Eine Ladesäule in Frankreich zu finden ist nicht einfach. Foto: Przybilla

Kann man mit dem Elektroauto in den Urlaub fahren? Man kann es zumindest versuchen. Ein Erfahrungsbericht aus der Normandie.

Im Kofferraum ein Stromkabel, hinter der Sonnenblende eine Ladekarte: So sieht es aus, wenn man mit dem E-Auto in den Urlaub fährt. Überlebensnotwendig ist außerdem eine ausgedruckte Straßenkarte, die Ladestationen auf der Strecke anzeigt. Zwar sollte das Navi die Strom-Stopps selbstständig berechnen können, aber sicher ist sicher. Oder auch unsicher. Denn schon bei der Planung zeigt sich: In Frankreich machen sich die Ladesäulen rar.

 

Rund 700 Kilometer sind es von Bonn bis in die Normandie. Mit einem Benziner könnte man diese Strecke vermutlich ohne Tankstopp bewältigen. Im E-Auto hingegen muss der Akku zwischendurch aufgeladen werden – wie oft, wird sich noch zeigen. Das Testfahrzeug, ein Mercedes EQA, kommt laut Normwert 429 Kilometer weit. In der Praxis geht trotz moderater Fahrweise und eingeschaltetem Öko-Modus aber schon nach 250 Kilometern die Warnlampe an: „Bitte Hochvoltbatterie laden!“

Schnellladestationen in Frankreich? Fehlanzeige

Im belgischen Le Rœulx liegt eine Raststätte mit Strom-Tankstelle. Und tatsächlich: Karte an die Säule halten, Stecker rein, und schon fließt die Energie. Die Sonne scheint, im Hintergrund grasen Kühe. So kann der Urlaub beginnen. Eine halbe Stunde und ein ganzes Sandwich später geht die Fahrt weiter.

Doch schon einige Kilometer später, hinter der französischen Grenze, verfliegt die gute Laune. Die bunten Symbole, die Ladestationen im Navi markieren, sind plötzlich weg – willkommen in der Ladewüste! Eigentlich sollte in der EU an wichtigen Autobahnen spätestens alle 60 Kilometer eine Schnellladestation stehen; es gibt dafür sogar eine Richtlinie. In diesem Fall aber kommt über 300 Kilometer nichts. Der Vorschlag des Navis, stattdessen auf einem Supermarkt-Parkplatz zu laden, wird verworfen. Der Anschluss wäre bestimmt belegt.

Nach einigem Hin und Her schafft eine Handy-App Abhilfe. Sie empfiehlt ein Autohaus in Amiens, nicht weit von der Autobahn. Zwischen Werkstatt und Neuwagen-Parkplatz thront tatsächlich eine einsame Ladestation, die auch wirklich funktioniert. Glück gehabt, denn schon wenige Minuten später taucht ein ID.4 aus Holland auf: „Wir hatten schon Panik“, seufzt der Fahrer, ein junger Mann, der mit Frau und Kind ebenfalls in die Normandie fährt. Nun muss er warten, bis der Parkplatz frei wird. „Immerhin gibt’s Strom“, sagt er und lacht.

21 Uhr. Die Sonne geht schon unter, als die Vororte von Caen endlich in Sichtweite rücken. Die Bilanz des Tages: drei Ladestopps und zwölf Stunden Fahrt für eine Strecke von 680 Kilometern. Der Vermieter der Ferienwohnung hat selbst ein Elektroauto vor der Tür stehen. „Mit einem Tesla wäre das nicht passiert“, prahlt er. Dort sei das Ladenetz viel dichter. Seine eigene Wallbox bietet er zum Aufladen nicht an. In der Umgebung gebe es schließlich genug Stromquellen.

Zur Not muss eine Haushaltssteckdose her

Am nächsten Morgen kommt Urlaubsstimmung auf. Am Strand von Saint-Aubin-sur-Mer kreischen Möwen, der Geruch von Algen liegen in der Luft. Der Fremde am Strand, der gerade noch mit „Bonjour“ gegrüßt hat, ruft seinen Sohn: „Komm, Tim!“ Dass man im Urlaub auf Deutsche trifft, darauf kann man sich eben verlassen. Auf die Lade-Infrastruktur leider nicht. Die Strom-Tanke, die direkt am Strand steht, ist außer Betrieb. Eine andere akzeptiert die deutsche Ladekarte nicht. Quel malheur! Es bleibt also nichts anderes übrig, als zur Raststätte bei Caen zurückzufahren. Zum Glück ist einer von vier Plätzen frei, aber in der Hochsaison könnte es eng werden. Nicht besser die Situation am nächsten Tag: Von Caen bis nach La Hague (und zurück) sind es knapp 300 Kilometer. Wird der Mercedes die Strecke ohne Ladestopp überstehen? Er muss! Denn unterwegs gibt es wieder nichts – außer vielleicht einer Haushaltssteckdose, an die man das Auto im Extremfall anschließen könnte.

Bergab wird selbst Energie gewonnen

Am Ende geht alles gut. Die Fahrt über die engen Landstraßen bietet nicht nur tolle Ausblicke aufs Meer, sondern auch unverhoffte Power: Fährt das E-Auto nämlich bergab, kann es Strom zurückgewinnen („Rekuperation“). Zumal sich am nächsten Tag herausstellt, dass einige Ladestationen eben doch funktionieren, wenn man eine französische App installiert oder per Kreditkarte bezahlt.

Erst auf der Rückfahrt beginnt wieder die Zitterpartie. Das Autohaus hat sonntags zu, weshalb ein längerer Umweg ansteht. Den Gedanken hatten offenbar auch andere, denn an der Raststätte sind bereits alle Ladeplätze belegt. Da hilft nur noch Humor: „Hey Mercedes, erzähle einen Witz!“ Tatsächlich gehorcht das Auto. Zu Ladesäulen fällt ihm leider nichts ein. Stattdessen sagt die Computerstimme: „Was ist aller Laster Anfang? Die Stoßstange.“

Info

Die meisten E-Autos verfügen noch nicht über ein Navi, das Ladestopps automatisch berechnet. Abhilfe schaffen Online-Routenplaner, die die Topografie und den Verbrauch des jeweiligen Fahrzeugs berücksichtigten, zum Beispiel: www.goingelectric.de oder www.abetterrouteplanner.com.

Mehrere Ladekarten einpacken, falls ein Anbieter im Ausland nicht akzeptiert wird. Handy-Apps installieren, die Ladestationen in der Umgebung anzeigen, z.B. „Air Electric“ oder „Chargemap“. Ebenfalls ein Muss: Ladekabel für Typ-2-Stationen sowie für die Schuko-Steckdose. Wenn noch Platz ist: zusätzlich ein Verlängerungskabel.

Am entspanntesten gestaltet sich die Reise, wenn man am Ziel laden kann. Buchungsportale wie Booking.com können Hotels so filtern, dass nur solche mit Lademöglichkeit erscheinen.