Stuttgarter erzählt von Vasektomie Sollten mehr Männer den Schnitt wagen?
Benjamin Wyllie liegt mit hochgelagerten Beinen im Behandlungsstuhl. Zehn Minuten später ist er sterilisiert – und erleichtert. Über einen Eingriff, über den Männer selten sprechen.
Eine Arztpraxis in Stuttgart-Mitte, viel Licht, helle Wände: Benjamin Wyllie, 41, liegt mit gespreizten und hochgelagerten Beinen in einem Untersuchungsstuhl, ein bisschen wie beim Frauenarzt. Er spürt, wie es warm wird auf dem Hodensack: die örtliche Betäubung. Dann ein kleiner Schnitt, die Samenleiter werden herausgeholt, durchtrennt, um einen Zentimeter gekürzt. Dann werden die Leiter mit Hitze verödet, Wyllie sieht ein Rauchwölkchen aufsteigen, und noch mal zusammengenäht. Hier soll schließlich kein Spermium mehr durchkommen.
Ein Massenphänomen ist die Vasektomie noch nicht
Der Stuttgarter Benjamin Wyllie hat im Februar eine Vasektomie durchführen lassen – also eine Sterilisation, indem die Samenleiter durchtrennt werden. Es ist eine der wenigen Methoden, wie Männer Verantwortung für die Verhütung übernehmen können. Sonst gibt es nur das Kondom. An einer Pille für den Mann wird schon lange geforscht, auf den Markt hat es noch keines der Produkte geschafft. Auch andere Verhütungsmethoden wie etwa der Hodenring werden von Kollektiven propagiert, etwaige Langzeitwirkungen sind aber unklar. Zu einem Massenphänomen ist die Vasektomie trotzdem noch nicht geworden.
30 000 bis 50 000 Männer lassen sich jährlich in Deutschland auf diese Art sterilisieren – eine Zahl, die immer wieder zitiert wird. Etwa gleich viele Männer wie Frauen verhüten durch Sterilisation, wie eine Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ergab – der Anteil der Sterilisation unter den Verhütungsmethoden liegt damit aber nur im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Bei Frauen der Eingriff wesentlich komplizierter und risikoreicher. Über einen Schnitt in der Nähe des Bauchnabels werden die Eileiter durchtrennt, meist wird das unter Vollnarkose gemacht.
„Wir haben währenddessen über Fußball gesprochen“
Bei Benjamin Wyllie dauert der Eingriff nicht länger als 10, 15 Minuten. „Wir haben währenddessen über Fußball gesprochen“, sagt Wyllie, er habe sich in der Praxis gut aufgehoben gefühlt. Nach insgesamt eineinhalb Stunden darf er wieder heimgehen. Wyllie hatte sich über einen Aufruf unserer Zeitung gemeldet. Es werde kaum über Vasektomie gesprochen, deswegen war es ihm ein Anliegen, über seine Erfahrungen zu sprechen. „Anfangs habe ich gedacht: Was kommt alles auf mich zu? Gibt es eine hormonelle Veränderung?“ Bedenken, mit denen viele in den Aufklärungsgesprächen auftauchen. Heute sagt er: „Ich bin damit super zufrieden.“
Nach ein paar Tagen ist Sex wieder möglich
Als er nach einem Ort für die Vasektomie suchte, landete er dort, wo wohl die meisten Menschen mit diesem Anliegen in der Region landen: In der Praxis von Holger Lange, Google führt einen zielsicher zu ihm. Er sei wohl derjenige in Deutschland, der die meisten Vasektomien durchführt, sagt Lange im Gespräch mit unserer Zeitung. Bald werde er die 7000er-Marke knacken.
Nach der Vasektomie wird Benjamin Wyllie von seiner Frau abgeholt, zu Hause geht es direkt auf die Couch. Zwei, drei Tage muss er sich schonen, die Hoden regelmäßig kühlen. Nach vier bis fünf Tagen kann man wieder sexuell aktiv sein. „Die ersten zwei, drei Samenergüsse waren schmerzhaft.“ Danach habe er aber nichts mehr gespürt.
Auch auf Sport muss man die ersten 10 bis 14 Tage verzichten, sagt Urologe Lange. Vor allem die sexuelle Enthaltsamkeit solle kurz nach dem Eingriff verhindern, dass Druck auf die Samenleiter entstehe. Dadurch könne es nämlich zu einer Rekanalisation kommen, also die Samenleiter wieder zusammenwachsen. Laut Statistik komme es bei 2000 Vasektomien zu einer ungewollten Schwangerschaft danach, sagt Lange. Andere Erhebungen gehen auch von einem Verhältnis von 1:1000 aus. Aber selbst mit dieser Zahl gehört die Vasektomie zu den zuverlässigsten Verhütungsmethoden.
