Dieter Hundt hat China schätzen und lieben gelernt. Foto: Michael Steinert

Dieter Hundt hat sein Lebenswerk in chinesische Hände gegeben. Der Unternehmer hat eine Erfolgsstory geschrieben, doch dann braute sich der perfekte Sturm über dem Autozulieferer zusammen.

Die Chinesen haben das Kommando bei Allgaier übernommen – aber man sieht es nicht. Alles sieht aus wie immer, wenn man in Uhingen bei Tor 2 auf den Parkplatz vor dem blassgrünen Fabrikgebäude fährt und sich an der Pforte einen Besucherausweis abholt. „Der Herr Professor kommt gleich“, empfängt uns die Büroleiterin von Dieter Hundt und bittet in ein angenehm klimatisiertes Konferenzzimmer. Wir wollen erfahren, warum er sein Lebenswerk an Chinesen verkauft hat – in einer Zeit, in der hierzulande gefordert wird, dass die deutsche Industrie stärker auf Distanz zum roten Riesenreich gehen sollte.

 

Dieter Hundt wird am 30. September 84 Jahre alt, doch das sieht man dem Mann nicht an, der jeden Morgen schwimmt und sich in seinem Haus auch einen Fitnessraum eingerichtet hat. Mit seiner prächtigen gewellten Haarpracht könnte er leicht für einen Künstler gehalten werden.

Allgaier produzierte einst mit Porsche Traktoren

Im Gespräch nimmt uns der Unternehmer mit auf eine Zeitreise und erinnert daran, wie Erwin Allgaier einst gemeinsam mit Ferdinand Porsche Traktoren entwickelte und produzierte. In den sechziger Jahren konnten sich die Schwaben nicht mehr gegen Konkurrenten wie Fendt oder John Deere behaupten. Der Traktorenbau wurde verkauft. Es blieb der Werkzeugbau, den Hundts Vater leitete. Was fehlte, war eine zündende Idee für ein neues Produkt, das die Traktoren ersetzen konnte.

In dieser Notlage wurde 1975 Dieter Hundt in seine Heimat zurückgerufen. Er hatte in Zürich Maschinenbau studiert und promoviert, gab eine gute Position eine Stufe unter dem Siemens-Vorstand auf.

Dieter Hundt sollte das orientierungslose schwäbische Traditionsunternehmen aus dem Filstal retten. „Ich übernahm die Führung bei Allgaier, weil ich ein waschechter Uhinger bin und gesagt habe: Das hier darf nicht kaputtgehen. Sogar mein Vater hat mir abgeraten, diese Aufgabe zu übernehmen“, erinnert sich der Lokalpatriot, der die rettende Geschäftsidee hatte: Wer Werkzeuge für Pressen fertigt, so seine Überlegung, kann auch Teile produzieren, die mit diesen Werkzeugen hergestellt werden.

So wurde Allgaier zu einem renommierten Hersteller von Kotflügeln, Motorhauben und anderen Karosserieteilen sowie Kraftstofftanks für Edelmarken wie Audi, BMW, Mercedes und Porsche. Als zweites Standbein wurde ein Geschäftsbereich aufgebaut, der Sieb- und Trocknungsanlagen, etwa für Baustoffe oder die Lebensmittelindustrie herstellt.

Dieter Hundt wurde das Gesicht der deutschen Wirtschaft

Die jährliche Bilanzpressekonferenz wurde bald zu einem Pflichttermin für Wirtschaftsredakteure nicht nur aus Stuttgart, sondern weit darüber hinaus – für Zeitungsjournalisten, Radiomacher und Fernsehleute. Denn Allgaier war nicht nur der erste aus der Autobranche, der zum Auftakt der Bilanzsaison Zahlen vorlegen konnte; noch wichtiger war, dass Dieter Hundt von 1990 an zunächst Mitglied des Präsidiums und Vorstands der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und von 1996 bis 2013 dann Präsident des Verbands war. Der Uhinger wurde „die Stimme der deutschen Wirtschaft und ihr prominentestes Gesicht“, wie die „Welt“ zum 75. Geburtstag schrieb. Als das Unternehmen 2006 den hundertsten Geburtstag feierte, kam Bundeskanzlerin Angela Merkel in die Werkskantine und rühmte das handwerkliche Können und die Kreativität der Mitarbeiter.

