Noten lesen können muss niemand, der zu Max Neumann kommt und eine Handpan spielen will. Zu der kam der Balinger in Indien auf einem abenteuerlichen und nicht ganz legalen Weg.
Aus sieben Wochen, die Max Neumann in Indien verbringen wollte, wurde ein halbes Jahr: der radikale Lockdown in dem Land am Ganges hatte den Balinger eiskalt erwischt. Zwar absolvierte er wie geplant einige Einheiten seiner Ausbildung zum Yogalehrer, doch dann war da – nichts mehr. Der heute 31-Jährige saß im Hotel fest.
Ein Glücksfall, wie sich herausstellen sollte. Gemeinsam mit anderen Gestrandeten reifte der Entschluss, Musik gegen die Langeweile zu machen. Allein – Instrumente hatte niemand an Bord.
Diese eine schicksalhafte Nacht
Zu dritt klemmten Neumann und seine Bekannten sich nachts verbotener Weise auf einen Scooter und krabbelten unter dem fast geschlossenen Rolltor eines Musikladens hindurch – auch das war nicht erlaubt und schon gar nicht, dass der Inhaber ihnen Ukulelen verkaufte. Bei der Erinnerung an jene schicksalhafte Nacht muss Neumann lächeln.
Denn in dem Laden gab es auch Handpans, jene UFO-artig wirkenden Instrumente aus Metall, die zu Schwingen beginnen, wenn man mit den Fingern oder Handflächen darauf klopft. Die Klänge klingen sphärisch und meditativ. Max Neumann war direkt schockverliebt.
Er wollte eigentlich Schlagzeuger werden
Und hier schließt sich nun wieder der Kreis: vor seiner Selbstständigkeit – Neumann hat im Frühsommer den wohl einzigen Handpan-Laden der Region eröffnet – arbeitete er als Yogalehrer in verschiedenen Studios. Er war als Straßenmusiker unterwegs und begleitete Yoga-Einheiten mit seiner Handpan.
So ganz neu war dem Balinger, der seinen Laden samt „Probenraum“ für die Kurse in einer Einliegerwohnung betreibt, das Musizieren freilich nicht. Als Jugendlicher spielte er Schlagzeug und wollte das nach dem Abitur auch zu seinem Beruf machen.
„Ich habe ein Sabbatical gemacht“, erzählt der junge Mann. Doch statt wie die meisten jungen Leute nach der Schulzeit durch die Welt zu reisen, schloss Neumann sich quasi im Keller ein. „Ich habe zwölf Stunden am Tag Schlagzeug geübt“, sagt er und muss grinsen. Gereicht hat es trotzdem nicht, um die Aufnahmeprüfung an der Hochschule zu packen.
„Der Laden ist so ein Familiending“
Neumann machte seine Trainerlizenz, jobbte in einem Supermarkt im Lager. „Bei sieben Grad“, sagt er und lacht. Da war es in Indien deutlich wärmer – und wie er heute weiß, auch deutlich zielführender für ihn.
Ruhiger allerdings nicht, sowieso seit er sein eigenes Unternehmen hat. Er kümmert sich um die Website, muss viel Organisatorisches erledigen. Verlassen kann er sich dabei auf eine Frau, deren Namen allein ihn strahlen lässt: „Meine Freundin Lisa.“
„Der Laden ist so ein Familiending“, sagt Neumann. Auch die Eltern helfen mit. „Jeder mit seinen Stärken.“ Dazu zählt auch die ausgelassene Art von Dea. „Dea“ bedeutet im Indischen „die Himmlische“. Dea ist ein Zwergpudelmädchen, mit dem Max Neumann am liebsten Zeit in der Natur verbringt.
Wer kommt zu seinen Kursen? „Das ist queerbeet.“ Manche stünden kurz vor der Rente und würden sich jetzt trauen, ein Instrument zu lernen – ohne Noten lesen zu können. Andere wiederum suchten nach einer Möglichkeit, sich im Alltag entspannte Inseln zu schaffen.
Die Instrumente kommen aus Hongkong
Seine Instrumente bezieht Max Neumann aus einer kleinen Manufaktur in Hongkong. Er will mit einem Vorurteil aufräumen: „Made in China heißt nicht unbedingt schlecht.“ Seine Geschäftspartnerin und er wollen zeigen, dass man sehr wohl Qualität liefern kann, ohne die Menschen auszubeuten.
Diese Qualität hat auch ihren Preis. Einsteigermodelle gibt es ab etwa 1400 Euro. Nach oben ist die Spanne offen.
Aber wie klingt denn nun eine Handpan? Ein bisschen so wie die Steeldrums, die man aus Jamaika kennt. Erfunden wurde das Instrument aber tatsächlich von zwei Schweizern.