Die Rehkitze werden von ihren Müttern im hohen Gras abgelegt. Wird gemäht, sind die Kleinen chancenlos. Foto: Kron

Die Kitzretter Ortenau werden in den nächsten Wochen fast täglich im Einsatz sein. Die Ehrenamtlichen sind in den frühen Morgenstunden unterwegs, um Tiere vor den Mäharbeiten aus dem hohen Gras zu retten.

Fünf Augenpaare schauen konzentriert auf den Bildschirm am Feldrand. Plötzlich taucht ein weißer Punkt auf – eine Wärmesignatur. Klaus Niehüser steuert die Drohne mit Kamera über das Feld. Er stoppt den Flug und lässt sie tiefer sinken. Jetzt kann man es erkennen: Da liegt ein Rehkitz in der Wiese. Ausgerüstet mit Gummistiefeln, Matschhose, Handschuhen, Karton, Kescher und leuchtend gelbem Klebeband machen sich die beiden Helferinnen Stefanie Baum und Sabrina Dieterle auf den Weg zum Fundort. Sie legen das schlafende Kitz in den mit Gras gepolsterten Karton und stellen ihn an den Rand des Feldes. Der Ort wird gut sichtbar mit dem Klebeband markiert. Der Grund für die Rettung ist die geplante Mähung der Wiese.

 

Nicht nur nach Rehkitzen suchen die Helfer

Rehkitze, brütende Hennen und andere junge Tiere sind gegen die Landwirtschaftsmaschinen chancenlos. Sie werden von den Landwirten im hohen Gras leicht übersehen und können durch die Maschinen schwer verletzt oder sogar getötet werden. Die Landwirte zahlen eine Strafe, wenn auf ihren Feldern durch die Mähung Tiere zu Schaden kommen. Bis 18 Uhr am Vorabend können sie ihre Mäharbeiten auf der Website der Kitzrettung anmelden. Teilweise bis 23 Uhr sitzt Niehüser, Leiter des Lahrer Teams der Kitzrettung Ortenau, dann an der Planung und Koordination der Gruppen. Sie bestehen aus ehrenamtlichen Helfern. In der Morgendämmerung geht es dann los.

Foto: Kron

„Wenn es jetzt zwei bis drei Tage schön ist, geht es rund bei uns. Dann haben wir viel Fläche in wenigen Tagen abzusuchen, wenn die Landwirte ihre Felder mähen“, erklärt Niehüser. „Das geht dann schon mal an die Substanz der Helfer.“

Zusammen mit mehr als 40 Helfern und zehn Drohnenpiloten ist der 61-jährige Jäger im Einsatz. „Wir sind froh um jeden Helfer. Natürlich können nicht alle unter der Woche so früh zur Verfügung stehen. Aber auch nur ein paar Stunden oder Hilfe am Wochenende ist sehr wichtig“, betont er.

Seit vier Jahren haben die Retter Drohnen dabei

Der Grund für den Einsatz zu so früher Stunde ist die kühle Temperatur. Jeder Wärmepunkt müsse überprüft werden und sobald die Sonne rauskommt, gebe es davon natürlich mehr, so Niehüser. Solange die Sonne nicht scheint, sei in der Regel jeder Wärmepunkt ein Lebewesen und damit potenziell zu retten.

In diesem Jahr bringt jedoch das Wetter die Routine etwas durcheinander: „Im vergangenen Mai waren wir schon jeden Morgen unterwegs. Dieses Jahr gab es zu der Zeit nur zehn Einsätze.“ Der Grund dafür: Durch den Regen können die Felder nicht gemäht werden. Doch jetzt, Anfang Juni, nehmen die Mähungen zu.

Als unsere Redaktion die Retter begleitet wird nicht nur ein Kitz vor dem Tod oder Verstümmelung durch die Mäharbeiten gerettet: Auch eine Fasanenhenne mit knapp zehn Küken wurde von der Kamera aufgespürt. „Die können wir nicht fangen, da haben wir keine Chance“, sind sich die Helfer einig. Der Platz der Henne wird ebenfalls markiert. Außerdem liegt am Rand der Wiese ein weiteres Rehkitz. Es ist allerdings schon größer und rennt weg, als die Helfer sich ihm nähern. „Das Kitz kommt wahrscheinlich früher oder später wieder an den Platz zurück“, weiß Clemens Sedler. Er ist ebenfalls Helfer bei den Kitzrettern. Weil immernoch eine Gefahr für die Tiere bei den Mäharbeiten besteht, wird Sedler sie begleiten und ein Auge auf die Sicherheit der Fasane und des Rehkitz haben. An diesem Tag haben die Kitzretter fünf Hektar abgesucht, die nächsten Tage werden es wohl größere Flächen sein.

Auch die Mäharbeiten werden manchmal von den Helfern begleitet

Kitzrettung Ortenau

Innerhalb der Jägervereinigung Offenburg gibt es seit 2020 eine Rehrettungsgruppe. Weitere Jägervereinigungen (Kehl/Achern, Lahr und Kinzigtal) schlossen sich an, so dass die Ehrenamtlichen nun als „Kitzrettung Ortenau“ mit mehr als 20 Teams im Einsatz sind. Kopf der Organisation ist Kreisjägermeister Georg Schilli. Weitere Infos zu den Kitzrettern sowie die Möglichkeit, eine Fläche anzumelden, gibt es unter www.kitzrettung-ortenau.de. Wer sich als Helfer engagieren möchte, kann sich per E-Mail an kitzrettung-ortenau@gmx.de oder unter Telefon 0179/9 74 24 14 melden.