Die Mühlen von Mykonos: ein Sehnsuchtsziel der Touristen. Foto: imago images/NurPhoto/Nicolas Economou

Griechenland ist extrem beliebt bei Urlaubern , auch wenn die Preise ziemlich angezogen haben. Für Frankreich, Italien, Spanien und Kroatien ist Nachfrage ebenfalls groß.

Eine Portion Gyros 25 Euro, 15 Euro für einen Espresso, 25 Euro für ein großes Bier: In den sozialen Netzwerken machen viele Reisende ihrem Ärger über die Wucherpreise an griechischen Tourismus-Hotspots wie der Schickeria-Insel Mykonos Luft. Die Exzesse haben die Reiselust allerdings bisher nicht spürbar gedämpft.

 

Die Marke Griechenland zieht. Bei Europas größtem Reiseveranstalter Tui zählt Hellas 2022 zu den am meisten nachgefragten Destinationen. Der Marktführer will in diesem Jahr drei Millionen Gäste nach Griechenland bringen. Größte ausländische Urlaubernation sind die Deutschen, gefolgt von Briten und Franzosen. Das Land profitiere von seinem guten Corona-Krisenmanagement in der Pandemie, von seiner landschaftlichen Vielfalt und dem Trend zu individuellerem Urlaub, heißt es beim Verband der griechischen Tourismusunternehmen Sete.

Dafür sind viele Touristen offenbar bereit, tiefer in die Tasche zu greifen. Im Mai lag die Inflation in Griechenland mit 11,3 Prozent weit über dem Durchschnitt im Euroraum von 8,1 Prozent. Nach Berechnungen des staatlichen Statistikamtes Elstat haben sich im Mai die Transportkosten in Griechenland gegenüber dem Vorjahr um 19 Prozent verteuert. Die Zimmerpreise in den Hotels stiegen um 22,2 Prozent.

Ein Liter Super für 2,70 Euro

Der Präsident des griechischen Hotelverbandes, Grigoris Tasios, macht dafür den Anstieg der Betriebskosten um bis zu 30 Prozent verantwortlich. Vor allem Individualreisende bekommen die höheren Übernachtungspreise zu spüren. Pauschalurlauber sind weniger betroffen, weil die Reiseveranstalter diese Tarife noch im vergangenen Winter ausgehandelt haben, vor dem jüngsten Inflationsschub.

Für Mietwagen muss man zehn bis 20 Prozent mehr als im Vorjahr bezahlen. Hinzu kommt der Preisanstieg beim Treibstoff: Auf den Ferieninseln kostet der Liter Superbenzin derzeit zwischen 2,60 und 2,70 Euro. Auch wer nur am Strand faulenzen will, wird zur Kasse gebeten: Für Liegestuhl und Sonnenschirm verlangen die Vermieter örtlich zwischen zehn und 20 Euro am Tag, an beliebten Stränden auch deutlich mehr.

Amerikaner sind gern gesehen

Einige populäre Inseldestinationen wie Mykonos und Santorin melden trotz der gestiegenen Preise schon jetzt mehr Buchungen als im bisherigen Rekordjahr 2019. Landesweit dürfte die damals erreichte Zahl von 31,3 Millionen Gästen in diesem Jahr aber noch nicht wieder erreicht werden. Ein Grund ist das Ausbleiben der russischen und ukrainischen Touristen, die 2019 noch 800 000 Besucher stellten. Finanzminister Christos Staikouras setzt die Einnahmen aus dem Tourismus in diesem Jahr mit 15 Milliarden Euro an. Das wären zwar 50 Prozent mehr als 2021, aber immer noch fast ein Fünftel weniger als 2019. Damals brachten die ausländischen Besucher 18,2 Milliarden Euro ins Land.

Einen neuen Rekord dürfte in diesem Jahr die Zahl der Besucher aus den USA erreichen. Die großen amerikanischen Airlines bieten täglich neun Direktflüge nach Athen an, mehr als je zuvor. Die Amerikaner sind besonders gern gesehene Gäste, weil sie – Hotel- und Flugkosten nicht gerechnet – im Schnitt 1010 Euro pro Kopf ausgeben. Das sind deutlich mehr als die 600 Euro, die ausländische Urlauber im Durchschnitt im Land lassen.

