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Urteil nach Kollision mit Stadtbahn in Stuttgart Psychisch Kranker auf Bewährung frei

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Der Unfall mit der Stadtbahn ereignete sich im November 2016. Foto: SDMG

Stuttgart - Was war als Motiv nicht alles vermutet worden, nachdem sich ein VW Polo in der Nordbahnhofstraße mit Vollgas frontal in eine Stadtbahn gebohrt hatte: Der Fahrer nordafrikanischer Herkunft soll vom Islamischen Staat zu einem Attentat beauftragt gewesen sein – das sagte er selbst kurz nach dem Unfall. Dann wandelte sich der Fall in ein Ehedrama, bei dem die Frau auf dem Beifahrersitz umgebracht werden sollte. Sie überlebte schwer verletzt. Am Donnerstag hat das Landgericht das Urteil gesprochen: Der 36-jährige Beschuldigte ist psychisch krank und schuldunfähig. Eine Unterbringung in eine geschlossene Anstalt gibt es aber vorerst nicht – die wird zur Bewährung ausgesetzt. Auf den ersten Blick überrascht das Urteil der 9a. Strafkammer des Landgerichts, die sich über drei Prozesstage mit dem spektakulären Fall im Stuttgarter Nordbahnhofsviertel auseinandergesetzt hatte. Denn an jenem 23. November 2016 um 18.50 Uhr hätte es Tote geben können. Damals war der Beschuldigte mit seiner 33-jährigen Ehefrau mit dem Auto ohne Ziel in Stammheim losgefahren, um dann in der Nordbahnhofstraße eine entgegenkommende Stadtbahn der Linie U 12 ins Visier zu nehmen.

Mit 80 km/h frontal auf die Stadtbahn

Ein Dekra-Gutachter stellte fest: Mehr als 80 Kilometer pro Stunde hatte der VW Polo auf dem Tacho, die Stadtbahn noch gut 20 km/h. Als die Fahrzeuge „bolzgerade“ kollidierten, flog der Pkw 18 Meter zurück. Dabei wurde die Beifahrerin lebensgefährlich verletzt, der Verursacher schwer, der Stadtbahnfahrer leicht.

Bald stellte sich heraus: Der Autofahrer und Ehemann litt unter einer „akuten halluzinatorischen Psychose“, so der psychiatrische Gutachter Wolfgang Wagner. All die Erzählungen von einem Attentatsauftrag durch den IS, Befehlen aus einem Fernseher oder den Kontakten zu einem Geheimdienst seien typische Wahnsymptome. Der heute 36-jährige Angeklagte wird dauerhaft medikamentös behandelt werden müssen, „sonst wäre die Gefahr groß, dass es zu ähnlichen Vorfällen kommt“. Wegen einer krankhaften seelischen Störung sei er im Sinne des Gesetzes nicht schuldfähig.

Er will noch sein Studium beenden

Ein klarer Fall für eine geschlossene Anstalt? Nein – denn die Geschichte bleibt ungewöhnlich. Die Ehefrau, obwohl damals lebensgefährlich verletzt und als Nebenklägerin im Gericht, stellt die Beziehung nicht infrage. „Er soll wieder in unser gemeinsames Zuhause kommen“, sagt sie.

Auch der Psychiater gibt dem 36-Jährigen eine positive Prognose. Dafür spreche seine Einsicht in die Krankheit und die notwendige Behandlung. Auch die Medikamente scheinen gut anzuschlagen. Sogar ein Informatikstudium in Lübeck, das der 36-Jährige vor dem Unfall absolvierte, scheint weiterhin möglich zu sein: Bewährungshelfer und entsprechende psychiatrische Einrichtungen haben eine ambulante oder teilstationäre Betreuung bereits zugesagt. Der Beschuldigte, der 2003 aus Marokko nach Deutschland zum Informatikstudium gekommen war und für den Lübeck der dritte Anlauf bedeutet, will „unter dieses Kapitel endlich einen Schlussstrich ziehen“, wie er sagt. Auch wenn er sich bewusst sei, dass er anschließend als Informatiker nicht werde arbeiten können – „zu viel Stress“.

Richterin: Urteil macht „große Bauchschmerzen“

Das schreibt ihm auch Vorsitzende Richterin Ute Baisch ins Stammbuch. Die Kammer erklärt ihn zwar für den versuchten Totschlag an seiner Frau als schuldunfähig – und setzt eine Unterbringung für vier Jahre zur Bewährung aus. Voraussetzung ist eine engmaschige Betreuung in einer Tagesklinik. Das Studium in Lübeck hält die Richterin indes für keine gute Idee: „Sie sollten sich lieber in eine Lebenssituation mit weniger Stress bringen“, sagt sie. „Dieses Urteil“, räumt sie ein, „macht mir große Bauchschmerzen.“

In Sachen Ehe gibt es jedenfalls wenig Romantik. Psychiater Wagner sagt: „Es ist eben nicht alles wie früher, wenn er wieder nach Hause kommt. Das muss erst alles in ein neues Gleichgewicht gebracht werden.“

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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