Auf der Grünen Woche wurde Uria von Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (Dritter von links) ausgezeichnet. Foto: BMLEH/Photothek

Im Kampf um die elektronische Kennzeichnung ihrer Uria-Rinder kann Familie Maier aus Ostdorf einen juristischen Sieg verbuchen. Warum dennoch ein „Aber“ bleibt.

Sie flatterte jüngst ins Mailfach: eine Pressemitteilung des Verwaltungsgerichts Sigmaringen, die aufhorchen ließ. „Landwirtin darf ihre Rinder weiterhin mittels injizierter Transponder anstelle von Ohrmarken kennzeichnen“, lautet die Überschrift. Auch wenn darin weder Name noch Ort genannt sind, ist klar, dass es sich bei den besagten Tieren um die Ostdorfer Uria-Rinder handelt, die seit vielen Jahren bundesweit Schlagzeilen machen. Im Gespräch mit unserer Redaktion nehmen Ernst Hermann Maier und seine Tochter Annette Maier Stellung zum Urteil – und erklären, warum trotz des Erfolgs ein schaler Beigeschmack bleibt.​

 

Es ist Stoff, der mittlerweile ganze Bücher füllen würde: Familie Maier und ihr unermüdlicher Kampf für das Tierwohl. Ihre Rinder leben ganzjährig im freien Herdenverband, dürfen Sonne, Regen, Wind spüren – und tragen nicht nur Namen, sondern statt konventioneller Ohrmarken auch elektronische Mikrochips – was ihnen unnötige Schmerzen und Qualen erspart.

Ausnahmegenehmigung vom Landratsamt

Beim Bestreben, seine Tiere mittels Chip zu kennzeichnen, hat der Betrieb Landrat Günther-Martin Pauli auf seiner Seite, der ihm im Jahr 2013 eine Ausnahmegenehmigung erteilte. Die Reaktion des Regierungspräsidiums ließ indes nicht lange auf sich warten. Die Ausnahmegenehmigung sei „rechtswidrig“ und infolgedessen „zurückzunehmen.“

Mit dem Urteil vom 28. November 2025 hat die 10. Kammer den im Oktober 2023 verfügten Rücknahmebescheid des Regierungspräsidiums Tübingen aufgehoben (wir haben berichtet).

Dass das Verwaltungsgericht der Klage stattgegeben hat, sei einerseits natürlich ein großer Erfolg, ist man sich auf dem Uria-Hof einig. „Es ist super, dass wir gewonnen haben“, unterstreicht Ernst Hermann Maier. Dennoch ist ihm anzumerken, dass ihm noch etwas auf den Nägeln brennt. Ein Punkt, der ihm, wie er sagt, „missfällt“ und der im folgenden Satz gipfelt: „Nach der zum Zeitpunkt der Erteilung der Ausnahmegenehmigung geltenden Rechtslage war eine Kennzeichnung durch injizierbare Transponder bei Tieren, die – wie die Rinder der Klägerin – in die Nahrungskette eingehen, ausgeschlossen.“

Gelbe Plastikohrmarken sucht man bei den Uria-Rindern vergeblich. Durch die elektronische Kennzeichnung werden ihnen Schmerzen und Qualen erspart. Foto: Maute

Begründet wird dies damit, dass die Tierhaltung im Rahmen eines landwirtschaftlichen Betriebs „nicht zu kulturellen oder wissenschaftlichen Zwecken“ erfolge, da sie „in einem erheblichen Umfang auch gewerblichen Zwecken“ diene. Infolgedessen, heißt es in der Mitteilung des Verwaltungsgerichts, scheide eine Ausnahme von der Kennzeichnungspflicht mit Ohrmarken nach geltender Rechtslage aus.

Und auf eben diesen angeführten Verstoß gegen Europarecht gründen sich die gegen den Ostdorfer Betrieb verhängten Sanktionen. Schon seit Jahren, berichtet Ernst Hermann Maier, würden Fördermittel einbehalten. Mittlerweile belaufe sich die Summe auf 660.000 Euro; ein Betrag, der für die meisten Betriebe den finanziellen Ruin bedeuten würde. Uria, sagt er, könne diesen Weg nur beschreiten, weil man mit dem Uria e.V. einen Verein hinter sich habe – und mit ihm immer mehr Unterstützer.

Farce für die Hofbetreiber

Schlicht eine Farce ist für die Hofbetreiber, dass die EU schon am 17. Juli 2000 mit der Verordnung (EG) Nr. 1760/2000 im Anhang 1 festgelegt hat, dass ab dem 18. Juli 2019 neben herkömmlichen Ohrmarken auch Elektronische Kennzeichen in Form eines injizierbaren Transponders (Mikrochip) zulässig sind. Dass dies nicht umgesetzt wird, darüber können sie nur den Kopf schütteln. Umso mehr, da es sich in ihrem Fall um einen geschlossenen Betrieb handelt. „Alle unsere Rinder werden hier geboren und sterben hier“, macht Annette Maier deutlich und betont: „Wir legen größten Wert auf Transparenz.“

Bei jeder Schlachtung wird der den Tieren nach der Geburt (immer linksseitig neben der Schwanzwurzel) implantierte Mikrochip entnommen. Unter Kontrolle eines amtlichen Tierarztes, wohlgemerkt. Mithilfe eines Stablesegeräts lassen sich die Daten eines jeden Rindes völlig unproblematisch digital auslesen.

