Verdi Baden-Württemberg vollzieht den Generationswechsel an der Spitze: Auf Martin Gross folgt Maike Schollenberger. Der künftige Kurs deutet sich eher vage an.
Als Verdi-Funktionär darf man sich etwas darauf einbilden, wenn der Bundesvorsitzende, dessen Stellvertreter und dessen Vorgänger aus Berlin anreisen, wenn die Arbeitsministerin und der Sozialminister überaus freundliche Worte finden und überhaupt viel Lob auf den Mann einprasselt: Martin Gross, der sein Amt als Landesvorsitzender zwei Jahre vor Ablauf der Legislaturperiode aufgibt, erlebt zum Abschied einen großen Bahnhof in der Filderhalle Leinfelden. Er habe den Landesbezirk vorangebracht und Impulse für die gesamte Verdi gesetzt – er habe sich „um die Gewerkschaftsbewegung verdient gemacht“, würdigt Verdi-Chef Frank Werneke den 65-Jährigen.
Verjüngungsprozess als Aufgabe der letzten Berufsjahre
Nach neun Jahren an der Spitze gibt Gross sein Amt an die bisherige Stellvertreterin Maike Schollenberger ab, die mit 96,1 Prozent der 131 Delegiertenstimmen ein sehr gutes Startergebnis erzielt. Die Ablösung ist offenkundig von langer Hand vorbereitet, sagt Gross doch selbst: „In den letzten Jahren habe ich den Fokus darauf gelegt, den Generationswechsel gut einzuleiten.“ In sechs von sieben Bezirken sei er vollzogen – der siebte Bezirk folge. „Die Verdi-Generation wird zunehmend die Führung übernehmen“ – gemeint sind die Kräfte, die erst nach Gründung der Dienstleistungsgewerkschaft im Jahr 2001 dazu gestoßen sind. Für die sei er in eine „väterliche Rolle hineingewachsen“.
Den „roten Faden“ wieder mal in der Hand gehabt
Ihm werde nachgesagt, „dass ich den roten Faden gerne in der Hand behalte“, merkt Gross am Rande zudem an. Übersetzt heißt das wohl: Schollenberger war schon seit längerer Zeit für die Nachfolge auserkoren. Die Findungskommission auf seine Linie zu bringen, ist da kaum das große Problem für einen Antreiber wie ihn. Die 35-Jährige war bis 2023 noch Landesjugendsekretärin und stammt aus seinem Heimatbezirk Fils-Neckar-Alb. Den hat bisher Benjamin Stein geführt, der nun mit 94,4 Prozent zum stellvertretenden Landesbezirksleiter gewählt wurde. Hanna Binder, seit 2016 die zweite Stellvertreterin von Gross, wurde vor zwei Jahren für volle vier Jahre gewählt und bleibt nun einfach im Amt.
Was die Kür von Schollenberger für den Verdi-Kurs bedeutet, lässt sich nur erahnen. In der Vorstellungsrede verharrt sie weitgehend noch im Ungefähren und meidet konkrete Ansagen. „Verdi bleibt eine politische und offensive Gewerkschaft“, sagt sie. „In den multiplen Gegenwartskrisen brauche es eine progressive Kraft, auf die sich die Menschen verlassen können.“ Gerade weil Verdi politisch, kämpferisch und kritisch sei, „sind wir eine stabilisierende Säule der Demokratie im Land“. Wenn sie ein Plakat der Verdi-Jugend mit der Aufschrift „Gegen Kapitalismus“ gutheißt, deutet sich an, dass sich der Landesbezirk nicht nur jünger aufstellt, sondern auch mehr nach links orientiert. Schon jetzt gewinnt die Linkspartei weiter an Einfluss, während die SPD an Boden zu verlieren droht.