Für viele griechische Familien ist der Urlaub im eigenen Land angesichts der steigenden Preise unerschwinglich geworden. Die staatliche Arbeitsbehörde Dypa hat deshalb ein Programm aufgelegt, das etwa 300 000 Familien mit geringen Einkommen Ferien ermöglichen soll. Dank der Zuschüsse kann zum Beispiel eine vierköpfige Familie im August für nur 96 Euro sieben Tage in einem Drei-Sterne-Hotel wohnen.

Frankreich: Trend geht zur Kurzreise

War da was? Die Covid-Zeit scheint in den französischen Reisedestinationen bereits vergessen. Im bretonischen Saint-Malo erzählt der Besitzer des Hotels San Pedro, seine zwölf Zimmer seien über Pfingsten ausgebucht gewesen. An der Atlantikküste oder in der Normandie sind auch die „chambres d’hôtes“, die privaten Gästezimmer, oder „gîtes de France“, die Unterkünfte mit Küche, wieder voll. Überall in Frankreich fanden sich übers das lange Wochenende Schilder mit der Aufschrift „complet“ – ausgebucht.

Auch der Kulturtourismus zieht wieder an. In Versailles sind die Zufahrtswege vom Bahnhof zum Schloss voller Reisender aus allen Ländern. Nur die Chinesen kommen wegen Reisebeschränkungen in ihrem Land noch nicht so häufig. Aber das sei kein enormer Verlust für die Königsstadt, sagt Bürgermeister Philippe de Mazières: Denn die Touristen auf China kämen meist in Reisegruppen und würden Versailles selbst nichts konsumieren.

Der Reisesektor kommt in Frankreich also wieder in normales Fahrwasser. Dazu gehört, dass sich ein bereits älterer Trend weiter verstärkt: Kurzreisen – die auch kurzfristig gebucht werden – machen einen immer größeren Anteil der Umsätze aus. Ganz ohne Reservation durch Frankreich zu reisen ist aber nicht überall zu empfehlen oder nur außerhalb der Urlaubszeit. An verlängerten Wochenenden und im Sommer sind Hotels, Campingplätze, Wohnungen und andere Ferienunterkünfte wieder das, was sie schon vor der Covid-Zeit meist waren – eben „complet“.

Italien: Nur die Russen fehlen

„Pienone“, sagt Sergio Pallazzo und lacht: In seinem Lido im Badeort Sperlonga 120 Kilometer südlich von Rom war am Pfingstsonntag keiner der 50 Sonnenschirme mehr frei – pienone eben, supervoll. Millionen Italienerinnen und Italiener hatten die „Brücke“ zwischen dem Nationalfeiertag am 2. Juni und Pfingsten genutzt für ein paar Tage am Meer oder einen Städtetrip. Allein Neapel hat in der Nacht auf Pfingsten 160 000 Übernachtungen verzeichnet, rekordverdächtig.

Auch die Touristen aus dem Ausland sind zurückgekehrt, was sich schon an Ostern abgezeichnet hatte, als die Hotels, Restaurants und Museen Umsätze verzeichneten, die jene von 2019, dem letzten Jahr vor der Pandemie, zum Teil deutlich übertrafen. „Nur die Russen fehlen“, sagt Sergio Pallazzo, aber das sei locker zu verkraften. Das Virus zirkuliert zwar noch wie überall in Europa, aber in den Köpfen ist die Pandemie in Italien vergessen, ebenso der „Green Pass“, das Impfzertifikat, das seit dem 1. Juni nicht mehr zur Einreise benötigt wird und auch in den Hotels und Restaurants nicht mehr gezeigt werden muss.

