Nicht nur der Mond über Hongkong Foto: dpa/Kin Cheung

Unternehmen aus Europa und den USA verlassen in Scharen die Sonderverwaltungszone. Dabei gibt es einen klaren Standortgewinner in der Region.

Eine echte Demokratie ist Hongkong auch zu der Zeit nicht gewesen, als die Briefmarken der Kronkolonie noch mit dem Konterfei der britischen Königin geschmückt waren. Doch die britische Herrschaft hat seinerzeit dafür gesorgt, dass man sich auf die Gerichte vor Ort verlassen konnte. Die Rechtssicherheit ist denn auch stets einer der Gründe für Hongkongs Strahl- und Wirtschaftskraft gewesen. Nicht nur damit geht es nun zu Ende.

 

Corona-Einschränkungen belasten die Wirtschaft

Vor wenigen Wochen hat Großbritannien ziemlich überraschend seine Richter aus dem obersten Gericht der chinesischen Sonderverwaltungszone abgezogen. Dort saßen sie auch noch, nachdem die Stadt 1997 von Großbritannien an China zurückgegeben worden war. Die Rechtsprechung Ihrer Majestät sollte den Übergang der Justiz begleiten. Nun aber zog die britische Außenministerin die Reißleine. Die Situation habe einen „Kipppunkt“ erreicht, an dem es für britische Richter nicht länger haltbar sei, Teil des führenden Hongkonger Gerichts zu sein, sagte Liz Truss mit Blick auf das chinesische Sicherheitsgesetz. Die Juristen sind nicht die Einzigen, die Hongkong verlassen.

Ausländische Unternehmen haben über Jahrzehnte von einem stabilen, ausländerfreundlichen Finanzzentrum vor den Toren Chinas profitiert. Nun planen immer mehr Firmen einen Umzug. Neben den Sicherheitsgesetzen und den massiven Einschränkungen bei der Presse- und Redefreiheit ist es vor allem die knallharte Anti-Corona-Politik Chinas, die mehr und mehr in der Sonderverwaltungszone Einzug findet. Einer Umfrage zufolge denkt nahezu die Hälfte aller europäischen Unternehmen in Hongkong darüber nach, binnen eines Jahres zumindest mit Teilen des Personals umzuziehen. 25 Prozent der Umzugswilligen wollen der alten Heimat sogar vollständig den Rücken kehren.

Keine Besserung in Sicht

Die Europäer folgen damit den Kollegen aus den USA. Das angespannte Verhältnis zwischen Peking und Washington schwingt natürlich zusätzlich mit, wenn US-Unternehmen über ihre Zukunft in Hongkong Auskunft geben – die meisten sehen sie düster. Exemplarisch dafür steht Tara Joseph, die Präsidentin der US-amerikanischen Handelskammer in Hongkong. Vor nicht einmal vier Jahren ließ sie sich in der „South China Morning Post“ mit viel Lob zitieren: „Hongkong verfügt weiterhin über eine robuste und solide Infrastruktur von Werten, Praktiken und Institutionen, die sich nicht stärker von denen des Festlandsystems abheben könnten.“ Inzwischen hat Joseph ihre Koffer gepackt und die Stadt verlassen. Hongkong, sagt sie dem „Guardian“, habe „schwindelerregende Veränderungen“ durchgemacht. Das Schlimmste sei allerdings, dass es kein Licht am Ende des Tunnels gebe. Joseph ist nicht alleine. Laut Einwanderungsdaten hat Hongkong seit Anfang des Jahres mehr als 150 000 Einwohner verloren.

Japan und China sind wenig attraktiv

Auch die deutsche Geschäftswelt in der Sieben-Millionen-Metropole liegt mit ihrer Einschätzung der Situation im Trend. Eine Mehrheit von 78 Prozent der 91 von der Außenhandelskammer befragten Unternehmen nahm schon im vergangenen Jahr eine Verschlechterung des politischen Klimas wahr. Eine Umfrage der US-amerikanischen Handelskammer in Hongkong lässt keinen Zweifel daran, wer in der Region von der Abwanderung aus Hongkong am meisten profitiert. Die japanische Hauptstadt Tokio hat dabei gerade einmal ein Prozent der Stimmen bekommen, die chinesischen Städte Shenzhen und Shanghai schnitten mit sechs und zehn Prozent nur unwesentlich besser ab. Es gab einen überwältigenden Favoriten: 80 Prozent der Befragten entschieden sich für Singapur.