Die Autokonjunktur ging auf Talfahrt, dann kam Corona

Im Laufe der Jahrzehnte übernahm Dieter Hundt sämtliche Anteile an dem Unternehmen. Anders als etwa beim Textilhersteller Trigema wählten der Sohn und die Tochter eigene Lebenswege außerhalb des Unternehmens Als Hundt 2008 mit 70 Jahren die Führung an einen familienfremden Manager übergab und den Vorsitz des Aufsichtsrats übernahm, lag der Umsatz bei 300 Millionen Euro. Bei seinem Start waren es umgerechnet nur 20 Millionen Euro. Nach dieser eindrucksvollen Expansion braute sich in den letzten Jahren jedoch der perfekte Sturm über dem schwäbischen Autozulieferer zusammen. 2019 sei katastrophal gewesen, so Dieter Hundt, weil das Management nicht versucht habe, das Steuer noch herumzureißen. Die Autokonjunktur ging nach einem langen Aufschwung auf Talfahrt, der Auftragseingang brach ein. Zugleich liefen in der Produktion ungewöhnlich viele Projekte gleichzeitig an, was die Mannschaft überforderte. Die Konsequenz: Ein Verlust vor Steuern von 40 Millionen Euro. Im Jahr darauf warf Corona die Pläne zur Restrukturierung des Unternehmens über den Haufen, Gegenwind kam wie bei allen Zulieferern später auch vom Chipmangel und dem Ukraine-Krieg. Obwohl im laufenden Geschäft bald wieder schwarze Zahlen geschrieben wurde, forderten Banken eine Aufstockung des Eigenkapitals. Es folgte der Entschluss, einen Investor zu suchen.

Seit Anfang Juli haben die Chinesen das Sagen

Der chinesische Investor Westron Group legte schließlich ein „insgesamt interessantes Angebot“ vor, so Dieter Hundt. Die Unternehmensgruppe aus Shanghai hat in Deutschland vor vier Jahren zusammen mit einem Partner bereits ein Gemeinschaftsunternehmen der Autozulieferer Bosch und Mahle mit rund 1300 Mitarbeitern übernommen. Die Übernahme von Allgaier zog sich jedoch hin, weil etliche Genehmigungen in mehreren Ländern eingeholt werden mussten. Auch der Corona-Lockdown in China habe zu Verzögerungen geführt.

Seit Anfang Juli haben die Chinesen das Sagen, die zusätzliches Eigenkapital einbringen. Die beiden Kinder behalten eine Beteiligung in Höhe von rund elf Prozent, der Vater ist nun Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats. „Ich stehe voll und ganz hinter der gefundenen Lösung. Mir war ganz wichtig, und das war zeitweise ganz ernsthaft gefährdet, dass die Allgaier-Gruppe als Ganzes zusammenbleibt, beide Geschäftsbereiche und alle unsere Tochter- und Vertriebsgesellschaften“, betont Hundt. Zugleich hebt er hervor, dass die rund 1980 Mitarbeiter ihre Arbeitsplätze behalten und auch der Betriebsrat in die Entscheidung eingebunden war. Natürlich schwinge Wehmut mit, wenn er heute das Unternehmen betrete.

Dieter Hundt ist ein guter Chinakenner

In den Wochen vor der Entscheidung habe der chinesische Investor viel mit ihm geredet, „wollte wissen, wie ich dies und das beurteile“, erzählt der Unternehmer. Ein Top-Manager des chinesischen Investors inspiziert derzeit die Fabriken, wie zu hören ist, stellt viele Fragen und macht auch schon Verbesserungsvorschläge

Dieter Hundt ist ein guter Chinakenner. In Jieyang im Süden des Landes unterstützte er vor einigen Jahren mit seinen Erfahrungen und seinem Netzwerk den Aufbau der Industriezone Metal Eco City, wo sich auch deutsche Mittelständler ansiedeln sollten. „Ich war sehr häufig in China, teilweise auch mit Ausbildungsleitern von großen deutschen Firmen, weil wir die duale Ausbildung nach deutschem Vorbild in China fördern wollten“ erzählt Hundt. Die Anlage in Jieyang sei beeindruckend. Die Hauptstraße dort ist nach ihm benannt. „Ich habe China in dieser Zeit schätzen und lieben gelernt“, meint Hundt.

Dieter Hundt plädiert trotz allem für „Wandel durch Handel“

Aber kann man sein Lebenswerk in chinesische Hände geben in einer Zeit, in der die Kritik an China wächst? IG-Metall-Chef Jörg Hofmann hat erst kürzlich VW zur Schließung des Werks in Xinjiang aufgefordert, weil in der Region Menschenrechte verletzt werden. „Natürlich gibt es dort Dinge, die nicht unseren Vorstellungen entsprechen“, räumt Hundt ein und lässt erkennen, dass er nach wie vor ein Anhänger der Strategie „Wandel durch Handel“ ist: „Es bringt nichts, wenn wir nur kritisieren und uns zurückhalten“, urteilt der Schwabe und fordert: „Wir müssen die enge und ganz wichtige wirtschaftliche Verbindung zwischen Deutschland und China pflegen und weiter ausbauen. Zugleich müssen wir versuchen, dort unsere Werte weiter zu verbreiten.“