Unwissentlich adoptiert Die Lebenslüge

Nina Ayerle (Text) und
Kateryna wuchs mit der Lüge auf, dass ihr Vater ihr leiblicher Vater ist. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Kateryna hatte immer das Gefühl, dass in ihrer Familie etwas nicht stimmt. Mit Ende 30 findet sie heraus, dass ihr Vater nicht ihr Vater ist. Sie wurde von ihm als Kind adoptiert.

Kateryna (Name geändert) sucht nur ein einziges Dokument – ihre Geburtsurkunde. Sie braucht sie für einen neuen Pass, doch ihre Eltern verweigern ihr den Zugang. Seit über zwei Jahren herrscht Funkstille. Während des Urlaubs ihrer Eltern lässt ihre Patentante sie in die Wohnung. Zwischen alten Papieren entdeckt Kateryna nicht nur ihre Urkunde – sondern zwei verschiedene Urkunden: zwei Namen, zwei Geburtstage. Es ist der Moment, der alles in ihrem Leben verändert hat, so erzählt sie es heute. Zwei Jahre ist das nun her.

 

Sie findet damals auch eine Heirats- und eine Scheidungsurkunde. Ihre Mutter hatte, als sie im dritten Monat schwanger war, einen anderen Mann geheiratet. Ihr wird klar: Ihr Vater ist nicht ihr leiblicher Vater. Der Mann, der sie großzog und den sie mit „Papa“ angesprochen hat, hat sie als Baby adoptiert. „Plötzlich liest du das schwarz auf weiß – das ist verrückt.“ Und: „Meine Mutter hat offenbar nicht vorgehabt, mir jemals die Wahrheit darüber zu sagen“, sagt Kateryna.

Da ist immer das Gefühl: Es stimmt etwas nicht

Die Dokumente liegen unserer Zeitung in Originalsprache vor. Diese Geschichte ist Katerynas Lebensgeschichte, sie möchte diese erzählen. Zum Schutz vor ihrer Familie soll hier ihr echter Name nicht genannt werden, sie selbst hat auch deshalb beim Standesamt eine Namensänderung beantragt. Ihr Bruder will sich auf Nachfrage nicht dazu äußern, er will den Kontakt zu den Eltern nicht ganz verlieren.

Kateryna ist heute 38 Jahre alt und lebt in einer deutschen Großstadt. Geboren wurde sie in Osteuropa. Mit elf Jahren kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland. Rückblickend sagt sie: „Ich habe mein ganzes Leben lang gedacht, mit mir stimmt etwas nicht.“ Sie spricht von Gaslighting, von emotionaler Manipulation – und davon, dass sie sich über Jahre selbst nicht mehr vertraut habe.

Vater ist ihr gegenüber gewalttätig

Immer wieder habe sie angesprochen, dass sie sich der Familie nicht wirklich zugehörig fühle, doch die Mutter und die Verwandten hätten das stets abgetan. Liebe und Zuneigung habe sie von dem Mann, den sie für ihren Vater hielt, nie gespürt. Im Gegenteil: Er sei ihr gegenüber oft gewalttätig geworden, sagt sie. Immer wieder habe sie im Erwachsenenalter deshalb den Kontakt zur Familie abgebrochen.

Familiäre Bindungen reißen nicht einfach ab. Nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine rückte die Familie wieder näher zusammen – wie auch andere Familien aus osteuropäischen Ländern engagieren sie sich für Geflüchtete aus der Ukraine. Doch schnell brachen die alten Konflikte wieder auf. „Das hat am Ende dazu geführt, dass ich psychisch nicht mehr konnte und in eine Klinik gegangen bin“, erzählt Kateryna. Ihre Familie wusste davon – auch, wie schlecht es ihr über längere Zeit ging.

Alle in der Familie wissen Bescheid – niemand sagt etwas

Nach dem ersten Schock ruft sie einige Verwandte an. Sie erfährt: Fast alle wussten Bescheid. Die Patentante, die Verwandten, sogar Nachbarn. „Und fast alle wussten, wie schlecht es mir zeitweise ging – dass ich psychisch am Ende war“, sagt sie. Die Reaktionen? Oft ausweichend. „Das war ja nicht mein Geheimnis“, habe man ihr gesagt. Auch die Gewalt durch ihren Stiefvater sei kein Geheimnis gewesen – doch niemand habe eingegriffen. „Ich hätte mir gewünscht, dass wenigstens eine Person sagt: Das Kind ist wichtiger als der Familienfrieden.“

Noch direkt vor Ort ruft sie ihre beste Freundin Valeriia an. „Ich war hautnah dabei“, bestätigt Valeriia unserer Zeitung am Telefon. „Valeriia, mein Vater ist nicht mein Vater“, habe ihr Kateryna gesagt. Das sei auch für sie zunächst ein Schock gewesen. Der Zufallsfund habe ihrer Freundin den Boden unter den Füßen weggezogen. Dennoch habe er auch vieles im Nachhinein erklärt. Die Probleme, die Kateryna jahrelang mit ihrer Familie hatte, kannte Valeriia alle. Auch dass sie immer das Gefühl gehabt habe, nicht richtig dazu zu gehören. „Im Nachhinein hat sich ja bestätigt, dass es nicht nur ein Gefühl war“, sagt Valeriia.

