Michael Ralla ist im Schwarzwald aufgewachsen, hat an der Stuttgarter HdM studiert – und ist jetzt für die Spezialeffekte im Vampirfilm „Blood & Sinners“ für einen Oscar nominiert.
Der Visual-Effects-Supervisor Michael Ralla ist in Achern im Schwarzwald aufgewachsen, hat sein Handwerk an der Stuttgarter Hochschule der Medien (HdM) gelernt und ist für seine Arbeit an dem virtuos mit Blues und Gesellschaftskritik verzierten Vampirfilm „Blood & Sinners“ (Originaltitel: „Sinners“) für einen Oscar nominiert. Die 98. Verleihung der bedeutendsten Filmtrophäen der Welt findet in der Nacht vom 15. auf den 16. März im Dolby Theatre in Los Angeles statt. Im Interview spricht der 46-Jährige, der seit 16 Jahren in Kalifornien lebt, über unsichtbare Spezialeffekte, das politische Klima in den USA, schwärmt von seiner Zeit im Stuttgarter Westen und von seinen Heavy-Metal-Träumen.
Herr Ralla, Glückwunsch zur Oscar-Nominierung. Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Reaktion, als Regisseur Ryan Coogler Ihnen das Projekt vorstellte – ein Horrorfilm, in dem Michael B. Jordan gleich zweimal mitspielt?
Michael Ralla: An einen Oscar habe ich da überhaupt nicht gedacht. Mein erster Gedanke war eher: Wenn Michael B. Jordan Zwillinge spielt und es um Vampire geht, wird einer bestimmt gebissen – und am Ende kämpfen sie gegeneinander. Das wird cool.
Wann hatten Sie das Gefühl, dass der Film bei den Oscars tatsächlich eine Rolle spielen könnte?
Während der Dreharbeiten eigentlich noch nicht. Wir hatten schon das Gefühl, dass da etwas Besonderes entsteht. Aber wir wussten nicht, wie der Film beim Publikum ankommen würde. Als wir dann gemerkt haben, wie positiv die Reaktionen waren, hat uns das wirklich umgehauen.
Der Film gilt gar nicht als typischer Visual-Effects-Film.
Das stimmt. Viele Effekte sind bewusst unsichtbar. Tatsächlich gibt es mehr als 1000 Spezialeffekte-Shots im Film, also ungefähr in der Hälfte der Laufzeit. Aber Regisseur Ryan Coogler arbeitet mit sehr langen Einstellungen. In Blockbustern dauern Shots oft nur drei bis fünf Sekunden – bei ihm kann eine Einstellung eine Minute dauern. Unser längster Shot, eine surreale Montage in der Mitte des Films, ist dreieinhalb Minuten lang. Der Großteil der Effekte soll gar nicht auffallen. Ryan wollte Bilder schaffen, die auch in 20 Jahren noch funktionieren. Deshalb haben wir viel Aufwand betrieben, damit sich die Effekte völlig in die Geschichte einfügen. Gedreht wurde außerdem komplett auf 65-Millimeter-Film, also auf IMAX-Film – das machen heute nur noch wenige Produktionen.
Sie konkurrieren bei den Spezialeffekten mit Filmen wie „Avatar: Fire and Ash“ oder „Jurassic World: Die Wiedergeburt“. Haben Sie einen Favoriten?
Es ist ein unglaublich starkes Jahr. Technisch ist „Avatar“ wahrscheinlich am beeindruckendsten. Aber das kennt man schon aus den früheren Filmen. Ich habe 2009 am ersten „Avatar“-Film sogar selbst mitgearbeitet – das war damals wirklich umwerfend. Die anderen Filme haben ebenfalls sehr starke Arbeiten. Aber am Ende ist der eigentliche Gewinn einfach, überhaupt unter den letzten fünf zu sein. Mehr als 300 Filme wurden für die Kategorie eingereicht.
Für die Zwillingsszenen mit Michael B. Jordan haben Sie ein sogenanntes Halo-Rig entwickelt. Was macht dieses System besonders?
Wir wussten von Anfang an, dass die beiden Figuren irgendwann gegeneinander kämpfen würden. Sobald sich zwei Figuren berühren, wird es extrem schwierig, zwei getrennte Aufnahmen zu kombinieren. Wir haben deshalb Michael B. Jordan mit einem speziellen Kamerasystem gefilmt: zehn Kameras um ihn herum, die seinen Kopf aus allen Winkeln aufnehmen. Diese Daten können wir später auf einen Stuntman übertragen, der den Kampf spielt. Technisch entsteht eine räumliche Abbildung seines Kopfes, die wir digital auf den Körper setzen. Das Rig ist aus Carbon und sehr leicht. Michael konnte damit sogar Stunts machen. Dadurch konnten wir ihn direkt am Set, im gleichen Licht und im gleichen Kostüm aufnehmen – und das verbessert die Qualität enorm.