Dass eine sichere Identifizierung unserer Uria-Rinder anhand der elektronischen Kennzeichnung gegeben und eine Zuordnung zu den hinterlegten Rinderpässe/Ohrmarken möglich sei, habe auch die Ende November 2025 durchgeführte Vor-Ort-Kontrolle mit Vertretern des Landwirtschaftsamtes, des Veterinäramtes und des Regierungspräsidiums gezeigt. Die Fördervoraussetzungen seien letztlich dennoch als nicht als gegeben eingestuft worden, da die beantragten Mutterkühe nicht durch Ohrmarken gekennzeichnet waren, berichtet Annette Maier, für die es unverständlich ist, dass die positive Vor-Ort-Kontrolle zu keinen weiteren „konstruktiven Überlegungen“ geführt hat.

Ein Satz Plastikmarken kostet ca. sechs Euro

„Das mit den Ohrmarken ist natürlich ein Bombengeschäft“, merkt Ernst Hermann Maier an. Auch bei Uria sei man verpflichtet, diese zu kaufen. Um die sechs Euro koste ein Satz Plastikmarken, der in der Herstellung für wenige Cent produziert werde. Statt ins Ohr der Tiere wandern die Marken in Ostdorf allerdings auf den Dachboden. „Dort richtet der Plastikmüll wenigstens keinen Schaden an“, betont Maier, der regelrecht in Rage gerät, wenn er beschreibt, welch grausamer Prozedur die Tiere bei dieser Art von Kennzeichnung ausgesetzt sind.

Und diese Qual, macht er deutlich, müssten viele von ihnen nicht nur einmal in ihrem Leben erleiden. „Denn in Deutschland gehen pro Jahr etwa 600.000 Ohrmarken verloren.“ Würde ein neues Auto nach nur wenigen Metern den Auspuff verlieren, wäre das ein „klassischer Garantiefall“, bemüht er ein Beispiel. Hier seien die Tierhalter hingegen verpflichtet, auf eigene Kosten nachzukennzeichnen.

Dass eine Kennzeichnung mittels Ohrmarken zusätzlich zu den quälenden Schmerzen auch das arttypische Verhalten beeinträchtigt, zeigt Annette Maier anhand eines Videos. Darauf ist ein Muttertier zu sehen, das liebevoll und ausgiebig das Ohr seines Kälbchens ausleckt. Stecke darin ein Fremdkörper, könne dieses natürliche Verhalten nicht mehr praktiziert werden, weiß die studierte Landwirtin, die bei alledem etwas ganz Grundlegendes vermisst: „Empathie für ein Lebewesen“; für ein fühlendes Mitgeschöpf. „Wir sind nicht aus Prinzip stur“, betont sie deshalb. „Es geht um unsere Überzeugung.“ Und: „Wir bilden das ab, was ein großer Teil der Gesellschaft sich wünscht.“

Bei Uria fordert man Wahlfreiheit bei der Kennzeichnung

Umso bitterer ist für Ernst Hermann Maier die derzeitige Debatte. „Alle reden von Tierwohl. Aber wehe, Du machst es“, konstatiert der Landwirt, der sich sicher ist: „Möglichkeiten gibt es genug, man muss nur wollen.“

Bei Uria fordert man deshalb Wahlfreiheit bei der Kennzeichnung – ein goldener Mittelweg, der es allen, die die entsprechenden Voraussetzungen erfüllen und denen das Wohl ihrer Tiere am Herzen liegt, ermöglicht, diese mittels Mikrochip zu kennzeichnen. Um sich selbst ein Bild von ihrer Tierhaltung machen zu können, laden Ernst Hermann und Annette Maier alle Vertreter von Behörden und Parteien ein, dem Uria-Hof einen Besuch abzustatten.

Viel Geld, Zeit und Nerven haben die Hofbetreiber in den vergangenen Jahren investiert. Aber es gibt auch Lichtblicke. So war der Ostdorfer Betrieb, der durch langjährigen Einsatz bereits die rechtliche Grundlage für den Weideschuss in Deutschland maßgeblich erkämpft hat, jüngst unter den acht Modell- und Demonstrationsvorhaben, die vom Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, Alois Rainer, am 19. Januar im Rahmen der Grünen Woche in Berlin anlässlich der Fördermaßnahme „RegioKost“ ausgezeichnet wurden. Alle diese Projekte, heißt es in der Mitteilung des Ministeriums, setzen gezielt auf regionale Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung von Lebensmitteln.

Dass dies auf Bundesebene gewürdigt wird, ist für Ernst Hermann Maier eine große Genugtuung - und hat ihm weitere Kontakte beschert. Nicht zuletzt mit dem Bundeslandwirtschaftsminister konnte er bei der Grünen Woche ins Gespräch kommen.​