Sehr ermutigend sind laut Angaben des nationalen Hotelierverbands auch die Buchungen für die Sommerferien, besonders bei den inländischen Touristen, die für die meisten Destinationen und ganz besonders in Süditalien die mit großem Abstand wichtigste Gästegruppe darstellen. Was für ausländische Badetouristen bedeutet: Italienurlaub jetzt – und spätestens Anfang August, wenn die Italiener ihren Sommerurlaub antreten, die Flucht ergreifen.

Spanien: Kellner haben die Wahl

Der Spanientourismus hat beinahe wieder das Niveau vor der Pandemie erreicht. „Spanien bestätigt sich diesen Sommer als eines der begehrtesten Reiseziele der Welt“, sagte die spanische Tourismusministerin Reyes Maroto kürzlich, als sie die Daten der erwarteten Besucherströme für die kommenden Monate vorstellte. „Wir kommen der Normalität der Vor-Pandemie immer näher.“ Die Fluggesellschaften kündigen für Juni bis August Spanienflüge mit insgesamt 32,4 Millionen Sitzplätzen an, das ist nur noch ein kleines Minus von 6 Prozent gegenüber 2019. Der spanische Flughafenbetreiber Aena weitet den Fokus auf die Monate April bis Oktober und kommt für diese Zeit sogar auf ein Plus von 1,6 Prozent. Die beiden Pandemiejahre sind überwunden.

Als Besucher merkt man’s: alles voll, lange Schlangen, ausgebuchte Restaurants (aber unter blauem Himmel). Die Zeiten für die Beschäftigten im Gastgewerbe waren lange nicht so gut: „Es sind nicht mehr wir, die wir uns die Arbeiter aussuchen können – sie suchen uns aus“, sagt María Morales von der Hotelkette Meliá zur Lokalzeitung „Diario de Mallorca“. „Die, die sich beschweren, dass sie keine Kellner oder Köche finden, tun es, weil sie schlechte Arbeitsbedingungen bieten“, sagt Pablo Amengual, der gerade eine Ausbildung an der Hotelfachschule der Balearen abgeschlossen hat. Selbst die Polizei hat wieder mehr Arbeit: Das Innenministerium stellt 500 neue Beamte ein, damit sich die Schlangen an den Passkontrollen der Flughäfen verkürzen. Der Erfolg hat seinen Preis.

Kroatien: Viel los in der Vorsaison

An der kroatischen Adria läuft das Geschäft selbst in der Vorsaison wieder. 178 Prozent mehr Gäste und 155 Prozent mehr Übernachtungen vermeldet Kroatiens Tourismusverband für die ersten fünf Monate des Jahres. Die Umsätze haben die des Rekordjahrs 2019 noch nicht erreicht, dürften sich diesen aber spätestens in den Sommermonaten annähern oder sie übertreffen.

Volle Strände, Herbergen, Campingplätze und Restaurants scheinen angesichts der gut laufenden Reservierungen trotz des Ukraine-Kriegs garantiert. Zwischen Rovinj und Dubrovnik wird in der bevorstehenden Hochsaison der Touristenrubel auch ohne russische und ukrainische Gäste rollen. Das Ausbleiben der Touristen aus dem Osten, die bisher rund zwei Prozent der Auslandsgäste ausmachten, wird durch die vermehrte Nachfrage aus Mitteleuropa locker kompensiert. Nach zwei Coronawintern scheint der Drang zum Mittelmeer so groß wie selten zuvor: Auch der vom Tourismus abhängige Adriastaat wird von der erwachten Reiselust der Europäer profitieren.

Der Mangel an Saisonkräften und steigende Löhne im Tourismussektor dürften allerdings auch Kroatienreisende in Form anziehender Preise zu spüren bekommen. Zum letzten Mal werden sie ihre Rechnungen in diesem Jahr in der Landeswährung Kuna begleichen. Bereits vom 1. September an müssen alle Preise nicht nur in Kuna, sondern auch in Euro ausgezeichnet werden. Spätestens mit der Euroeinführung am 1. Januar 2023 wird das lästige Umrechnen (1 Euro = 7,52 Kuna) ganz entfallen.