Der Wolfsgruß: das Erkennungszeichen der türkisch-rechtsextremistischen Grauen Wölfe. Foto: dpa/Peter Kneffel

Nach der SPD erreicht die Affäre um die Nähe zu türkischen Rechtsextremisten jetzt einen angesehenen Migrantenverein und andere Parteien. Auch der OB erhält Hinweise.

„Die etwas andere Migrantenorganisation“, heißt es verheißungsvoll auf der Internetseite des Vereins Integra Filder in Filderstadt. Und die Anfänge des stadtweit bekannten und in der Lokalpolitik hoch geschätzten Vereins ab 2011 waren in der Tat vielversprechend. Als es bei der Stadt noch keinen Integrationsbeauftragten gab, sprudelte der Verein nur so vor Projektideen. Er stand für gelebte Vielfalt. Doch seit einigen Jahren, so erzählen es jedenfalls frühere migrantische Teilnehmer an Integra-Programmen, weht ein anderer Wind. Personen aus dem Umfeld des Deutsch-Türkischen Freundschaftsvereins, der örtliche Graue-Wölfe-Verein, hätten die Vielfalts-Idee „zunichte gemacht“, beklagt eine Filderstädterin mit Migrationsgeschichte, die aus Angst nicht namentlich genannt werden möchte.

 

„Heftige verbale Auseinandersetzungen“

„Bei Veranstaltungen ging es fast nur um die türkische Community“, erzählt die Frau. Sie sei auch Zeugin geworden von „heftigen verbalen Auseinandersetzungen“ zwischen Yilmaz Keles, dem heutigen Vorstandsvorsitzenden von Integra, und kurdischstämmigen Bürgern. Weil sich trotz Vorsprache bei Integra-Aktiven nichts geändert habe und die Atmosphäre für sie unerträglich wurde, blieb die Frau dem Verein fern.

In Internet meldet sich eine weitere Migrantin zu Wort, als Integra jüngst ein neues Projekt „Demokratie braucht Medienkompetenz“ ankündigt, in dem es um Rechtspopulismus und dessen antidemokratischer Positionen geht. „Wie sieht es mit Demokratiefeinden in den eigenen Reihen von Integra aus?“, fragt die Frau. „Es ist vielleicht jetzt erst in die Medien gelangt, aber bekannt sind die Verbindungen zu den Grauen Wölfen seit Jahren und doch wird nichts unternommen.“

Anfragen bleiben unbeantwortet

Integra selbst lässt mehrere Nachfragen unbeantwortet. Das ist vielleicht wenig überraschend, denn der Integra-Vorstandschef Ylmaz Keles ist der Ehemann von Müesser Keles. Sie ist eine von ursprünglich drei SPD-Gemeinderatskandidaten mit Bezügen zu den lokalen Grauen Wölfe. Sie ist auf Fotos des Deutsch-Türkischen Freundschaftsvereins von 2018 zu sehen: Andere Personen um sie herum zeigen den Wolfsgruß, an der Wand hängt die Flagge der Graue-Wölfe-Partei MHP mit den drei Halbmonden. Erst am Mittwoch distanzierte sich die SPD-Filderstadt von der 43-Jährigen wie auch von dem ebenfalls belasteten Hasan Arslan. Sie würden nicht mehr auf Wahlplakaten auftauchen, so der Ortsverein in einer Pressemitteilung. Begründung: Beide hätten ihre Beziehungen zum lokalen Graue-Wölfe-Verein verschleiert. Besonders pikant : Ylmaz Keles kandidiert bei der kommenden Gemeinderatswahl für die FDP.

Der FDP-Stadtrat und Landtagsabgeordnete Dennis Birnstock, sagt, er wisse nichts von möglichen personellen Verflechtungen zwischen den Grauen Wölfen und Integra. Was das Ehepaar Keles anlangt, meint er: „Auch wenn Ylmaz und Müesser Keles verheiratet sind, sind beide eigenständige Menschen.“ Bei der FDP-Kandidatur von Herrn Keles gebe es „keine Konsequenzen zu ziehen“. Beim Überprüfen der „Vernetzung der Grauen Wölfe in unserer Stadt“ sieht Birnstock den Verein und die Stadtverwaltung am Zug. Die Antwort der Grünen, bei Integra in führenden Rollen tätig, ist knapp: Man prüfe noch, ob die belasteten Personen bei Integra sind oder waren, so Grünen-Fraktionschefin Catherine Kalarrytou. Von schikanösem Verhalten gegen Nicht-Türkischstämmige wisse sie nichts.

Die Stadt fördert

Die Stadt unterstützt den Migrantenverein seit Jahren – zuletzt mit 17 000 Euro pro Jahr. Zu den Förderern zählen städtische Ämter. Zudem arbeitet der Verein mit dem Forum Interkulturelles Miteinander (FIM) zusammen. Dort sitzen die Grauen Wölfe mit am Tisch. Der FIM-Geschäftsführer ist der Integrationsbeauftragte der Stadt, die FIM-Sprecherin ist die Grüne Kalarrytou.

Als Poster-Girl für die Integra-Plakataktion „Für ein friedliches Miteinander“ trat Gülten Ilbay auf, eine Graue-Wölfe-Funktionärin und die erste Kandidatin, von der sich die SPD-Filderstadt distanzieren musste. Zur rassistischen Graue-Wölfe-Ideologie steht das Plakat-Motto in Widerspruch: „Menschenwürde kennt keine Alternative“. Neben ihr steht der Grünen-Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel. Ihre Freundin Müesser Keles organisierte bei Integra Frauen-Aktiv-Treffs mit dem Freundschaftsverein als Anlaufstelle sowie ein Jugendprojekt.

Klare Abgrenzung formuliert

Oberbürgermeister Christoph Traub (CDU) beteuert, dass er bisher „keinen Anhaltspunkt für eine Verortung der Grauen Wölfe“ bei Integra hatte. Erst seit den Berichten unserer Zeitung meldeten sich Ehrenamtliche und Teilnehmerinnen aus dem Umfeld von Integra „hinsichtlich eines Aktiverwerdens der Grauen Wölfe dort“. Gleichzeitig sei ihm und allen Fraktionen seit 2019 klar, wie problematisch der Graue-Wölfe-Verein ist, sagte er jüngst dem SWR. Daher wurde ein gemeinsames Positionspapier verfasst, das sich klar von dem Verein abgrenzt. Doch weshalb haben er und seine Mitarbeiter nicht genauer hingeschaut, wer in städtischen Gremien wie dem FIM mitarbeitet oder wer sich bei Integra engagiert? Migranten haben unterdessen Angst – zu Recht, denn die Grauen Wölfe gelten als gewaltbereit. Und: „Filderstadt ist eine „Graue-Wölfe-Hochburg“, beklagt eine Migrantin.

Graue Wölfe

Filderstadt
  Der Deutsch-Türkische Freundschaftsverein Filderstadt gehört zur Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine, dem Dachverband der rechtsextremen Grauen Wölfe in Deutschland.

Ziele
 Sie sind nationalistisch, rassistisch und antisemitisch; ihre Feindbilder sind Kurden, Aleviten, Juden und türkischstämmige Linke. Sie wollen in der Lokalpolitik „etablierte interkulturelle Gesprächsformate besetzen“, sagt die Bundesregierung.