Stefan Diehr lokalisiert mit seinem Metalldetektor die markierten Punkte und gräbt sie mit der Hilfe seines Arbeitskollegen mit Bagger und Spaten aus. Foto: Piskadlo

Auf dem Mahlberger Areal „Hinter den Gärten Nord“ suchten Experten nach explosiven Altlasten – und wurden fündig. Unsere Redaktion hat die Ausgrabungen begleitet.

8.30 Uhr, leichter Nieselregen fällt auf die neongelbe Warnjacke von Stefan Diehr. „Wir sind schon seit knapp einer Stunde hier“, sagt er mit lauter Stimme, um den Baggerlärm zu übertönen. Seit rund zwei Wochen ist ein Acker im künftigen Baugebiet „Hinter den Gärten Nord“ in Mahlberg sein Arbeitsplatz. Seine Aufgabe: Die 5000-Quadratmeter-Fläche von gefährlichen Überresten des Zweiten Weltkriegs befreien. „Wir haben schon eine Handgranate und ein Gewehr entdeckt“, erklärt er beim Besuch unserer Redaktion.

 

Freilich gräbt Diehr dabei nicht einfach drauf los. Damit er weiß, wo möglicherweise explosive Altlasten schlummern könnten, wurde das Feld vor rund drei Monaten von einem seiner Arbeitskollegen mit einem Sondierungsgerät untersucht (wir berichteten). „180 Punkte wurden entdeckt“, erklärt Diehr und zeigt eine digitale Karte, auf der alle Stellen zentimetergenau hinterlegt sind. Hinter jeder einzelnen Markierung könnte Sprengstoff aus längst vergangenen Zeiten lauern. „Das ist zu 95 Prozent nicht der Fall“, stellt der 50-Jährige klar. Oftmals handele es sich um Altmetall wie Nägel oder Hufeisen. „Eigentlich sind wir Schrottgräber“, scherzt der Experte. Dennoch ist beim Ausgraben stets Vorsicht geboten. Denn ob es sich um Schrott oder um Sprengstoff handelt, können ihm seine Geräte nicht verraten. Erst wenn Diehr das Objekt mit mit eigenen Augen sieht, weiß er mehr. „Wenn es rund und massiv ist“, antwortet er auf die Frage, wann bei ihm die Alarmglocken läuten. Demnach taste er verdächtige Funde ab, untersucht sie nach typischen Merkmalen wie Zünder. Stellt sich heraus, dass es sich dabei um explosives Gefahrengut handelt, muss der Kampfmittelräumdienst gerufen werden. „Der entschärft vor Ort oder holt das Objekt zur Entsorgung ab.“ Letzteres war auch nun in Mahlberg der Fall, als Diehr eine sowjetische F1-Handgranate ans Tageslicht holte.

Sein größter Fund war eine 250-Kilogramm-Bombe

Wie tief die Funde in der Erde vergraben sind, sei unterschiedlich – besonders auf Ackeroberflächen. „Diese werden regelmäßig gepflügt. Dadurch werden die Gegenstände immer wieder nach oben geholt. Der Landwirt hat die Granate mit Sicherheit schon drei Mal unwissentlich bewegt“, ist sich der Experte sicher und fügt an: „Viele wären überrascht, wenn sie wüssten, was in ihren Grundstücken zu finden ist.“ So habe er bereits ein Feld untersucht, in dem so viele gefährliche Altlasten gefunden wurden, dass ein Container anrücken musste.

Sieht unscheinbar aus, birgt jedoch große Gefahr: Diese Handgranate wurde in Mahlberg gefunden. Foto: privat

Doch nicht nur Ackerflächen sind betroffen, auch in privaten Gärten könnten sich Reste des Zweiten Weltkriegs verbergen. „Die Luftbilduntersuchung für das geplante Baugebiet hat ergeben, dass sich verdächtige Punkte bei benachbarten Häusern befinden“, erklärt Mahlbergs Hauptamtsleiter Enver Altay. „Ich habe die Eigentümer informiert. Sowohl die Untersuchung als auch die gegebenenfalls notwendige Entsorgung müssten sie jedoch selbst bezahlen.“ Laut Diehr würde sich das lohnen – sofern es sich bei den Stellen tatsächlich um Gefahrengut handeln sollte. „Der Sprengstoff zersetzt sich in der Erde. So kommt es immer häufiger zu Selbstzündungen.“ Das heißt: Durch kleine Erosionen kann es passieren, dass die Sprengkörper nach rund 80 Jahren in der Erde hochgehen. Und je nach Art des Kampfmittels kann das schwere Folgen haben. „Die größte Bombe die ich bisher gefunden habe, war 250 Kilogramm schwer“, erinnert sich der 50-Jährige, der seit zehn Jahren für die Firma Terrasond arbeitet.

Für Diehr und seine Kollegen ist die Untersuchung im Mahlberg Neubaugebiet mittlerweile abgeschlossen. Arbeit gibt es für sie jedoch genug: „Besonders in den Gebieten in der Nähe des Rheins – da haben sie damals alles mögliche rübergeschossen“, sagt er. Und so geht es für ihn weiter mit der Bombensuche – als nächstens in Offenburg.

Info – Es stecken noch 300.000 Tonnen Bomben im Boden

Schätzungsweise 1,4 Millionen Tonnen Bomben haben die Alliierten während des Zweiten Weltkriegs über dem deutschen Reichsgebiet abgeworfen – allein über Baden-Württemberg waren es laut dem Kampfmittelbeseitigungsdienst (KRD) rund 100.000 Tonnen. Laut Statistiken des KRD wurden bis Ende des Jahres 2021 insgesamt 24.638 Bomben mit einem Gewicht von jeweils mehr als 50 Kilogramm entschärft und vernichtet. Pro Jahr kommen 15 bis 25 Bomben mit mehr als 50 Kilogramm hinzu. Laut wissenschaftlichen Diensten des Bundestages werden deutschlandweit noch bis zu 300.000 Tonnen Kampfmittelaltlasten im Erdreich vermutet. Pro Jahr komme es dabei durchschnittlich zu ein bis zwei Selbstdetonationen. So geschehen etwa im Jahr 2001 in Ludwigshafen, als plötzlich eine 500-Pfund-Bombe losging. Dabei wurden zwei Häuser zerstört.