Über Gewalt unter Partnern zu sprechen ist wichtig, der Fall Depp gegen Heard ist aber das falsche Beispiel, kommentiert unsere Autorin.
Beleidigt, geschlagen, gewürgt, bedroht - 36 solcher Fälle von Partnergewalt verzeichnete die Polizei in Baden-Württemberg. An jedem einzelnen Tag des Jahres 2021. In vier von fünf Fällen war die Frau das Opfer. Und das sind nur die gemeldeten Fälle, die Dunkelziffer ist hoch. Partnergewalt, das ist ein ebenso großes wie in Teilen nicht ausgeleuchtetes Thema. Statistisch gesehen stirbt jeden dritten Tag eine Frau in Deutschland durch einen Mann, den sie häufig gut kennt.
Umso wichtiger ist es, dass das Thema maximal Aufmerksamkeit bekommt und so auch Nachbarn, Freunde, Kollegen dafür sensibilisiert werden, Dinge anzusprechen, wenn das Opfer selbst schweigt. Zumal längst ein Kampf um die Deutungshoheit über Partnergewalt entbrannt ist. Ebenso wie Opferverbände versuchen, das Thema aus der Tabuzone zu holen, gibt es – meist männliche – Stimmen, die sagen, der Gewalt-Vorwurf werde von Frauen instrumentalisiert, um Männer nach einer Trennung sozial zu vernichten. Solche Fälle gibt es auch. Aber sie sind nicht die Regel.
Hauptfiguren als Stellvertreter
Unter diesen gegensätzlichen Blickwinkeln verfolgten viele nun den Prozess zwischen den Hollywood-Schauspielern Amber Heard und Johnny Depp. Als einen Fall, der auf ganz großer Bühne zeigt, was Männer Frauen antun – und umgekehrt.
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Auch die beiden Hauptfiguren inszenierten sich in diesen Stellvertreterrollen. Die 36-jährige Amber Heard sieht sich als gepeinigte junge Frau, die von einem einflussreichen, älteren Mann in einen toxischen Kreislauf aus emotionaler Abhängigkeit und Gewalt hineingezogen wurde. Damit rückt sie sich auch in die Nähe der Metoo-Bewegung, die anhand vieler Fälle öffentlich gemacht hat, wie manche Männer ihren Status ausnutzen, um Frauen zu erniedrigen, zu belästigen und zu missbrauchen. Der Hass und die verbale Brutalität bis hin zu Morddrohungen, die Heard dafür entgegen schlagen, steht dabei durchaus exemplarisch für das, was vielen Frauen passiert, die in der Öffentlichkeit stehen.
Klatsche gegen vermeintliche Verschwörung
Die andere Seite bedient wiederum geschickt der 58-jährige Johnny Depp, der dieses juristische und mediale Großevent auslöste. Er hatte seine Ex-Frau auf 50 Millionen Dollar Schadenersatz verklagt, weil diese mit einem verleumderischen Zeitungsartikel seinen Ruf geschädigt habe. Dass Depp weitestgehend Recht und rund acht Millionen Dollar Schadensersatz zugesprochen bekam, wird nun auch als Klatsche für eine vermeintliche feministische Verschwörung gefeiert, deren langfristiges Ziel die Zerstörung aller Männer ist. Einige bewerten es als Ende der Metoo-Bewegung.
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Nicht nur unter diesem Aspekt wäre es fatal, die Heard-Depp-Schlammschlacht als relevant oder richtungsweisend für das Thema Partnergewalt generell zu sehen. Denn was nun sechs Wochen lang mit Videoschnipseln, Zeugenaussagen, Tonaufnahmen und Fotos ans Licht geholt und über die sozialen Medien in Echtzeit hyperventiliert und weiter gedreht wurde, waren keine allgemeingültigen Erkenntnisse. Es war das intime und verstörende Psychogramm einer dysfunktionalen Beziehung zweier Menschen mit multiplen Problemlagen, von denen Suchtmittelabhängigkeit nur eine ist. Wer wem am Ende was angetan hat, wer Opfer und wer Täter ist, bleibt nach dem Urteil der Jury verwirrend und hat nichts mit dem klaren Machtgefälle, das es in den meisten Fällen von Gewalt gegen Frauen gibt, zu tun.
Selbstdemontage eines Idols
Fest steht am Ende eigentlich nur, dass sich hier ein langjähriges Idol und ein Schauspieltalent selbst vollumfänglich demontiert und anderen die Möglichkeit gegeben haben, den Fall für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Das ist die eigentliche Tragik an diesem Fall.