Schollenberger setzt sich auch für eine engere Vernetzung mit anderen gesellschaftlichen Akteuren ein, um noch öfter mit sozialen Verbänden, der Klimabewegung und lokalen Bündnissen gegen Rechts auf die Straße zu gehen. Dies ist nach dem Gusto des Vorsitzenden Frank Werneke, der gleich einen großen Bündnisauftritt anlässlich der anstehenden Haushaltswoche in Berlin ankündigt. Auch streben beide eine „Mitmach-Gewerkschaft“ an. Denn Werneke zufolge „verlassen uns viel zu viele Kolleginnen und Kollegen nur Wochen oder Monate nach ihrem Eintritt, weil sie Verdi nicht genug als betrieblichen Akteur erleben“. Das müsse besser werden.
Verdi ist aus Sicht der Unionsfraktion „weitgehend verlorenes Land“
Nach seinen Worten pflegt die Gewerkschaft auf Bundesebene enge Arbeitsbeziehungen zu SPD, Grünen und Linkspartei. In allen Fraktionen zusammen gehören 118 Parlamentarier der Dienstleistungsgewerkschaft an – bei den Sozialdemokraten sei sogar mehr als Hälfte der Abgeordneten Verdi-Mitglied. In der CDU/CSU-Fraktion gehöre hingegen kein Parlamentarier dieser Gewerkschaft an – aus Sicht der Union sei Verdi „weitgehend verlorenes Land“, so Werneke. „Dort stoßen wir nicht gerade auf offene Ohren.“ Dennoch bemühe man sich um eine professionelle Zusammenarbeit – da bringe er sich ganz persönlich ein. Fraktionschef Jens Spahn kenne er schon seit einigen Jahren – „das Leben ist auch kein Ponyhof“, fügt er an.
Kategorisch zeigt er sich gegenüber der AfD nach deren Einstufung als gesichert rechtsextremistisch durch das Bundesamt für Verfassungsschutz: „Vorbereitungen für das Verbotsverfahren zu treffen, darf aus meiner Sicht nicht auf die lange Bank geschoben werden“, stützt der Verdi-Chef den Kurs der regierenden SPD. Dass ein Verbot noch bis Anfang der 2030er Jahre dauern könnte, dürfe Verdi nicht davon abhalten, den Kampf gegen Rechtsextremismus in den Betrieben zu führen. Werneke bezieht sich damit auf Umfrageerkenntnisse von den Bundestagswahlen, wonach 21,6 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder AfD gewählt haben. Verdi liege da eventuell etwas besser, solle sich aber keinen „allzu großen Illusionen hingeben. Dass der Trend nach rechts in Deutschland gebrochen werde, entscheide sich in der Arbeitswelt und in den Betrieben.
„Mit 150 in die Garage“
Auch Gross betont nochmals, wie wichtig im der Kampf gegen Faschismus sei. Von den anderen Rednern wird er vor allem als kämpferischer Verteidiger des Sozialstaats gewürdigt. Für sich reklamieren kann er auch den Direkteinstieg Kita – ein Programm der Bundesagentur für Arbeit, mit dem bisher 1800 Kräfte für die Erziehungsarbeit fortgebildet wurden. Dies in einer trüben Arbeitsmarktlage zu ermöglichen, hat er durchgesetzt.
Nicht nur gegenüber dem Bundesvorstand ist der streitbare Gross voller Energie aufgetreten. Er sei auch „immer nah bei den Menschen, geerdet und stets ansprechbar“, lobt Werneke. Der 65-Jährige will die Nachfolgerin noch bis Oktober bei der Übernahme der Geschäfte unterstützen. Im September kandidiert er für den VdK-Vorsitz im Kreis Tübingen. Seine Frau Gela scherzt schon, dass er „mit 150 in die Garage fährt“. Auf eines schaut Gross mit Wehmut: „Die Streikkundgebungen werden mir fehlen – dieses großartige Gemeinschaftsgefühl würde ich mir auch für unsere Gesellschaft wünschen.“