Welche Rolle spielt dabei künstliche Intelligenz?
Wir arbeiten mit Machine Learning, also einem Teilbereich der KI. Die Algorithmen analysieren die Daten, die wir mit dem Halo-Rig aufgenommen haben. Wichtig ist, dass diese Daten alle unter realen Bedingungen entstanden sind – im richtigen Licht, im Kostüm und an den echten Drehorten. Dadurch wirken die Ergebnisse deutlich realistischer.
Sie leben seit 16 Jahren in Los Angeles. War Hollywood immer Ihr Ziel?
Überhaupt nicht. Als Teenager wollte ich eigentlich Heavy-Metal-Drummer werden. Die Band war damals alles für mich. Das war die große Zeit der harten Gitarrenmusik. Wir haben es sogar mal ins Vorprogramm der Stuttgarter Band Tieflader geschafft. Der Gitarrist Alex Scholpp, der ja auch bei den Farmer Boys gespielt hat, ist ja einer der Local Heroes der Stuttgarter Metalszene. Auch hier in Los Angeles höre ich immer noch gerne Tieflader. Die bringen ja dieses Jahr ein neues Album raus. Eigentlich wollte ich Toningenieur werden und habe auch ein Jahr in Düsseldorf studiert. Dort habe ich dann aber einen Tinnitus bekommen, und danach musste ich mir etwas Neues überlegen.
Dann ging es zuerst zurück nach Stuttgart?
Ja, ich habe dann an die Hochschule der Medien in Stuttgart gewechselt. Nach dem Studium habe ich dann zunächst bei Scanline in München gearbeitet, 2007 bin ich nach Sydney zu Animal Logic gegangen. 2010 kam dann der Anruf von Digital Domain für „Transformers“. Kurz darauf folgte ILM in San Francisco für den ersten „Avengers“. 2014 habe ich meine Frau kennengelernt, wir haben ein Haus gekauft, Kinder bekommen – und irgendwann auch geheiratet.
Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Zeit in Stuttgart?
Das war eine großartige Zeit. Ich habe damals im Westen gewohnt. Und die Hochschule hatte fantastische technische Möglichkeiten, tolle Professoren – und vor allem haben sie uns machen lassen. Wir mussten natürlich unsere Scheine bestehen, aber in den Studio-Produktionen konnten wir im Grunde umsetzen, worauf wir Lust hatten. Das war eine tolle Zeit.
Fühlen Sie sich Stuttgart und der Region noch verbunden, obwohl Sie seit vielen Jahren in Hollywood leben?
Ja, auf jeden Fall. Ich komme immer noch gerne nach Deutschland zurück und verfolge auch, was dort in der Medien- und Filmszene passiert. Diese Verbindung geht nicht verloren.
Gab es unterwegs auch Zweifel?
Natürlich. Aber man lernt, wieder aufzustehen und es noch einmal zu versuchen – vielleicht auf einem anderen Weg. Ich glaube, das hat auch mit meiner Ausbildung als Ingenieur zu tun. Diese Herangehensweise wird hier in Hollywood durchaus geschätzt. Ryan Coogler nennt mich manchmal scherzhaft „den deutschen Ingenieur aus dem Black Forest“.
Die USA erleben gerade politisch turbulente Zeiten. Wie nehmen Sie das als Deutscher wahr?
Das ist definitiv ein Thema. Ich habe viel mit Ryan und anderen aus dem Team darüber gesprochen. Unser Team war sehr divers – junge und ältere Leute, Frauen und Männer, Schwarze und Weiße. Während der Arbeit an „Sinners“ haben wir viel über Geschichte gesprochen, etwa über die Jim-Crow-Zeit und ihre Folgen. Ich bin auch oft über die NS-Zeit ausgefragt worden, weil einige da Parallelen zu den Entwicklungen jetzt in den USA sehen. Auch wenn es in Filmen nicht ausdrücklich um Politik geht, können sie Aufmerksamkeit schaffen und Menschen zum Nachdenken bringen. Ich glaube, genau darin liegt auch ihre Kraft.
Filmemacher
Michael Ralla ist in Achern im Schwarzwald aufgewachsen und hat an der Hochschule der Medien in Stuttgart (HdM) studiert. Er hat an vielen Blockbuster-Filmen („Avatar“, „Harry Potter“, „The Avengers“, „Sherlock Holmes“) mitgewirkt – zunächst als Digital Compositor und inzwischen als Supervisor für visuelle Effekte.
Film
Der virtuos Genres vermengende Vampirfilm „Blood & Sinners“ (Originaltitel: „Sinners“) kam im April 2025 in die deutschen Kinos. Er ist bei Streaming-Plattformen wie Apple TV oder Prime Video als Kaufvideo erhältlich.