IHK-Präsident Christian O. Erbe sieht Herausforderungen auf Unternehmer zukommen. Ein Gespräch über Wirtschaftsaussichten und US-Präsident Donald Trump, über stockende Straßenbauprojekte und die neue Bundesregierung.
44 000 Mitgliedsunternehmen in der Region Neckar-Alb vertritt die Industrie- und Handelskammer (IHK) Reutlingen. Mit deren Präsident Christian O. Erbe sprach unsere Redaktion über die wirtschaftliche Lage.
„Der Blick in die Zukunft ist nicht so rosig“, bilanziert Erbe und hofft auf positive Signale aus Berlin.
Lage im Zollernalbkreis
Für die Wirtschaft im Bereich des Zollernalbkreises und der IHK Reutlingen insgesamt sieht Christian O. Erbe eine Stagnation. „Wir verlieren nicht unheimlich viel an Boden, aber es geht auch nicht aufwärts“, so seine Einschätzung. Die Unternehmer erwarteten zudem nicht, dass sich in naher Zukunft etwas ändere.
Als Vorteil empfindet Erbe, dass der Zollernalbkreis sehr industrielastig sei, weniger in Richtung Dienstleistung oder Handel orientiert als andere Landkreise. „Das ist ein Plus.“ Die Quote sozialversicherungspflichtig beschäftigter Arbeitnehmer im Bereich Industrie liegt aktuell nach Zahlen der IHK bei 47,4 Prozent (Baden-Württemberg: 34,7).
In Sachen Exportquote (47 Prozent) sei der Kreis gut aufgestellt. Vom Export lebe „die baden-württembergische Wirtschaft per se, und auch im Zollernalbkreis ist das nicht anders. Man hat eine gute Substanz.“ Dies birgt jedoch Risiken: Geraten Teile der Industrie-Unternehmen in eine wirtschaftliche Schieflage, ist eine Vielzahl an Jobs in Gefahr. Deshalb müsse gegengesteuert werden. Erbe betont in diesem Zusammenhang: Nicht auf den Heimatmarkt angewiesen zu sein, sei ein Vorteil – sei doch der deutsche Markt nicht stark expandierend. „Das ist nichts, worauf man sich verlassen sollte“, sagt Erbe, der zugleich Geschäftsführer des gleichnamigen Medizintechnikunternehmens mit Hauptsitz in Tübingen und großer Niederlassung in Rangendingen ist.
Lage auf dem Weltmarkt
Wohin also orientieren in Zeiten, in denen die Märkte in Bewegung sind? China und die USA, die großen Player, stellten sich neu auf, gibt Erbe zu bedenken. Dies müssten Mittelständler im Südwesten strategisch im Auge haben: „In diesen Unternehmen gibt es nicht so viele Möglichkeiten der Verschiebung, der raschen Eröffnung anderer Produktionsstätten wie in der großen Industrie.“
Mit Blick auf US-Präsident Donald Trump, der auf zunehmenden Protektionismus, auf „America first“ setzt, sagt Erbe: „Ich glaube, dass die Herausforderung größer wird.“ Trump sei in seiner ersten Amtszeit sehr hart aufgetreten, Änderungen seien jedoch nicht so schnell und so drastisch erfolgt wie heute.
Erbe sieht ein gewisses Risiko für Deutschland, spricht plötzliche Kehrtwenden Trumps an, etwa bei Zöllen. Erbe vergleicht Trump mit einem Immobilienmakler. „Trump ist für mich kein Unternehmer per se, eher ein Real Estate Broker“, umschreibt er den US-Präsidenten. Er konkretisiert: „Entweder ist die Wohnung verkauft oder nicht verkauft, das geht innerhalb von drei Tagen.“ Eine ganze Produktion in den USA aufzubauen, das sei dagegen nicht von heute auf morgen möglich. Infrastruktur zu schaffen, Mitarbeiter zu finden – „das hat einen langen Vorlauf, das wird von Trump vollkommen ignoriert“.
Unternehmern im Südwesten, im Zollernalbkreis, die in die USA exportieren, rät Erbe, nicht abzuwarten: „Es wird ohne Zweifel schwieriger werden – man sollte rasch handeln.“ Neue Märkte zu erschließen sei entscheidend. Doch auch hier sei Zeit nötig. „Wenn ich sage, ich will die USA-Geschäfte morgen in China machen, ist das ein frommer Wunsch.“ Der IHK-Präsident blickt beispielsweise auf Auslandsmärkte wie Südostasien – hat dort mit seinem Medizintechnikunternehmen selbst positive Erfahrungen gemacht, spricht von guten Wachstumsaussichten.
