Donald Trumps Botschaft: Erst die USA – dann der Rest der Welt. In Europa wollen viele das noch immer nicht wahrhaben. Foto: AFP/Saul Loeb

Ein manchmal engstirniger Isolationismus ist die ewige Versuchung der US-Außenpolitik – Donald Trump spricht dies nur offen aus. Und Kamala Harris hat von ihm gelernt.

Was schert uns Europa? Warum sollen wir unseren Frieden und Wohlstand wegen denen riskieren?“ Das ist nicht der neueste außenpolitische Slogan von Donald Trump. Diese hier einmal ins Trumpistische übersetzten Sätze stammen von keinem geringeren als George Washington. Der feiner ziselierte Originalton von 1796 lautet so: „Warum sollen wir, indem wir unser Schicksal mit irgendeinem Teil Europas verbinden, uns mit unserem Frieden und Wohlstand in quälenden europäischen Ambitionen, Rivalitäten, Interessen, Stimmungen und Launen verfangen?“ Der erste US-Präsident hat diese Botschaft ins Zentrum seiner Abschiedsrede an das amerikanische Volk gestellt.

 

Die Geografie der USA ist unverrückbar

An den grundlegenden Tatsachen, die ihn zu seiner Einschätzung gebracht haben, hat sich seither nichts geändert. Da ist vor allem die Geografie. Zwei Ozeane in Ost und West halten den USA die Welt auf Abstand. Im Norden und Süden liegen zwei ungefährliche Nachbarn, von denen Kanada im Norden ein naher Verwandter ist. Die Vereinigten Staaten haben zur Selbstbezogenheit genügend Raum. Die Gesamtfläche der EU ist weniger als halb so groß wie die der USA. Ein Flug von Los Angeles nach New York dauert fast so lang wie der von New York nach Europa.

Selbstgenügsamer Binnenmarkt

Die Menschen, die in die USA geströmt sind, haben zudem ihren Heimatländern bewusst den Rücken zugekehrt. „Der Mittlere Westen, der viel von Einwanderern besiedelt wurde, die den europäischen Konflikten entfliehen wollten, ist außenpolitisch am meisten konfliktscheu“, sagt der US-Politologe Michael Barone. Und für Amerikaner von der Westküste wie Kamala Harris ist Europa sehr weit weg. Ihre Wurzeln liegen in Indien und der Karibik. Auch der riesige US-Binnenmarkt genügt sich selbst. Es gibt fast kein Land auf der Welt, dessen Wirtschaft weniger abhängig von Im- und Exporten ist als die USA. Der Aktienwert der US-Unternehmen ist höher als der aller börsennotierten Firmen aus dem Rest der Welt zusammen.

Manchmal scheinen wir in Europa diese Fakten zu vergessen. Wir kennen die Amerikaner als bei uns stationierte Soldaten und Touristen. Doch ein großer Teil der US-Bevölkerung setzt selten oder nie einen Fuß ins Ausland. „Es ist unzweifelhaft, dass die meisten Amerikaner die meiste Zeit von ihrem Land so wenig Außenpolitik wollen wie möglich“, sagt der konservative, trumpkritische Kolumnist George F. Will.

Europäer konnten den Rest der Welt nicht ignorieren – wegen der Vielzahl ihrer Nachbarn, wegen ihrer kolonialen Verstrickungen und wirtschaftlichen Verflechtungen. Isolationismus oder Unilateralismus erschienen für die USA hingegen oft attraktiv. Das Land wurde immer erst dann aktiv, wenn elementare Interessen bedroht schienen.

Trump spricht nur aus, was viele denken

Donald Trump ist deshalb mit seinem uns in Europa erschreckenden Weltbild kein Außenseiter. Er folgt dem Prinzip „America first“ nur bis zur radikalen Konsequenz. Amerika zuerst – das heißt für ihn, dass es in der Außenpolitik um den bestmöglichen Deal geht, nicht um Werte oder Bündnisse.

