Smartphone, Computer und Co. bieten unbegrenzte Möglichkeiten – allerdings auch für Kriminelle. Sie nutzen die Plattformen für Betrug, Verbreitung von Hass und sexuellen Missbrauch. Der Weiße Ring rückt dieses Thema in diesem Jahr in den Fokus.
Eine Studie des Kompetenznetzwerks zum Thema Hass im Internet zeigt: Fast jeder zweite wurde schon mal online beleidigt.
Ein Viertel der Befragten wurde mit körperlicher Gewalt konfrontiert, und über die Hälfte der Befragten hat Angst, online die eigene politische Meinung zu äußern, beteiligt sich seltener an Diskussionen und formuliert Beiträge vorsichtiger. Digitale Gewalt ist ein Thema, dass sich nicht mehr ignorieren lässt. Zum Tag der Kriminalitätsopfer am 22. März hat der Weiße Ring dieses Thema als Jahresthema auserwählt.
Opfer kann jeder werden
„Opfer digitaler Gewalt kann jeder werden“, mahnt Jochen Link, Leiter der Außenstelle des Weißen Rings im Schwarzwald-Baar-Kreis – egal ob Kinder, Jugendliche, Erwachsene oder Senioren, es ist ein Thema, das alle Altersgruppen betrifft. Man merke, dass der raue Ton in sozialen Netzwerken gegenüber vermeintlich Schwächeren oder Minderheiten zunehme.
Aber auch prominente Persönlichkeiten werden immer häufiger Opfer von Hassbotschaften. Auch im Schwarzwald-Baar-Kreis sei das Thema präsent. Der Weiße Ring leistet Opfern von Kriminalität Unterstützung und hilft Betroffenen bei der Bewältigung des Erlebten.
Wie digitale Gewalt bereits die Jüngsten der Gesellschaft tangiert, erläutert Schulsozialarbeiter Jens Reinbolz. Seit rund acht Jahren arbeitet er am Gymnasium am Hoptbühl in Villingen und ist für Schüler eine Anlaufstelle, wenn sie Opfer digitaler Gewalt werden. Dabei sind die Formen ganz unterschiedlich: Digitale Gewalt beginnt bereits dann, wenn Schüler aus Gruppen in sozialen Netzwerken ausgeschlossen oder gar Bilder von einzelnen Personen gezielt verändert und verbreitet werden. Darüber hinaus stellt der Schulsozialarbeiter fest, dass ungewollt zugespielte pornografische Inhalte zunehmen. Konkretes unter Druck setzen komme zwar seltener vor, finde jedoch auch unterschwellig immer wieder statt.
Das Problem bei digitaler Gewalt: „Das Mobbing geht rund um die Uhr weiter“, erklärt Reinbolz, selbst dann, wenn die Schule schon längst vorbei ist. Er stellt auch fest, dass viele Eltern gar nicht wissen, wie sie mit diesem Thema umgehen sollen. Deshalb ist ihm vor allem die Aufklärungsarbeit an den Schulen wichtig, um schon bei den jüngsten Schülern ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen.
Internet vergisst nichts
„Denunzierende, verletzende Inhalte verbreiten sich im Internet viel schneller“, schildert Michael Ilg, Leiter des Referats Prävention bei der Polizei. Und er mahnt auch: „Das Internet vergisst nichts.“ Kompromittierende Bilder können langfristige Folgen sowohl für Opfer als auch Täter haben. Er kritisiert, dass das Unrechtsbewusstsein und die Sensibilität für das eigene Handeln bei vielen fehlt, hier setzt auch die Polizei mit Prävention an.
So seien an digitaler Gewalt immer drei Akteure beteiligt: Täter, Opfer und Mitläufer. Wichtig sei es, die Unbeteiligten für digitale Gewalt zu sensibilisieren und damit digitale Zivilcourage zu stärken. Eine wichtige Funktion sieht auch er in den Eltern, und kritisiert, dass sich viele mit dem Thema nicht beschäftigten wollen. Im Zweifel empfiehlt er Regeln und Sanktionen – zum Schutz der eigenen Kinder.
Was es für ein Kind bedeuten kann, wenn Eltern rechtzeitig über die Bekanntschaften des Kindes im Internet erfahren, schildert Volker Bausch, ehemaliger Beamter bei der Kriminalpolizei und nun ehrenamtlich beim Weißen Ring tätig. Er berichtet von einem Fall einer Zwölfjährigen, die im Internet einen vermeintlich 14-Jährigen kennengelernt hatte. Dank des aufmerksamen Vaters konnte dieser schließlich vor einem Treffen von der Polizei gefasst und als ein einschlägig vorbestraften Straftäter identifiziert werden.
Love Scamming
Doch viele Fälle gehen leider nicht so glücklich aus. So erzählt er auch von einer Frau, die auf „Love Scamming“ – einen modernen Heiratsschwindel – reingefallen ist, und ihrer vermeintlich großen Liebe eine sechsstellige Summe überwiesen habe. Danach sei die Frau nicht mehr in der Lage gewesen, ihre Miete zu bezahlen, so Bausch. Hier greift der Weiße Ring den Opfern auch finanziell unter die Arme.
Der Weiße Ring hilft nicht nur Opfern digitaler Gewalt, sondern auch bei häuslicher Gewalt, schildert Werner Rombach. Bedingungen gebe es für eine Betreuung keine, auch eine bereits gestellte Strafanzeige sei nicht notwendig.
„Der Graubereich ist sicherlich groß“, vermutet Ilg mit Blick auf die Opferzahlen. Oft sei Scham der Grund, warum Betroffene den Fall nicht zur Anzeige bringen. Er ermutigt jeden Fall zu melden – selbst, wenn es im Einzelfall nicht immer etwas bringt.
Weitere Informationen
Michael Ilg,
Leiter des Referats Prävention bei der Polizei, empfiehlt folgende Webseiten, um sich über das Thema digitale Gewalt weiter zu informieren: www.polizei-beratung.de, www.klicksafe.de, www.handysektor.de.