Der Zerstörer USS Ross (DDG 71) der US Navy kommt im Hafen von Odessa an. Er nimmt an der Militärübung „Sea Breeze“ (Meeresbrise) teil. Foto: dpa/Konstantin Sazonchik

Russland protestiert gegen ein Manöver im Schwarzen Meer. Die Gründe überzeugen nicht, meint StN-Autor Christoph Reisinger.

Stuttgart - Da hat das russische Außenministerium recht: Die Zwei-Wochen-Übung Sea Breeze (Meeresbrise) von See- und Seeluftstreitkräften aus 32 Staaten im Schwarzen Meer ist eine Provokation. Mehr noch: Für Russland ist sie eine Demütigung. Allerdings nicht im Sinn der offiziellen russischen Verlautbarungen.

 

Militärisch geht es bloß um Routine, wenn – mitunter auch sehr große – Flottenverbände in internationalen Gewässern üben. Es gab glücklichere Jahre in den gemeinsamen Beziehungen, in denen sich Russland selber zum Beispiel an US-Baltops beteiligte, einem traditionsreichen Einladungsmanöver der amerikanischen Marine in der Ostsee. Solche Übungen gehören zum militärischen Kerngeschäft. Sie heben den Ausbildungsstand und die Fähigkeit zum gemeinsamen Einsatz der beteiligten Einheiten.

Manöver verdienen per se keine Empörung

Politisch lässt sich gegen Manöver auf und über See wenig einwenden, solange sie internationales Recht respektieren. Im Fall von Sea Breeze ist das gegeben. Zum Vergleich: Kein Protest, nirgends – und das völlig zu Recht –, als Russland vor wenigen Wochen 4500 Kilometer südöstlich seiner Kurilen-Inseln ein Großmanöver im Pazifik gefahren hat und das selbstbewusst kundtat. Mit offensiven Übungsteilen und mit deutlich größeren Kräften als die US-Marine nun ins Schwarze Meer gebracht hat.

Woher also die Wut? Sea Breeze führt Russland drei Dinge unerbittlich vor Augen: So isoliert, wie in Moskau gern behauptet, steht die Ukraine keineswegs da. Russland ist der mit Abstand stärkste Anrainer des Schwarzen Meeres, aber das ist kein russisches Meer. Und die imperiale Geste, der Daueranspruch, Grenzen in Europa verschieben zu wollen sowie die russische Landnahme auf der Schwarzmeer-Halbinsel Krim 2014 – das alles hat einen hohen Preis. Amerikas Nähe, Amerikas militärische Zusammenarbeit wird in der Schwarzmeerregion wie in vielen anderen gesucht. Ganz offen und ausdrücklich wegen der russischen Politik.

Deutsches Fehlen fällt auf

Russlands Demütigung besteht genau darin: Während die eigenen Marineverbände kaum mehr ausländische Übungspartner finden, sind dieses Jahr Länder aus allen fünf Erdteilen der Einladung von Amerikanern und Ukrainern ins Schwarze Meer gefolgt. Auch wenn das immer wieder zu hören und zu lesen ist, so bleibt es doch eine groteske Verzeichnung von Ursachen und Wirkungen, für diese Entwicklung eine Nato-Verschwörung oder eine Einkreisungspolitik von wem auch immer gegen Russland verantwortlich zu machen. Hinter jedem Boot, hinter jeder Soldatin, die sich an Sea Breeze beteiligen, steht die autonome Entscheidung eines souveränen Staates. An dieser Stelle ist es ganz einfach: Die Regierung Putin erntet, was sie seit Jahren sät.

Dass die deutsche Marine seit 2015 Sea Breeze meidet, fällt umso stärker auf. Ob als Signal der Beschwichtigung gegenüber Russland oder weil die seit Jahren überstrapazierte Marine schlicht kein Schiff oder Flugzeug in ein Meer schicken kann, das für die deutsche Sicherheitspolitik keine Toppriorität hat, sei dahingestellt. Und gibt so oder so zu denken.

Zumal in diesem Randmeer Kernthemen der europäischen Sicherheit berührt werden. Die rustikale Weise, in der die russische Marine jüngst ein britisches Kampfschiff aus ukrainischen – nach Moskauer Lesart russischen – Gewässern vor der Krim vertrieben hat, zeigt es ja. Wobei von diesem Zwischenfall auch ein positives Signal ausgeht, das niemand überhören sollte: Beide Seiten haben ihn nicht aufgebauscht und die Lage nicht eskaliert. Was heißt: An noch schlechteren Beziehungen hat niemand ein Interesse, Sea Breeze hin oder her.

christoph.reisinger@stuttgarter-nachrichten.de