Das Coronavirus mutiert schneller, als die Impfstofffirmen nachkommen. Welche Unternehmen langfristig das Rennen gewinnen, ist offen. Auch Newcomer jenseits von Biontech/Pfizer und Moderna haben eine Chance.
Auch Rolf Hömke, der Corona-Impfstoffexperte beim Verband forschender Arzneimittelhersteller (VfA), lernt zweieinhalb Jahre nach Ausbruch der Coronapandemie im Wettrennen um den besten Impfstoff immer noch neue Firmennamen. „Ich stoße da immer wieder auf Unternehmen, von denen ich zuvor nie gehört habe“, sagt er.
Unter den Herstellern, die aktuell für neue Versionen des Corona-Impfstoffes einen Zulassungsantrag bei der europäischen Medikamentenbehörde Ema eingereicht haben oder kurz davor stehen, sind selbstverständlich das Mainzer Unternehmen Biontech mit seinem US-Partner Pfizer zu finden sowie der US-Konkurrent Moderna. Beide sind mit unterschiedlichen Versionen ihres an die Omikron-Variante angepassten, modifizierten Impfstoffes im Rennen.
Traditionelle Firmen wieder im Rennen
Auch die im Rennen um einen Corona-Impfstoff lange abgeschlagenen, traditionellen Impfstoffproduzenten Sanofi und GSK aus Frankreich und Großbritannien können sich jetzt dank eines gemeinsamen Impfstoffkandidaten mit einem relativ breiten Schutz gegen verschiedene Coronavarianten wieder Hoffnung machen.
Doch daneben gibt es auch unbekannte Größen wie die Firma Medicago aus Kanada, die einen aus Tabakpflanzen entwickelten Impfstoff in der Pipeline hat, oder Exoten wie das kubanische Impfentwicklungsinstitut IFV.
Was hilft gegen Varianten?
Auch die spanische Firma Hipra ist ein bisher völlig unbekannter Mitspieler. Sie ist eigentlich auf Tiermedizin spezialisiert, und ihr Corona-Impfstoff basiert auf einer traditionellen, proteinbasierten Technologie. Der Impfstoff hat bereits die finale Phase-3-Studie zu seiner Wirksamkeit erreicht. Das Vakzin verspricht einen relativ breiten Schutz auch vor Coronavarianten, einschließlich Omikron.
Aber auch andere Anbieter haben Potenzial: Es sind vor allem Unternehmen, die Impfstoffe gegen die sogenannte Beta-Variante entwickelt haben, die Anfang 2021 in Südafrika auftauchte und vor Omikron die bisher am meisten gegen Impfstoffe resistente war – und offenbar auch gegen die neuesten Viren-Spielarten funktioniert.
Wer langfristig die Lieferanten für die sicherlich dauerhaft notwendigen Corona-Impfungen werden, ist also noch lange nicht entschieden. „Ein Lotteriespiel würde ich das nicht nennen: Da ist schon die richtige Strategie entscheidend“, sagt Hömke.
Was bestellen die EU und die USA?
Auch Biontech und Moderna, die bisher so erfolgreichen beiden großen Anbieter von mRNA-Impfstoffen, befinden sich zurzeit in einem Schwebezustand. Gegen welche Coronavarianten wird der Impfstoff im Herbst genau gebraucht? Die US-Regulierungsbehörde FDA hat erst vor wenigen Tagen bekannt gegeben, dass sie auf einen Impfstoff gegen die aktuell zirkulierenden Varianten BA.4 und BA.5 setzt.
Das Problem: Hier waren erst Tierversuche möglich, die der europäischen Regulierungsbehörde Ema nicht reichen. Stand jetzt bevorzugt man einen bereits an Menschen getesteten, an die frühere Variante BA.1 vom Jahresanfang ausgerichteten Stoff. Doch seither sind gleich zwei weitere Omikron-Wellen mit anderen Varianten durch Europa gerollt. Die Kalkulation der Impfstoffwirksamkeit wird also immer komplizierter.
Komplexe Produktionsplanung
Die Produktionsplanung für die Unternehmen wird immer komplexer. Selbst die von Biontech-Chef Ugur Sahin angekündigte und in der Realität aber noch nicht erreichte Entwicklungszeit von 100 Tagen ist letztlich für die Evolution des Coronavirus zu langsam.
Das Problem für die Hersteller: Sie müssten eigentlich massiv auf Vorrat produzieren, um die Nachfrage im Herbst befriedigen zu können. Immerhin ist es bereits möglich, bei mRNA-Impfstoffen auch schon gewisse Vorprodukte auf Lager zu produzieren, bevor man sie final ausrollt.
Mit riesigen Festverträgen bei der EU, die etwa im Falle von Biontech 900 Millionen Dosen plus die selbe Anzahl von Optionen betragen, haben insbesondere die beiden großen mRNA-Produzenten ein solides, wirtschaftliches Polster. Und ob die Dosen am Ende in dieser Menge tatsächlich verimpft werden, ist nicht das Problem der Impfstoffhersteller. Doch es ist offen, ob das lukrative Dauerabo von Biontech und Moderna auf die EU-Impfstoffverträge so weitergehen wird.
Traditionelle Technologie holt auf
Bisher war die schnelle Anpassungsfähigkeit ein Hauptargument für die mRNA-Impfstoffe. Doch das Rennen gegen Omikron haben die Hersteller verloren. Andererseits schrumpft der Wettbewerbsvorteil selbst gegenüber klassischen, proteinbasierten Impfstoffen, die inzwischen ebenfalls recht schnell angepasst werden können.
Und bei der nächsten Ausschreibungsrunde der EU dürften Argumente wie die Breite des Schutzes gegen verschiedene Varianten oder ein besserer, dauerhafterer Immunschutz eine größere Rolle spielen. Und hier öffnet sich die Tür auch für andere Impfstofftechnologien.
Welche aktuellen Impfstoffkandidaten gibt es in der EU?
Zulassungsphase
Wenn man die beiden schon lange im EU-Verfahren feststeckenden Alt-Impfstoffe Sputnik V aus Russland und Sinovac aus China nicht einberechnet, befinden sich aktuell drei Kandidaten bereits im Zulassungsverfahren: Einer des deutschen Herstellers Biontech und dessen US-Partners Pfizer, ein weiterer von Moderna aus den USA sowie von Sanofi/GSK aus Frankreich und Großbritannien.
Erprobung
Sieben weitere Impfstoffe mit dem Ziel einer EU-Zulassung haben die entscheidende Phase der Praxiserprobung, die sogenannten Phase-III-Studien, erreicht: Weitere Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Sanofi/GSK sowie Hipra (Spanien), Medicago/GSK (Kanada/Großbritannien), Clover Biopharma (China) und IfV (Kuba).