Andreas Schreitmüllers Leidenschaft gilt seit vielen Jahren dem Film, selbst wenn er „nur“ auf Super-8 aufgenommen wurde, wie hier im Bild. Er ging aufs Leibniz-Gymnasium Rottweil und leitete später viele Jahre lang die Hauptabteilung Spielfilm und Fernsehfilm beim deutsch-französischen Sender ARTE. Unser Foto entstand im Besprechungszimmer des Schwarzwälder Bote in Rottweil Foto: Eric Zerm/Eric Zerm

Hätte Andreas Schreitmüller als Jugendlicher mit dem Stadtjugendring Rottweil keine Filmabende im Central-Kino organisiert, wäre sein Leben anders verlaufen. Dieses Engagement öffnete ihm später einen Weg, der ihn 1991 schließlich zum gerade neu gegründeten Sender ARTE führte.

Ohne Andreas Schreitmüller hätte Tom Tykwers Kultfilm „Lola rennt“ vielleicht gar nicht umgesetzt werden können, und es gäbe auch – neben vielen anderen Filmen – „Good Bye, Lenin“ oder „Das Leben der Anderen“ möglicherweise nicht. Der deutsch-französische Sender ARTE produzierte diese Filme mit, und Andreas Schreitmüller leitete dort schon seit 1991 die Redaktion Fernsehfilm und ab 2000 auch das Spielfilmressort.

 

Schon in jungen Jahren Begeisterung fürs Kino

Dabei hatten die Eltern für ihn eher eine naturwissenschaftliche Laufbahn im Auge. Sein Vater war Ingenieur, seine Mutter Apothekerin, und als sein Vater Leiter des Fernmeldeamts in Rottweil wurde, landete Andreas Schreitmüller als Schüler auf dem Leibniz-Gymnasium, das die Schwerpunkte Mathematik und Naturwissenschaft hat. „Meine Neigungen waren aber eher sprachlich“, verrät er. Und er hatte schon damals großes Interesse an Film und Kino. Mit dem Stadtjugendring und gemeinsam mit seinem Freund Dieter Funk organisierte Andreas Schreitmüller während seiner Schulzeit in Rottweil Filmabende im Central-Kino. „Es gab jede Woche donnerstags eine Filmvorführung; unser Programm führte quer durch die Werke.“ Organisiert wurden unter anderem Aufführungen von Filmen der Größen Claude Chabrol, Stanley Kubrick, Luchino Visconti oder Woody Allen. Und die Aufführungen waren gut besucht. „Wir hatten immer zwischen 200 und 400 Besucher“, blickt Schreitmüller gern zurück.

Nach dem Abitur in Rottweil studierte er an der Universität Konstanz und in Manchester Linguistik. Einen Studiengang wie Medienwissenschaft gab es damals noch nicht. Die Leidenschaft für den Film blieb Schreitmüller erhalten.

Abenteuerliche Zeit im China nach der Kulturrevolution

Seine andere Faszination für Sprachen führte ihn zu einem Chinesischkurs. „Ende der 70er Jahre öffnete sich China nach der Kulturrevolution.“ Über den Chinesischkurs kam er in Kontakt mit der damaligen China-Kommission des Landes Baden-Württemberg, ins Leben gerufen, um Beziehungen nach China aufzubauen. Gesucht wurden Dozenten, die in China Ingenieure und Naturwissenschaftler auf ein Studium in Deutschland vorbereiten sollten, und Andreas Schreitmüller ließ sich auf dieses Abenteuer ein. „Es gab damals in Shanghai nur etwa 200 Ausländer“, und der junge Mann sog die vielen Eindrücke eines Landes im Aufbruch in sich auf. „Das war ein aufregendes Jahr. Ich war noch keine 25 Jahre alt.“

Zur richtigen Zeit zurück

Bei seiner Rückkehr nach Deutschland – er begann gerade mit seiner Doktorarbeit – fiel Schreitmüller in der „Zeit“ zufällig eine Anzeige für die Westdeutschen Kurzfilmtage in Oberhausen auf. Gesucht wurde ein stellvertretender Leiter. Eine Chance, die Filmleidenschaft zum Beruf zu machen? „Ich bewarb mich mit meiner Arbeit, die ich in Rottweil ehrenamtlich gemacht hatte.“ Mit Erfolg. Ab 1981 war Andreas Schreitmüller stellvertretender Leiter der Kurzfilmtage in Oberhausen, die noch heute in Form einer gemeinnützigen GmbH bei der Stadt Oberhausen angesiedelt sind. „Wäre ich nur vier Wochen später aus China zurückgekommen, hätte ich die Anzeige nicht gesehen, und mein Berufsleben wäre ganz anders verlaufen.“

Kontakt mit dem ZDF

So kam Andreas Schreitmüller ein paar Jahre später bei einem Filmfest in Krakau – einem Partner-Festival der Kurzfilmtage Oberhausen – in Kontakt mit Kollegen vom ZDF. „Sie suchten einen Redakteur für ,Das kleine Fernsehspiel’.“ Und dank der administrativen Erfahrung, die Schreitmüller bei den Kurzfilmtagen gesammelt hatte, durfte er für das ZDF diese Aufgabe übernehmen. Hier ging es darum, auf Basis von Exposés Projekte auszusuchen und dann – im Falle eines Zuschlags – das Konzept und das Drehbuch mitzuentwickeln.

Als ARTE entstand

In dieser Zeit wurde wiederum – auf eine Initiative von François Mitterrand, damals Französischer Staatspräsident, Helmut Kohl, Bundeskanzler, und Lothar Späth, Ministerpräsident Baden-Württembergs, die Idee eines deutsch-französischen Senders vorangetrieben. Der Gründungsvertrag wurde am 2. Oktober 1990 unterschrieben, und im Sommer 1991 entstand dann eine Gesellschaft europäischen Rechts, die den Sender betreiben sollte. Weil 50 Prozent der deutschen Anteile an ARTE dem ZDF gehörten, durfte der Sender Leute nach Straßburg entsenden. „Drei Monate später kam ich in mein Büro in Straßburg“, so Schreitmüller.

Große Filmleidenschaft

Ein Mann mit Filmleidenschaft an einer Stelle, wo er sich bis zu seiner Pensionierung Ende 2021 um TV- und Kinofilme in vielen Facetten kümmerte; von der Rekonstruktion des Stummfilm-Klassikers „Metropolis“ bis zur Nachsynchronisation noch unbearbeiteter Folgen des TV-Thriller-Klassikers „Nummer 6“ („The Prisoner“), von „Lola rennt“ bis „Good Bye, Lenin“.