Der Körper speichert Spermien
Kurz nach der Vasektomie kann es ohnehin noch zu Schwangerschaften kommen, denn der Körper speichert Samen. Auf Höhe der Prostata gebe es Samenblasen, die noch längere Zeit Spermien abgeben könnten, erklärt Urologe Lange: „Das System braucht 15 bis 20 Samenergüsse, bis es richtig leergelaufen ist“, so Lange. Nach sechs und zehn Wochen sowie nach einem Jahr wird in Langes Praxis die Samenflüssigkeit auf Spermien kontrolliert. Erst wenn sich keine mehr finden, kann man verhütungsfreien Sex haben, ohne eine ungeplante Schwangerschaft zu riskieren.
Nach der Vasektomie produziert der Körper weiterhin Ejakulat. Die Menge der Samenflüssigkeit würde sich durch die Vasektomie um 5 bis 20 Prozent verringern, sagt Lange – eben dadurch, dass keine Spermien mehr in der Trägerflüssigkeit seien. Auch die Konsistenz könne ein wenig anders sein. „Aber normalerweise gibt es keine riesigen Unterschiede“, sagt Lange.
Welche Ängste beim Urologen auftauchen
Manche würden denken, dass man hinterher keine Lust mehr auf Sex hätte, sagt Holger Lange. Das sei aber oft abgeleitet von der Erfahrung mit kastrierten Hunden – die entfernten Hoden beeinflussten aber die Hormonproduktion. Bei einer Vasektomie werden lediglich die Samenleiter durchtrennt, an der Produktion der Hormone – vor allem des männlichen Sexualhormons Testosteron – verändere sich nichts, sagt Lange. Die Hoden arbeiteten weiter, Spermien würden weiterhin produziert. Diese würden, weil sie ja über die verschlossenen Samenleiter nicht abfließen könnten, von den sogenannten Mikrophagen – also Immunzellen – abgebaut und über das Lymphsystem abtransportiert, sagt Lange. Auch die Gliedsteife sei nicht beeinflusst, so Lange, denn die hänge nicht mit den Hoden zusammen.
Auch das Risiko von Prostatakrebs durch eine Vasektomie wird immer wieder diskutiert. Große Studien stellten in der Vergangenheit ein erhöhtes Krebsrisiko durch eine Vasektomie fest, andere Erhebungen fanden keinen entsprechenden Zusammenhang. Letzte Meinung vertreten in der Regel auch urologische Fachgesellschaften.
700 Euro habe er für die Vasektomie bezahlt, sagt Benjamin Wyllie. Der 41-Jährige rechnet gegen: „Ich hoffe, dass ich noch 30, 40 Jahre sexuell aktiv bin. Für Verhütungsmittel fallen über die Zeit hohe Kosten an. Dazu ist es eine Annehmlichkeit, nicht darüber nachdenken zu müssen, ob man gerade Kondome dabei hat.“
Die Vasektomie rückgängig machen geht, ist aber teuer
Und was ist, wenn man im Nachhinein drauf kommt, dass man doch noch Kinder haben möchte? Die Samenleiter wieder zusammenzuführen – eine sogenannte Vasovasostomie oder Refertilisierung – ist wesentlich komplizierter und teurer als das Durchtrennen. Zwischen 3000 und 6000 Euro fallen dafür an, in Einzelfällen auch mehr. Und es gibt dafür nur einige Spezialisten in Deutschland. Die Samenleiter würden dabei mit einem OP-Mikroskop zusammengenäht, weil die Nähte so fein seien, dass man sie ohne entsprechender Vergrößerung nicht sehe, erklärt Urologe Lange, der solche Eingriffe aber nicht selbst durchführt. Liegt die Vasektomie weniger als drei Jahre zurück, können die Samenleiter mit einer Erfolgsquote von 95 Prozent wieder durchlässig werden, heißt es bei einem Expertennetzwerk. Danach sinkt die Erfolgswahrscheinlichkeit ab.
Die Vasektomie rückgängig zu machen, ist für Benjamin Wyllie keine Option: Er und seine Frau hätten immer drei Kinder gewollt. Seit im Oktober ihr drittes Kind auf die Welt kam, ist die Familie für sie also komplett. „Für mich persönlich war es die richtige Entscheidung“, sagt er.