Die Suche nach dem leiblichen Vater

Kateryna will wissen, wer ihr leiblicher Vater ist. Sie muss nicht lange suchen – alle in der Verwandtschaft wissen, wer er ist. Er lebt im Ausland. Sie schreibt ihm eine Mail, dann eine WhatsApp. Doch er antwortet nicht. Sie recherchiert weiter, findet heraus, dass sie Halbgeschwister hat. Über Facebook schreibt sie den Bruder an – und der reagiert sofort. „Er wusste bereits von mir. Mein Vater hatte wohl schon vor 20 Jahren über meine Mutter versucht, Kontakt aufzunehmen.“ Er habe zuerst zur Mutter Kontakt aufgenommen, wollte ihr Einverständnis. Doch diese hat abgelehnt. „Das ist abartig. Ich war da schon aus dem Haus, das Verhältnis war schlecht – trotzdem hat sie geschwiegen.“

Kateryna telefoniert inzwischen regelmäßig mit dem Halbbruder. Sie erfährt, warum ihr leiblicher Vater nicht geantwortet hat: In ihrer Nachricht hatte sie schlecht über ihre Mutter geschrieben. „Aber er hat kein Recht, mich für irgendetwas zu verurteilen“, sagt sie. „Ich bin nicht mehr auf der Suche nach einem Vater. Dafür ist es zu spät. Aber es wäre vielleicht eine andere Geschichte geworden – vor 20 Jahren.“

Viele Jahre geht sie in Therapie, um alles aufzuarbeiten

In der Therapie beginnt Kateryna, ihre Geschichte aufzuarbeiten. Sie lernt von ihrer Therapeutin und durch eigene Recherche: In der Sowjetunion soll es sehr häufig vorgekommen sein, dass Behörden bei Scheidungen und bei Neuheirat den Vater einfach aus Dokumenten gestrichen und dann auch Geburtsurkunden geändert haben. „Das ist leider ein Teil dieser menschenverachtenden sowjetischen Art. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht die Einzige bin, der so etwas passiert“, sagt Kateryna. Sie habe immer schon eine Geburtsurkunde gehabt, auf der „Zweitausfertigung“ gestempelt gewesen sei. Und dieses Heftchen sei nicht aus ihrem tatsächlichen Geburtsjahr gewesen. In vielen postsowjetischen Familien seien derartige Familiengeheimnisse üblich, wie sie nun heute von Freundinnen und Verwandten weiß. Geburtsurkunden seien neu ausgestellt worden, leibliche Väter aus den Registern gelöscht. „Das ist ein System der Auslöschung – und wir, die Kindergeneration, sind die ersten, die überhaupt Worte für diese Dinge finden“, sagt Kateryna.

Kateryna war als Kind das Opfer von häuslicher Gewalt. Foto: IMAGO/Zoonar

Liebe bekommt sie nur von der Großmutter

Eine wichtige Bezugsperson in ihrem Leben war ihre Großmutter. Sie sei die Einzige in der Familie gewesen, von der sie bedingungslose Liebe erfahren habe. Kurz nach dem Tod der Oma reist sie nach Osteuropa in die Heimatstadt der Familie – um für sich Abschied zu nehmen. Deshalb besucht sie auch die ehemalige Wohnung der Familie. Heute lebt dort eine andere Familie. „Eine meiner schlimmsten Kindheitserinnerungen kam wieder hoch: Wie ich geschlagen wurde und ins Kinderzimmer floh – das es heute nicht mehr gibt.“ Statt der alten Tür ist dort nun eine Wand. „Und dann stehe ich da, erwachsen, frei, und merke: Ich kann heute einfach rausgehen.“

Früher war es üblich, Kinder nichts von der Adoption zu sagen

Sogenannte Inkognito-Adoptionen seien früher viel häufiger gewesen, sagt die Psychotherapeutin Christine Lutz. Sie arbeitet in ihrer Stuttgarter Praxis hauptsächlich mit Kindern, ihren Familien und mit Jugendlichen. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Beratung von Adoptivfamilien und die Psychotherapie von Adoptivkindern. Sie hat auch das Buch „Adoptivkinder fordern uns heraus“ geschrieben.

Das Bemühen, die Vergangenheit vor der Adoption auszublenden, scheine die Adoptivsituation vordergründig zu erleichtern. Gleichzeitig bestehe aber auch immer die Gefahr, eine neue Zukunft auf „tönernen Füßen“ aufzubauen. Die Vorstellung, das Negieren der Wurzeln würde das Leben in der Adoptivfamilie erleichtern, sei ein Irrtum, so Lutz. Die Verleugnung der Vergangenheit mache Kinder von den Eltern und umgekehrt Eltern von ihren Kindern abhängig. „Man schützt sich selbst, aber lebt in einer Illusion“, sagt Lutz. Und die Kinder spürten es häufig dennoch, fühlen eine Art Heimatlosigkeit.

