibert.