Die dritte Auflage der Kanderner Tischgespräche zum Jahresbeginn hat wieder rund 100 Interessierte in die Schreinerei Benz gelockt.
Vor zwei Jahren hat der Verleger, Gastro-Kritiker und Gutedelpreisträger Wolfgang Abel aus Badenweiler die aus einem launigen Tischgespräch entstandene Idee in ein abendfüllendes Format gegossen. Die Schreinerei an der Kanderner Waldeckstraße war mit ihren weitläufigen Räumen dafür wie geschaffen.
Im vergangenen Sommer ist Abel gestorben, sein diesbezügliches Vermächtnis lebt weiter, dank des Engagements von Schreinermeister Ingo Benz, der sich den Journalisten und ehemaligen Chefredakteur von Gault Millau, Christoph Wirtz, als Moderator mit Esprit und Tiefgang an die Seite geholt hat.
Die Liste der Gesprächsgäste 2026 liest sich vielversprechend: Judith Wohlfahrt aus Oberkirch, die für ihre Schweinezucht in extensiver Freilandhaltung den Tierschutzpreis des Landes erhalten hat, Landwirt und Pflästerermeister Thomas Mayer, der seit 2008 „Schlachtung mit Achtung“ betreibt und dafür ebenfalls den Tierschutzpreis bekam, Joachim Heger, „Winzerlegende“ vom Kaiserstuhl und Stephan Primus, Designer, Raumgestalter und Dozent an der Schule für Gestaltung Basel.
Vier Gesprächsgäste
Es ist kalt an diesem Abend, im Hof verbreiten in einer Schubkarre lodernde Holzscheite verlockende Wärme, nebenan brutzeln Würste auf einem Grill. Die ersten bleiben schon stehen, gehen erstmal gar nicht rein, kommen ins Gespräch, beißen in die heiße Wurst, der Alltagsstress und auch die noch von den Feiertagen zurückgebliebene Trägheit verschwinden im Nu.
Drinnen herrscht gelöste Munterkeit, man probiert leckeren Käse und luftiges Brot, hat Unmengen zu erzählen und zu lachen. Schließlich begibt man sich in den gestuhlten Raum mit einem Podium auf dem ein mehr als improvisierter Tisch, eine Holzplatte auf vier Plastik-Getränkekisten steht, der später selbst amüsantes Thema im Tischgespräch werden soll.
Über Umwege zum Beruf gekommen
Die erste Runde gilt der Tierzucht und der achtungsvollen Nutzung von Fleisch und kommt zu dem Schluss, dass nicht der „vegane Militarismus“, sondern die Massentierhaltung der wahre Gegner von Tierhaltung mit Achtung sei. Judith Wohlfahrt berichtet von ihren Tieren, die durchs offene Gelände streifen können, ihrem Unternehmen aber Subventionen versagt bleiben, weil sie keine Stallhaltung betreibt. Sie und Thomas Mayer sind über Umwege zu ihrem jetzigen Beruf gekommen und bestätigen, dass der neue Blickwinkel viele Innovationen hervorbringt, zum Wohl der Tiere und Menschen.
Für den Kaiserstühler Weinexperten Heger, Vorstandsmitglied im exklusiven Verband Deutscher Prädikatsweingüter VDP, hat Christoph Wirtz einen Wein mitgebracht, den er in einem Getränkehandel in Freiburg erstanden hat. Heger soll das Getränk, das in einer silbern schimmernden Aluhülle seine Identität verbirgt, beurteilen. „Kein Rotwein – kein Mickymauswein“ ist seine erste Reaktion. Er tastet sich vor, vielleicht ein gut gelungener Gutedel?Auf jeden Fall frisch und fruchtig. „Gott sei Dank bin ich Pfläschterer“, entfährt es Thomas Mayer. Und schließlich kruppelt Wirtz das Alu von der Flasche. Es kommt heraus der offizielle Wein des SC Freiburg unter dem Label „Eigengewächs“ für 3,29 Euro. Die anschließende Diskussion um Marketing, Preisgestaltung und die internationale Konkurrenz könnte auch auf einem Fachseminar stattfinden. Das Publikum lauscht gespannt.
Zwei kurzweilige Stunden
Als Designer Primus auf die Bühne kommt, zeigt Wirtz auf den Tisch und will von Benz wissen, ob ihm das Holz ausgegangen ist. Aufhänger für eine hochspannende Diskussion um die Ursprünge und die Qualität von Design, die Primus mit einem so genialen wie einfachen Beispiel illustriert: Er knetet aus einem Blatt Papier ein ansprechendes Becherchen für ein Teelicht. Später zeigt er, wie man aus solchen Anfängen mit Hilfe von künstlicher Intelligenz ein vermarktbares, stabiles Produkt herstellen kann. Überhaupt: Seine Ausführungen zu KI machen Mut: „Sie ist wie ein verzogenes Kleinkind, braucht genaue Order, was sie tun muss und was sie nicht darf.“
Nach kurzweiligen zwei Stunden, die mit einer Zitatenlese aus Wolfgang Abels Kolumnen-Buch „Vier Jahreszeiten“ ein stimmungsvolles Fazit finden, gesellt sich das Volk wieder um die Weingläser, Essen ist auch noch da und Schluss noch lange nicht. Im nächsten Jahr will Ingo Benz einen optimalen Tisch extra für das Tischgespräch präsentieren.