Enttäuschung und Misstrauen gegenüber der Welt

Wenn Kinder dann spät erfahren, dass sie adoptiert wurden, geht das Vertrauen kaputt, sagt Lutz. „Lebenslügen prägen das innere Erleben sehr, irgendwann kommt es dann zum Bruch mit den Eltern.“ Häufig leiden solche Kinder ihrer Erfahrung nach dann an Enttäuschung und Misstrauen gegenüber der Welt, auch weil in der frühen Phase ihres Lebens etwas nicht richtig war. Für Adoptivkinder sei der Eintritt ins Leben ohnehin sehr belastet, fast allen fehlten frühe, positive Bindungserfahrungen.

Wenn die Kinder dann später die Lüge herausfänden, so wie Kateryna, entstehe eine fundamentale Enttäuschung, auch Wut und Aggression. In ihrer Praxis in Stuttgart hatte Lutz einmal einen erfolgreichen Rechtsanwalt. Mit Mitte 30, nach dem Tod seiner Eltern, hat auch er herausgefunden, dass er adoptiert war. Auch für ihn sei im Nachhinein alles, was er mit seinen Eltern erlebt hatte, eine Lüge gewesen. Wenn die Eltern ihm die Wahrheit über ihre Beziehung verschwiegen haben, was ist dann noch glaubwürdig?

Zeitgerechte Aufklärung der Kinder ist essenziell

Deshalb seien heutzutage offene Adoptionen häufiger, dabei seien wechselseitig die Kontaktdaten bekannt, sagt Lutz. Diese Form der Adoption setze aber Reife und Eigenständigkeit auf beiden Seiten voraus, habe dafür auch mehr konkretes Konfliktpotenzial. Eine Aufklärung etwa im Kindergartenalter, hält Lutz für richtig. „In dem Alter wollen sie das Geheimnis ihres Gewordenseins, ihre Geschichte so eindeutig wie möglich kennen lernen“, sagt Lutz und ergänzt: „Kinder machen sich ihre Gedanken, und wenn ihnen keine realitätsgerechte Klarheit vermittelt wird, fabulieren sie sich manchmal eine schaurige Realität zusammen, die von Ängsten vor dem Verlust geprägt ist.“ Allerdings müsse dieses Thema auch kein Dauerbrenner in der Familie sein. „Darüber reden, ja, aber nicht zu viel. Man muss nicht ständig Fotoalben zeigen“, betont Lutz.

Mutter verpasst viele Gelegenheiten

Heute hat Kateryna gelernt, sich selbst Zuneigung und Stärke zu geben. Sie hat einen engen Freundeskreis aufgebaut – mit ihm feierte sie kürzlich ihren 38. Geburtstag. „Es war der beste meines Lebens“, sagt sie. Sie hat auch gelernt, sich zu distanzieren: Ein Schritt ist für sie eben, ihren Namen ändern zu lassen. Den Nachnamen ablegen, der sie an den Stiefvater erinnert.

Sauer sei sie auf ihre Mutter nicht, weil diese in jungen Jahren eine falsche Entscheidung getroffen habe – sondern weil sie nie den Mut gehabt habe, ihr die Wahrheit zu sagen. „Sie hatte so viele Gelegenheiten. Spätestens, als sich mein Vater vor 20 Jahren gemeldet hat.“ Ihre Mutter, so glaubt Kateryna, sei nie bereit gewesen, Verantwortung zu übernehmen. Sie habe sich diese Lebenslüge aufgebaut, um nach außen weiterhin den Schein der heilen Familie zu wahren.

Was wäre wenn?

Trotz allem ist inzwischen eine Art Erleichterung bei ihr eingekehrt. Immerhin habe sie ihr eigenes Gefühl nicht getrogen. Es hat etwas nicht gestimmt in der Familie.

Aber sie fragt sich oft, wie ihr Leben anders verlaufen wäre. „Man sagt ja: Was dich nicht umbringt, macht dich stärker. Aber das stimmt nicht. Ich wünschte, mir wäre einiges erspart geblieben.“

Mit dem Wissen kann sie die Familie loslassen

Ihre beste Freundin Valeriia wiederum sagt, sie habe inzwischen den Eindruck, erst das Wissen habe Kateryna die Möglichkeit gegeben zu heilen. Während sie früher sehr viel über die Konflikte mit der Familie gesprochen habe und diese auch viel Platz in ihrem Leben eingenommen hätten, habe sich dies in den letzten Monaten verändert. „Es hat ihr mehr Klarheit im Leben gegeben.“

Kinder wollte Kateryna nie – aus Angst, sie könnten so unglücklich werden wie sie selbst. Und dann sagt sie noch einen letzten Satz, fast beiläufig: „Aber ansonsten bin ich ein funktionierender Teil der deutschen Gesellschaft.“