Christoph Wolk. Foto: Graner

Wenige Tage vor dem Schulstart am Montag in Baden-Württemberg schlägt der Verband für Bildung und Erziehung (VBE) Alarm. Auch im zweiten Schuljahr seit Beginn der Corona-Pandemie laufe Vieles nicht rund, kritisiert er – und attackiert auch Winfried Kretschmann.

Oberndorf - Der Ministerpräsident hatte Anfang des Jahres eine stärkere "berufsbezogene Weiterbildung" im Hinblick auf die Digitalisierung gefordert – vor allem für Lehrer. Für Marianne Markwardt ein absurder Vorwurf. Die 34-Jährige ist Lehrerin an einer Realschule in Donaueschingen (Schwarzwald-Baar-Kreis), zudem Vorsitzende des VBE-Kreisverbandes Rottweil, Villingen-Schwenningen, sie sagt: "Wenn ich weiß, dass bei einer Fortbildung das ohnehin schon unterbesetzte Kollegium meine Abwesenheit ausbaden muss und Unterricht für Schüler ausfällt, dann lasse ich es lieber sein."

Junge Lehrer zieht es eher nach Freiburg oder Stuttgart

Christoph Wolk (58), Vorsitzender des VBE-Südbaden, erklärt: "Schon zum Schulstart gehen wir von einem Lehrerdefizit in Höhe von 40 Prozent aus." Krankheiten, Schwangerschaften und sonstige Ausfälle noch nicht eingerechnet. Bedeutet: Das neue Schuljahr in Baden-Württemberg beginnt an mehreren Schulen gleich mit Unterrichtsausfall. Die Lehrerversorgung sei einfach viel zu gering. Vor allem im ländlichen Raum fehle es an Lehrkräften." Junge Lehrer zieht es eher nach Freiburg oder Stuttgart, eben in die Großstädte. Wir müssen Anreize schaffen, damit dieser Trend gestoppt wird", fordert Wolk. Der Leiter einer Realschule in Breisach fragt: "Wieso können wir für Lehrkräfte auf dem Land nicht Lehrerwohnungen anbieten, frühere Job-Zusagen machen oder auch Prämien zahlen?" – eine Art "Busch-Zulage", wie Dirk Lederle (52), stellvertretender VBE-Landesvorsitzener, schmunzelnd ergänzt.

Alles andere als zum Schmunzeln: Neben dem generellen Lehrer-Mangel beschäftigen den VBE auch die bürokratischen Hürden der sich gefühlt ständig ändernden Corona-Verordnungen. "Wir sind schon froh, wenn es nicht erneut zu Schulschließungen kommt", sagen die drei Experten. Die müsse man unbedingt vermeiden. Dirk Lederle, Schulleiter der Johanniterschule in Heitersheim (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald): "Rechnen und Schreiben kann man nachholen, aber die sozialen Defizite beschäftigen uns, weil bei einer Schulschließung die eigene Peergroup wegfällt." Digitaler Unterricht böte zwar auch Chancen, in der Summe verstärke er aber auch die soziale Ungerechtigkeit in der Bildung. "Die mangelnde Bildungsgerechtigkeit hat sich in den vergangenen Monaten weiter verstärkt", erklärt Wolk.

"Viele Schüler dürfen selbst gar nicht entscheiden, sich zu impfen."

Angesichts der wieder steigenden Zahlen von Corona-Infizierten werde ab Montag auch der tägliche Umgang miteinander in den Schulen wieder eine Herausforderung. "Wir wären schon froh, wenn wir vom Land klare und praktikable Vorgaben bekommen würden, an die wir uns halten können", sagt Lederle. Derzeit seien die Verordnungen sehr missverständlich formuliert und unterschiedlich auslegbar, was den 52-Jährigen durchaus ärgert: "Ich habe Lehramt studiert, nicht Jura."

Laut VBE seien Lehrer derzeit zu 90 Prozent bereits vollständig geimpft, je 5 Prozent hätten aus gesundheitlichen oder anderen Gründen davon Abstand genommen. Die Impfquote bei Schülern sei aber logischerweise deutlich niedriger. Weil es für unter Zwölfjährige kein Impfangebot gibt. Und wenn ältere Schüler mit einem Döner-Gutschein zum Impfen gelockt werden sollen, kann das VBE-Trio nur mühsam an sich halten. Laut Lederle liegt das Problem ganz woanders: "Viele Schüler dürfen selbst gar nicht entscheiden, sich zu impfen. Da sind die Eltern der Schlüssel." Die müsse man weiter überzeugen – mit einfach geschrieben Broschüren etwa oder Kampagnen auf mehreren Sprachen. "Wir haben einen großen Migrantenanteil unter Schülern und Eltern, da haben wir oft mit Verständigungsproblemen zu kämpfen", meint Lederle.

Verband vermisst Corona-Exit-Strategie

Im Großen und Ganzen vermisst der Verband in Deutschland eine sogenannte Corona-Exit-Strategie. Nur mit Raumlüftern, deren Wirkung laut Studien fraglich ist, könne es nicht durch das Schuljahr gehen. Auch die Maskenpflicht an Schulen wird im Verband hinterfragt und intensiv diskutiert. Die Sicherheit von Schülern und Lehrern stehe zwar an erster Stelle. Ob eine Maskenpflicht in zum Beispiel Grundschulen, deren Schüler sich am Nachmittag in anderer Umgebung ohne Masken ohnehin treffen, auf Dauer haltbar ist, sei zu thematisieren.

Zuspruch erhält das Land Baden-Württemberg vom VBE aber zumindest in einem Punkt. Die gelockerten Corona-Quarantäne-Regeln bleiben bestehen. Ein infizierter Schüler müsse zwar für 14 Tage in Isolation, Mitschüler bei entsprechender Testung allerdings nicht automatisch. Das Credo des VBE: "In Quarantäne sollten wenig Schüler wie möglich."

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