Trump teilt, ohne sich dafür zu genieren, die Ignoranz vieler Amerikaner gegenüber dem Rest der Welt. Ausgerechnet dieser notorische Lügner wirkt deshalb im Vergleich zum außenpolitischen Establishment, das knallharte Interessenpolitik manchmal hinter hehren Überschriften versteckt, eben ehrlich. Sein Gespür für den isolationistischen Mainstream in der Bevölkerung, der weit über seine eigene Anhängerschaft hinausreicht, macht ihn so gefährlich. „Ich glaube, dass die Republikaner nach Trump genauso nach innen schauen werden – nur noch düsterer und defätistischer und ohne das Trump’sche Feuerwerk,“ schrieb der Kolumnist David Brooks in der New York Times.

Es geht um den richtigen Deal

Wer nicht zahlt, wird auch nicht geschützt, lautet Trumps schlichtes Verständnis der Nato. Und einen Wladimir Putin hält er eben für einen, mit dem sich skrupellos handeln lässt. Motto: Um welchen Preis verkloppen wir die Ukraine? Trumps Haltung zu China ist konfrontativer. Hier haben die USA eben zurzeit einen schlechten Deal, so findet er. China bedroht amerikanische Arbeitsplätze. Und so plädiert er für aggressives Auftreten und hohe Schutzzölle. Trump hat aber auch schon laut darüber nachgedacht, ob für die Vereinigten Staaten es wert sei, Taiwan zu verteidigen - was in Peking aufmerksam registriert wurde.

Geschmeidiges Verhältnis zur Welt

Wer auf die fast zweieinhalb Jahrhunderte Geschichte der USA zurückblickt, der merkt, wie geschmeidig, manchmal sprunghaft sie ihr Verhältnis zum Rest der Welt gestaltet haben. Aus der noch im Krieg von 1812 bis auf Blut bekämpften Ex-Kolonialmacht Großbritannien wurde im 19. Jahrhundert ein Wirtschaftspartner. Als im Jahr 1898 US-Interessen in Kuba auf dem Spiel standen, zogen die USA unter dem Banner des Antikolonialismus gegen Spanien in den Krieg – nur um anschließend mit Puerto Rico und den Philippinen sich selber ihre ersten Kolonien anzueignen. Im Ersten Weltkrieg hielten sie sich erst heraus, dann intervenierten sie, dann zogen sie sich nach Kriegsende wieder aus Europa zurück. Nachdem vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs der US-Kongress ein Neutralitätsgesetz nach dem anderen verabschiedet hatte, wetteiferten noch im Wahlkampf 1940 zwei Kandidaten, einer davon Franklin Roosevelt, mit Versprechungen, wer die USA besser aus dem Zweiten Weltkrieg heraushalten würde. Das Prinzip „America First“ verteidigte ein gleichnamiges Komitee, in dem der Atlantikflieger Charles Lindbergh, der Großindustrielle Henry Ford oder der Entertainment-Mogul Walt Disney erfolgreich die Fäden zogen. Der im Nachhinein so folgerichtig erscheinende Kriegseintritt der USA wäre ohne den Schock des japanischen Überraschungsangriffs so nicht gekommen. Drei Tage nach Pearl Harbor löste sich das „America First Commitee“ sang- und klanglos auf.

Isolationismus vor dem Zweiten Weltkrieg

Nachkriegszeit als Sonderfall

Die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war für die USA der absolute historische Sonderfall. Zu unmittelbar wurde im Zeitalter der Atomraketen die Bedrohung durch die Sowjetunion wahrgenommen, als dass man noch glaubte, sich hinter den Schutz der beiden Meere zurückziehen zu können. Aber noch 1952 hätte auch der Radikal-Isolationist Robert Taft, der als Senator gegen die Gründung der Nato gestimmt hatte, anstatt des bündnisfreundlichen Ex-Generals Dwight Eisenhower, der dann auch Präsident wurde, gut der republikanische Kandidat sein können. Im Vietnamkrieg oder nach dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 reagierten die USA erst mit reflexartigem, auch arroganten Aktionismus – nur um am Ende ihre Klienten und Verbündeten abrupt im Stich zu lassen. Es war nicht Donald Trump, sondern Joe Biden, der dies jüngst in Afghanistan durchexerziert hat.

