Untreue in Beziehungen „Eine Affäre kann einen positiven Effekt auf die Beziehung haben“
Untreue gibt es auch in glücklichen Beziehungen. Eine Paartherapeutin erklärt die Gründe und weshalb eine Affäre nicht das Ende einer Partnerschaft bedeuten muss.
Untreue geht mit einem Vertrauensverlust einher. Paar- und Sexualtherapeutin Lena Maier aus Sersheim erklärt, wie das Vertrauen in der Partnerschaft wieder aufgebaut werden kann – auch mit Mitteln, die sonst als übergriffig gewertet werden.
Frau Maier, muss eine Affäre immer das Ende einer Beziehung bedeuten?
Nicht unbedingt. Eine Affäre kann eine Art Weckruf sein und sichtbar machen, dass in der Beziehung etwas fehlt. Das kann Kommunikation sein, Nähe oder Aufmerksamkeit. Durch das Offenlegen können Bedürfnisse erkannt werden, die zuvor übersehen wurden – daraus kann etwas Neues entstehen und die Affäre sogar einen positiven Effekt auf die Beziehung haben.
Muss die Beziehung immer unglücklich sein, dass es zu einer Affäre kommt?
Es gibt ganz unterschiedliche Gründe für eine Affäre. Es gibt emotionale Gründe, wie Wut oder Rache oder wenn sich jemand vernachlässigt und nicht genug geliebt fühlt. Die Affäre kann dazu genutzt werden, Schmerz auszudrücken oder dem Partner dadurch Schmerz zuzufügen. Es gibt sexuelle Gründe, wie sexuelle Unzufriedenheit oder es geht darum, Fantasien auszuleben, auf die der Partner nicht eingehen möchte. Und es gibt natürlich auch persönliche Gründe wie die Steigerung des eigenen Selbstwertgefühls. Kurzfristig kann eine Affäre den Selbstwert pushen. Und allein neurobiologisch glücklich machen: Dopamin und Adrenalin werden ausgeschüttet.
Ab wann beginnt eine Affäre?
Da gibt es keine einheitliche Abgrenzung. Es kommt immer darauf an, welche Erwartungen und Vorstellungen das Paar hat. Bei dem einen beginnt die Untreue schon auf einer emotionalen Ebene, bei jemand anderem erst, wenn es körperlich wird. Auch Dating Portale spielen eine Rolle. Es gibt Menschen, die sich anmelden, obwohl sie in einer Beziehung sind. Selbst wenn sie niemanden treffen, sondern nur online in Kontakt gehen, kann das schon als Untreue gewertet werden.
Gehen Menschen in Langzeitbeziehungen häufiger fremd?
Es gibt viele Studien dazu, die zeigen, dass das Risiko mit der Dauer der Beziehung steigt. Das ist ganz logisch. Die Routinen schleichen sich ein, es kommt zur Gewöhnung und auch mal zu Langeweile, die Sexualität kann abnehmen. In der Praxis erlebe ich aber, dass es in jeder Phase der Beziehung passieren kann.
Untreue geht mit Vertrauensverlust einher, wie kann das Vertrauen wieder hergestellt werden?
Metaphorisch spreche ich in meinen Therapiesitzungen von einer Vertrauenstreppe, die man hinuntergefallen ist – und jetzt befindet man sich erst mal im Keller. Man kann nicht einfach wieder hochspringen, sondern muss Stufe um Stufe wieder nach oben – so wie das Vertrauen nach und nach wieder aufgebaut werden muss.
Wie sieht das konkret aus?
Ganz wichtig ist zunächst, dass die Verletzung der betrogenen Person gewürdigt wird. Der Fremdgegangene muss Verantwortung übernehmen und mit den Gefühlen wie Wut, Schmerz und Misstrauen umgehen. Es muss auch eine gewisse Zeit in Ordnung sein, wenn der betrogene Part sagt: ‚Hey, ich habe ein komisches Gefühl, darf ich mal in dein Handy schauen‘ oder ‚Wenn du länger weg bist, ist es ok, wenn ich dich anrufe, um zu hören, wo du bist?‘. Das sind Dinge, die normalerweise als übergriffig oder kontrollierend empfunden werden, aber für eine gewisse Zeit kann das wichtig sein, um die Stufen der Vertrauenstreppe langsam wieder hochzusteigen. Das darf natürlich nicht von Dauer sein.
Wann funktioniert das nicht?
Wenn die Verletzung nicht geheilt werden und das Vertrauen nicht wieder aufgebaut werden kann, funktioniert es nicht. Es gibt auch bestimmte Gründe, die es schwer machen. Etwa, wenn einer sexuelle Fantasien hat, die in der Beziehung überhaupt keinen Platz haben. Oft kommt dann die Idee, die Beziehung zu öffnen.
Ist das eine gute Möglichkeit, die Beziehung zu retten?
Wenn es um sexuelle Bedürfnisse geht, kann das durchaus sinnvoll sein. Etwa, wenn der eine Partner eine geringere Libido hat. Doch das kann nur funktionieren, wenn man es nicht nur für den Partner macht, sondern wirklich beide Seiten die Sinnhaftigkeit sehen und den Umgang damit lernen können.
Sie sagten, dass eine Affäre sogar einen positiven Effekt auf die Beziehung haben kann. Inwiefern?
Damit nach einer Affäre an der Beziehung festgehalten werden kann, müssen beide eine Veränderungsbereitschaft haben. Es muss geschaut werden, was die Gründe der Untreue waren und offen kommuniziert werden – das ist das A und O! So eine Situation kann Bedürfnisse offenlegen, von denen man vorher noch gar nicht gewusst hat, dass man sie hat. Oder man hat sich nicht getraut, darüber zu reden. Nach so einer großen Verletzung muss es von beiden Seiten ein bewusstes Entscheiden füreinander sein. Dann ist die Beziehung nicht einfach nur Alltag oder Gewohnheit. Die Krise kann genutzt werden, um eine ehrliche Kommunikation wieder herzustellen, um neu zu verhandeln, neu zu entdecken, um die Thematiken anzugehen und zu gucken, ob die zu lösen sind. Und diese Neuorientierung, Neuverhandlung, Neuentdeckung und dieses bewusste Entscheiden füreinander kann ganz viel Potenzial für die Beziehung freilegen.
Zur Person
Werdegang
Lena Maier ist Psychologische Psychotherapeutin, Sexualtherapeutin, Psychologin und Systemische Beraterin mit einer Praxis in Sersheim (Kreis Ludwigsburg). Neben Einzel-, Paar- und Familienberatungen bietet sie außerdem Kurse an. Etwa Entspannungskurse gegen Stress oder Gruppenkurse für Frauen, in denen es um die Themen Weiblichkeit und weibliche Sexualität geht.
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