Herbert O. Zinell im Stadtarchiv Schramberg am Standort der Akten zu seiner Wahl und Amtszeit. Foto: Johannes Fritsche

Mit natürlicher Autorität und Zielstrebigkeit prägte Herbert O. Zinell als Oberbürgermeister die Entwicklung seiner Heimatstadt Schramberg und setzte als Amtsleiter im Innenministerium wichtige Strukturprojekte in Gang.

Der Treffpunkt mit Herbert O. Zinell für das Gespräch ist das Stadtarchiv Schramberg, in dem er auch als Stadtrat und langjähriger Oberbürgermeister eine lange Aktenspur hinterlassen hat. Auch nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst sucht er das Archiv für Recherchen immer wieder auf. Zinell ist Mitherausgeber der Fachzeitschrift „Verwaltungsblätter für Baden-Württemberg“ und publiziert auch im Ruhestand fortlaufend Fachartikel zu Verwaltungs- und Rechtsthemen. „Ich habe neben der Verwaltungstätigkeit schon immer gerne geschrieben“, erklärt er; auch zum Beispiel über kontroverse Themen wie das „Präventionsrecht gegenüber Gefährdern“.

 

In Schramberg geboren

Im Jahr 1951 geboren, wuchs Herbert Zinell in Schramberg auf, wo er nach der Grundschule die Haupt- und Realschule besuchte. Während sein Vater und seine beiden Brüder einen Handwerksberuf ausübten, entschied er sich für eine Verwaltungsausbildung im Rathaus Aichhaldens, die er 1971 beendete. „Das war die richtige Entscheidung, denn später war es eine tolle Grundlage für die Arbeit als Rechtsanwalt und Oberbürgermeister“, versichert Zinell heute.

Studium an der Fachhochschule Kehl

Nach der Zeit im Aichhalder Rathaus begann er ein Studium an der Fachhochschule Kehl, das er 1973 mit der Staatsprüfung für den gehobenen Verwaltungsdienst abschloss. Anschließend folgte ein Studium der Rechtswissenschaften und Soziologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, das er 1978 mit dem Ersten Staatsexamen beendete. Nach dem Zivildienst 1978 bis 1979 absolvierte er ab 1980 sein Referendariat im baden-württembergischen Justizdienst. 1982 folgte das Zweite Staatsexamen.

Anwalt in Oberndorf

In den Jahren 1982 bis 1990 arbeitete Zinell als Anwalt in einer Kanzlei in Oberndorf am Neckar. „Von Anfang an wollte ich mich als Fachanwalt auf das Verwaltungsrecht konzentrieren und war damit einer der wenigen in der Provinz mit einer solchen Qualifikation.“ 1986 promovierte er an der Universität Konstanz mit einer Arbeit über die Rechtsstellung des Unternehmers im Wasserwirtschaftsrecht, die er berufsbegleitend erstellt hatte. Als Verwaltungsfachmann und Jurist war Zinell die Idealbesetzung für die kommenden Aufgaben.

„Nicht nur fordern, sondern auch was tun!“

Im Jahr 1968 trat er in die SPD ein mit dem Vorsatz: „Nicht nur fordern, sondern auch was tun.“ Die soziale Ausrichtung der SPD, das Streben nach Gerechtigkeit und gleichen Chancen hatten ihn überzeugt. „Nur durch das neue Bafög konnte ich später Jura studieren.“

1984 in den Gemeinderat Schramberg gewählt

1984 wurde er in den Gemeinderat Schrambergs gewählt, wo er bis 1990 Vorsitzender der SPD-Fraktion war. Mirko Witkowski, der den SPD-Ortsverein Schramberg seit fast 20 Jahren führt, erzählt von einer lange zurückliegenden Begegnung mit ihm: „Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als mir der damalige SPD-Ortsvereinsvorsitzende Herbert Zinell das Parteibuch überreicht hat. Besonders beeindruckend war für mich damals, dass ein so wichtiger Mensch in einer SPD-Versammlung zu mir an den Platz kam – anstatt mich zu ihm kommen zu lassen -, um mir das Parteibuch persönlich zu übergeben.“

Sieg bei der Wahl zum OB

Bei der Schramberger Oberbürgermeisterwahl 1990 trat Zinell, „ermutigt zur Kandidatur von vielen Seiten und nach einigem Zögern“, für die SPD gegen den CDU-Amtsinhaber Bernd Reichert an und setzte sich bei der Wahl am 9. September schon im ersten Wahlgang durch. „Als Juso in einer konservativen Stadt war das kein Selbstläufer, aber ich hatte in vielen persönlichen Begegnungen Vertrauen geschaffen.“ In den Jahren 1998 und 2006 wurde er jeweils mit großer Mehrheit im Amt bestätigt.

Natürliche Autorität und Zielstrebigkeit

Mit natürlicher Autorität, Zielstrebigkeit und einem Mitarbeiter-orientierten kooperativen Führungsstil im Rathaus setzte er in seiner Amtszeit eine Entwicklung in Gang, die Schramberg in einigen Bereichen zum Vorreiter machte: Fachbereiche statt Ämter im Rathaus, Neuausrichtung und Stärkung der Wirtschaftsförderung, Industrieflächenausweisung auf dem Sulgen, Stadtentwicklungskonzept 2020+ und ein erstes interkommunales Gewerbegebiet auf zwei Gemarkungen (Seedorf/Waldmössingen).

Angebot aus dem Innenministerium

Nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg 2011 erhielt Zinell vor dem Ablauf seiner dritten Amtszeit von Reinhold Gall (SPD) das Angebot, als Ministerialdirektor und Amtsleiter in das von diesem geführte Innenministerium der neuen grün-roten Landesregierung von Baden-Württemberg zu wechseln. „Ich hatte nur eine Nacht Zeit zum Überlegen, aber so eine Chance bekommt man kurz vor dem 60. Geburtstag nie wieder“, entschied er sich für Stuttgart. Bei seiner Verabschiedung in Schramberg am 2. Juli 2011 wurde Zinell im Beisein seines neuen „Chefs“ in einer Feierstunde die Ehrenbürgerwürde verliehen.

Zinells Wirken in Stuttgart

Auch in Stuttgart wirkte er in bewährter Weise mit seiner soliden Ausbildung und Erfahrung: Polizeireform, Neuordnung der IT der Landesverwaltung, das Management der Flüchtlingsaufnahme ab 2015 und das Abschiebegefängnis in Pforzheim sind Projekte, auf die er stolz sein kann.

Zinell gibt Erfahrungen und sein Wissen weiter

Seine Erfahrung und sein Wissen gibt Zinell im Ruhestand nicht nur als Lehrbeauftragter der Hochschule für öffentliche Verwaltung Kehl weiter, sondern berät auch ehrenamtlich Lokalpolitiker in rechtlichen Fragen. An der Landesfeuerwehrschule in Bruchsal hält er Seminare über den richtigen Umgang mit Krisen ab. Einen Ausgleich und viel Freude findet er zusammen mit seiner Frau Ruth beim Wandern und dem Besuch kultureller Veranstaltungen wie Konzerte, Theater und Kunstausstellungen.