Die berechtigte Angst der Europäer

Die europäische Angst, ein solches Schicksal zu erleiden, ist seit dem Zweiten Weltkrieg immer wieder präsent. „Die Isolationisten haben ihre Fahnen wieder aufgezogen, laute Reden gehalten - und Scharen aufmerksamer Hörer an sich gezogen,“ schrieb das Nachrichtenmagazin der Spiegel im Jahr 1951. Das war mitten im Koreakrieg. „So nötig eine Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Innen- und Außenpolitik in den USA nach dem Ende des Kalten Krieges auch sein mag, so beunruhigend ist die wachsende Popularität der rechtskonservativen Neo-Isolationisten“, kommentierte exakt vier Jahrzehnte später die Tageszeitung 1991.

Im Dezember 2009 blickte der US-Publizist Robert Goldmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sorgenvoll auf den demokratischen Präsidenten Barack Obama und dessen angeblich isolationischen Anwandlungen. „Wird Amerika der Welt so müde, dass es sich, wie in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, auf die Probleme im eigenen Land konzentriert?“

Isolationismus kann aggressiv sein

Isolationismus bedeutet keine friedliche Außenpolitik. Trump versteht es, wenn es ihm opportun scheint, mit dem Säbel zu rasseln. Seine Israelpolitik besteht aus der Ansage: Haut drauf! Ich stehe bedingungslos hinter euch. Schließlich geht es ja gegen die von ihm dämonisierten Muslime. Auch diese Bereitschaft zur interessengeleiteten militärischen Gewalt reicht weit zurück. Die US-Marine ist schon um 1800 im Mittelmeer aufgekreuzt, weil nordafrikanische Piraten US-Bürger versklavten. Sozusagen die frühe Version des „Krieges gegen den Terror.“ Auch die Monroe-Doktrin von 1823, welche die westliche Hemisphäre als Bereich definierte, von dem die Europäer wegbleiben sollten, war isolationistisch nach außen und interventionistisch in Bezug auf Lateinamerika.

Joe Biden ist untypisch

Der noch vom Kalten Krieg geprägte Joe Biden ist ein Auslaufmodell. Für seine jüngere Nachfolgekandidatin Kamala Harris ist Außenpolitik weiter weg. Während Biden als Vizepräsident unter Obama dessen außenpolitischer Emissär gerade für Europa gewesen ist, widmete sich Harris als Vize der Innenpolitik, von der Abtreibungsfrage bis zur Zuwanderung. In der Debatte mit Trump hielt sie sich etwa bedeckt, wie weit die USA bei der Unterstützung der Ukraine gehen sollen. „Mehr Klarheit von ihr, um zu zeigen, dass sie das Rückgrat für die schwierigsten außenpolitischen Herausforderungen besitzt und ihrer linken Basis die Stirn bietet, würde mehr unentschiedene Wähler davon überzeugen, dass sie die nötige Entschlossenheit gegenüber Putin hat“, schrieb danach der liberale Kolumnist Thomas Friedman. Auch unter einer Präsidentin Harris müssten sich die Europäer warm anziehen. Beim Thema Schutzzölle etwa kopiert sie Trumps populistisches Rezept. Auch Joe Biden hat dessen China-Zölle beibehalten.

Natürlich würde eine Präsidentin Kamala Harris rationaler agieren als Trump. Aber die vorsichtige Demokratin wäre nicht nur von der Krise rund um Israel absorbiert, die wegen dessen enger Verbindungen mit den USA quasi Teil der US-Innenpolitik ist. Sie müsste auch die Stimmung im Land genau im Blick haben. Trump hat diese verändert. Amerika zuerst, das trifft den Nerv vieler Wählerinnen und Wähler. Und ist der Trend zum nationalen Egoismus in Europa so anders? Wo Deutschland als erstes Grenzkontrollen einfallen, wenn es um Migration geht? Es ist deshalb gut, dass Trumps Radikalismus aufschreckt. Der transatlantische Deal muss auch dann neu ausgehandelt werden, wenn er nicht gewinnen sollte.