Stimulation des Vagusnervs Lebensqualität verbessern: Wie Sie den Antistress-Nerv aktivieren

Anne Guhlich , aktualisiert am 09.05.2025 - 16:36 Uhr
Die Stimulation des Vagusnervs kann auch die Lebensqualität von gesunden Menschen verbessern. Foto: KI/Midjourney/Montage: Ruckaberle

Die Stimulation des Vagusnervs wird seit Jahren zur Behandlung von Krankheiten genutzt. Neue Techniken ermöglichen es auch gesunden Menschen, ihren Vagusnerv zu stimulieren.

Zur Behandlung etwa von Epilepsie wird die Stimulation des Vagusnervs schon lange genutzt. Neue, nicht-invasive Techniken ermöglichen es inzwischen auch gesunden Menschen, ihren Vagusnerv zu stimulieren, um Schlafqualität, Stressresistenz und Leistungsfähigkeit zu verbessern.

 

Was ist der Vagusnerv?

Der Vagusnerv ist der längste Hirnnerv und steuert etwa Herzschlag, Atmung und Verdauung. „Er verbindet Gehirn und Organe, beeinflusst Stress, Emotionen und die Immunabwehr“, sagt Nils Kroemer, Professor für Medizinische Psychologie an der Uniklinik in Bonn und Leiter der Arbeitsgruppe für Translationale Psychiatrie der Uniklinik für Allgemeine Psychiatrie und Psychotherapie in Tübingen.

Wie kann der Vagusnerv stimuliert werden?

Zur natürlichen Stimulation werden Atemübungen, Kältereize oder Yoga eingesetzt, die indirekt über den Vagusnerv wirksam werden können. Gezielt kann der Nerv eher elektrisch stimuliert werden, sowohl invasiv als auch nichtinvasiv.

Der Vagusnerv verbindet das Gehirn und die Organe miteinander. Foto: Grafik: Yann Lange, Vorlage: vTNS

Was ist die invasive Vagusnervstimulation?

Die invasive Vagusnervstimulation (VNS) ist ein medizinisches Verfahren, bei dem ein kleines Gerät (ähnlich einem Herzschrittmacher) chirurgisch unter die Haut, meist im Brustbereich, implantiert wird. Dieses Gerät sendet elektrische Impulse über eine Elektrode, die am linken Vagusnerv im Hals angebracht ist. „Dieses Verfahren wurde seit den 1990er-Jahren zunächst für die Behandlung von Epilepsie angewendet“, berichtet Kroemer. „Eher zufällig entdeckte man bei dieser Anwendung, dass sich bei Epilepsiepatienten, die an einer Depression leiden, durch die Implantierung die Stimmung der Patienten häufig aufhellte.“ Seitdem wird die VNS auch zur Behandlung von therapieresistenter Depression angewandt. „Durch die Vagusnervstimulation wird die Synchronisation der Signale aus dem Körper und dem Gehirn verbessert“, sagt Kroemer. „Das kann auch dazu führen, dass wir eine Verbesserung unserer Stimmung erleben.“

Was ist die nichtinvasive Vagusnervstimulation?

Diese Methode stimuliert den Nerv ohne Operation – etwa über tragbare Geräte, die elektrische Impulse an Hals oder Ohr senden. Sie wird bei Long Covid, Schlafstörungen oder Tinnitus eingesetzt und ist zunehmend auch für gesunde Menschen interessant.

Wann ist die Vagusnervstimulation für gesunde Menschen sinnvoll?

In den vergangenen Jahrzehnten hat die Forschung zu der Frage, wie Menschen möglichst lange und gesund leben können, zugenommen. Unter dem Schlagwort Longevity (Langlebigkeit) ist ein eigener Markt und eine Szene entstanden. Im Kern der Bewegung steht die Prävention. Also statt erst aktiv zu werden, wenn Ärzte eine Diagnose ausstellen, wollen immer mehr Menschen ihren Lebensstil danach ausrichten, dass es erst gar nicht zu Erkrankungen kommt. Neben der Ernährung und Sport zählt ausreichender Schlaf sowie die Fähigkeit zur Stressbewältigung und mentale Gesundheit zu den wichtigsten beeinflussbaren Parametern, die eine frühzeitige Entstehung von Krankheiten verhindern sollen.

Als einer der prominentesten Vertreter der Longevity-Bewegung gilt der amerikanische Milliardär Bryan Johnson. Er geht davon aus, dass sich durch die Verwendung von Geräten zur Stimulation des Vagusnervs sein Stresslevel, die Stimmung, die Verdauung und die Entzündungswerte verbessert haben. Er nutzt die Geräte, um seine Herzfrequenzvariabilität (HRV) zu erhöhen. Eine hohe HRV steht allgemein für ein gesundes, anpassungsfähiges, autonomes Nervensystem. Sie bedeutet, dass der Abstand zwischen den einzelnen Herzschlägen flexibel ist – also nicht wie ein Metronom völlig gleichmäßig, sondern sich dynamisch an innere und äußere Reize anpasst.

Kann die Vagusnervstimulation gefährlich sein?

Die Geräte gelten als sicher. Nebenwirkungen können Halsbeschwerden, Kopfschmerzen, Schwindel oder Hautreizungen sein. Patientinnen und Patienten, die an einer Erkrankung des Herz-Kreislaufsystems leiden, sollten die Anwendung zuvor mit ihrem Arzt abklären.

Was kosten die Geräte für die Vagusnervstimulation ?

Bislang ist die Vagusnervstimulation noch eine kostspielige Angelegenheit. Denn selbst bei Patienten, die eine schwere Diagnose vorweisen können, wird das Gerät nicht von der Krankenkasse erstattet. Das bislang erste und einzige Gerät zur Vagusnervstimulation, das in der EU als Medizinprodukt zugelassen ist, kommt von der Erlanger Firma tVNS Technologies. Zugelassen ist das Gerät für die Behandlung von unterschiedlichen Krankheiten:

  • Angststörungen
  • Autismus
  • Chronisch-Entzündliche Darmerkrankungen (inkl. Colitis Ulcerosa und Morbus Crohn)
  • Depression
  • Epilepsie
  • Kognitive Beeinträchtigung
  • Migräne
  • Parkinson
  • Prader-Willi-Syndrom
  • Schlafstörungen
  • Systemische Sklerose
  • Tinnitus
  • Vorhofflimmern

Der Preis für das Gerät aus Erlangen liegt bei 3500 Euro. „Da es auch Menschen gibt, bei denen die Vagusnervstimulation keinen Effekt zeigt, bieten wir die Möglichkeit, das Gerät für 1500 Euro 180 Tage lang zu testen“, sagt Jörg Trinkwalter, der Leiter Geschäftsentwicklung bei tVNS Technologies. Bis 2027 strebt er an, dass die Krankenkassen die Kosten für das Gerät übernehmen, zumindest für bestimmte Indikationen.

Der US-amerikanische Tech-Milliardär Bryan Johnson gilt als eine Art Guru der Langlebigkeitsbewegung. Der 47-Jährige hat es sich zum Lebensinhalt gemacht, das Altern zu besiegen. Auf der Internetplattform X schreibt er, dass er mit der Vagusnervstimulation seine Schlafqualität verbessern, die Herzfrequenz senken und Gedankendauerschleifen unterbrechen könne. Benutzt habe er Geräte von Sensate, Nurosym und Pulsetto. Die Geräte kosten zwischen 270 und 700 Euro.