Lage in Deutschland
„Trump hat uns aufgeweckt, der Mann ist ein Hallo-wach-Ruf“, sagt Erbe. „Wir müssen uns auf die eigenen Beine stellen.“ Das koste wiederum Geld. Angesprochen auf das Milliarden-Finanzpaket, das Bundestag und Bundesrat gebilligt haben, erklärt Erbe, Sonderhaushalte seien keine schlechte Idee, aber nötig sei zudem eine Strategie. „Mit einem Sondervermögen ist es nicht getan.“
Nun dürfe nicht versäumt werden, auf die Ausgabenseite zu schauen. Ein Sanierungsplan sei nötig. „Eine Strategie haben wir seitens der IHK bei der EU bislang vermisst, auch im Bund“ – so bleibe es Aktionismus, betont Erbe. „Lange Zeit wurde auf Kosten der Substanz gelebt.“ Das gelte nicht nur für die Scholz-Legislaturperiode, auch die CDU müsse sich an die eigene Nase fassen.
Erbe nennt die Stichpunkte Entbürokratisierung und marode Infrastruktur, spricht einen schlankeren Staat an. „Lässt sich der Personalstamm anpassen?“, fragt Erbe und meint dazu: „Man kann es à la Trump machen – trial and error (Anm. der Red.: Versuch und Irrtum), nicht empfehlenswert. Oder aber: Man kann eine Strategie aufbauen.“ Ob er sich denn einen Elon Musk wünscht, der einmal durchpflügt, in den USA den Auftrag hat, Entlassungen in den Behörden voranzutreiben? „Nein“, sagt Erbe, „da gibt’s keinen bei uns. Man muss vielmehr einen Plan haben.“
Austausch mit der Politik
Mit Berlin will die IHK weiter den Kontakt suchen, wenngleich das in den kommenden Jahren schwieriger werden dürfte. Mit sechs Bundestagsabgeordneten, fünf davon gleichzeitig, war der Zollernalbkreis vor der Bundestagswahl im Februar in Berlin vertreten – mit Thomas Bareiß (CDU) sowie Robin Mesarosch (SPD) im Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen sowie mit Annette Widmann-Mauz (CDU), Martin Rosemann (SPD), Julian Grünke (FDP) und Chris Kühn (Grüne) im Wahlkreis Tübingen-Hechingen.
In den neuen Bundestag gewählt wurde nur Bareiß; der Wahlkreis Tübingen hat aufgrund des neuen Wahlrechts keinen eigenen Abgeordneten im Bundestag. „Das ist ein großes Problem“, schätzt der IHK-Chef die Situation ein. Erbe sieht als Lösung eine engere Zusammenarbeit der Abgeordneten untereinander und über die politische Ausrichtung hinweg, damit die Interessen aller Wahlkreise direkt oder indirekt in Berlin vertreten werden. Geprüft werden müsse jedenfalls, „wie wir unsere Präsenz in Berlin halten“.
Der Blick auf die B 27
Die IHK drängt seit Jahren, seit Jahrzehnten auf den Ausbau der Bundesstraße 27 zwischen dem Zollernalbkreis und Tübingen. Aktuell stockt er – wieder einmal. Naturschutzverbände hatten angekündigt, gegen den Ausbau und Neubau der B 27 bei Ofterdingen zu klagen. Das Regierungspräsidium Tübingen schränkte daraufhin den Sofortvollzug des Planfeststellungsbeschlusses für den Aus- und Neubau der B 27 zwischen Bodelshausen und Nehren teilweise ein.
„Das geht in Richtung Bürokratisierung, Prozesse werden recht leicht und wiederholt aufgehalten, man dreht Schleifen“, so IHK-Präsident Erbe. „Ein erneuter Stopp wäre mehr als kontraproduktiv“, warnt er. „Infrastruktur ist ein wichtiges Thema, wir haben viele internationale Unternehmen – sie müssen zum Flughafen, zum Bahnhof nach Stuttgart kommen, auch mit dem Auto.“ Sein Vorschlag: Verfahren parallelisieren, Gutachten gleichzeitig durchführen, nicht nacheinander. Auch für Einsprüche könne es ein einziges Zeitfenster für alle geben. Anschließend müsse der Bau aber endgültig möglich sein.
Die Zukunft
„Der Blick in die Zukunft ist nicht so rosig“, sagt Erbe und nennt Zahlen. Dass die wirtschaftliche Lage stabil bleibt, damit rechnen laut einer aktuellen IHK-Umfrage 56 Prozent der Unternehmen im Bereich der IHK Reutlingen, mit einer Verbesserung 14 Prozent, mit einer Verschlechterung 29 Prozent.
Auch bei der Auftragslage sei die Stimmung verhalten. Erbe betont: „Emotionen sind in der Wirtschaft gewichtiger, als man gemeinhin denkt.“ Der Faktor Gefühl spiele eine Rolle, zeige ein Stimmungsbild. Sein Auftrag an die Regierung: „Die Signale aus Berlin müssen der Wirtschaft wieder Mut machen.“