In Remscheid klebt ein Siegel der klebt über dem Schloss einer Tür zum Vereinsheim der Rockergruppierung "United Tribuns". Das Reich der Rockergruppierung aus Villingen-Schwenningen, der unter anderem Sexualstraftaten und versuchte Tötungsdelikte vorgeworfen werden,ist weit verzweigt. Foto: Pfeil

Bokis Reich – zerschlagen. Das Vereinsvermögen – beschlagnahmt. Die United Tribuns – verboten. Doch wie geht es jetzt weiter?

Villingen-Schwenningen - Mitte September holten die Ermittler zum ganz großen Schlag aus: Der Tag war noch gar nicht richtig angebrochen, sie schliefen teilweise noch, da wurden führende Köpfe und Drahtzieher in Bokis Reich in ganz Deutschland von Spezial-Einsatzkommandos aus dem Schlaf geschreckt. Durchsuchungen, Befragungen, Festnahmen.

 

Kistenweise schleppten die Fahnder stundenlang Unterlagen, Drogen und Waffen aus Wohnräumen und Vereinsheimen. Köln, Wuppertal, Düsseldorf, Remscheid, Mettmann und Villingen-Schwenningen, alleine in Nordrhein-Westfalen waren es über 40 Objekte, im Gebiet der Rockergang wurde jeder Stein auf Links gedreht. Sieben Mal klickten die Handschellen. SPD-Bundesinnenministerin Nancy Faeser verbot die United Tribuns. Doch ist jetzt Ruhe?

Sieben Rocker im Gefängnis

So schnell geht das offenbar nicht. Staatsanwalt Andreas Mathy bestätigt im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten, dass die sieben festgenommenen Rocker noch immer im Gefängnis sitzen. Was ihnen zur Last gelegt wird? Die Staatsanwaltschaft schweigt gegenüber der Presse. Was die Ermittlungen bislang ergeben haben? Aus ermittlungstaktischen Gründen, wie es so schön heißt, unterliegt auch das der Geheimhaltung – doch schon die Verdachtsmomente sind gravierend: Es geht um Drogen, um Waffen, um Menschenhandel und Zwangsprostitution.

Vordergründig hatten sich die United Tribuns eine schillernde Lifestyle-Kulisse aufgebaut: Sie feierten rauschende Partys, lebten in Saus und Braus – Armin Culum, in Villingen-Schwenningen viel besser bekannt als Rotlicht-König Boki, und sein Gefolge ließen sich immer wieder nicht nur beim Boxtraining und Bodybuilding ablichten, sondern auch umgeben von schönen Frauen, dicken Autos, vor großen Villen. Eine Aura von Macht und Geld.

Letzter Ausweg: die neue Identität

Doch hinter dieser Kulisse ging es offenbar zur Sache. Immer wieder sickerten tröpfchenweise unschöne Details durch: United Tribuns, die teilweise minderjährige Frauen, vornehmlich aus dem Ostblock, zur Prostitution zwingen. In der Manier eines Loverboys nach Deutschland gelockt, müssen sie plötzlich anschaffen. Drohkulissen, um die Frauen gefügig zu halten. Gewalt und Erpressung. Wenn Aussteigerinnen auspackten, die das auch nur tun konnten, weil ihnen durch ein umfangreiches Netzwerk und in Zeugenschutzprogrammen neue Identitäten verpasst worden waren und sie anderswo ganz neu anfangen konnten, dann ähnelten sich die grausigen Geschichten. Nur die Köpfe und Protagonisten wechselten sich ab.

Wenn die Ermittler jetzt die Akte "United Tribuns" füllen, dürfte diese voll sein von genau solchen Bildern und Erlebnissen. War bei den SEK-Einsätzen Mitte September auch eine dreistellige Anzahl an Beamten im Einsatz, liegen die weiteren Ermittlungen nun wieder hauptsächlich in den Händen des Polizeipräsidiums Konstanz. Eine Sonderkommission wie bei ähnlich aufwendigen Verfahren wurde nicht gebildet – tatsächlich aber seien, so Jörg-Dieter Kluge von der Pressestelle des Polizeipräsidiums, neben dem "Hauptsachbearbeiter" zahlreiche Polizisten mit der Aufarbeitung der Geschehnisse rund um die United Tribuns betraut.

Einstellung unwahrscheinlich

Dass dies einige Zeit in Anspruch nehmen dürfte, liegt auf der Hand. Und sehr wahrscheinlich werde die Arbeit der Ermittler am Ende in eine gerichtliche Aufarbeitung münden. Wegen der Untersuchungshaft der sieben Verdächtigen müsse das Verfahren jedoch "mit besonderer Beschleunigung" betrieben werden. "Es ist ein sehr umfangreiches Verfahren", stellte Staatsanwalt Andreas Mathy darüber hinaus im Gespräch mit unserer Redaktion klar. Es würde "mich wundern", wenn vor "Ende des Jahres" über die Eröffnung eines möglichen Hauptverfahrens entschieden werden könnte. Zusätzlich zu den sieben Festgenommenen gebe es zudem noch weitere Beschuldigte. Und sehr wahrscheinlich sitzen einige von ihnen über kurz oder lang auf der Anklagebank vor Gericht. "In der Regel enden solche Verfahren nicht mit einer Einstellung", betont Mathy – auch angesichts dessen, dass die Ermittler den United Tribuns schon seit vielen Jahren an den Fersen hängen. Alleine deren Präsident Boki ist bereits seit 13 Jahren flüchtig und schafft es bis heute, sich der deutschen Justiz zu entziehen – trotz des internationalen Haftbefehls, der gegen ihn erlassen worden war.

Überraschungsfaktor mit Gewicht

Ein solcher hatte unlängst immerhin zur Verhaftung seines ebenfalls gesuchten Bruders Nermin Culum verholfen. Ob über die erfolgten Festnahmen hinaus auch noch Haftbefehle gegen wichtige Köpfe in Bokis Imperium anhängig sind, dazu geben die Ermittler keine Auskunft. Der Überraschungsfaktor trägt für gewöhnlich nicht unerheblich zum Fahndungserfolg oder eben -misserfolg in solchen Kreisen bei. Ihm ist es daher auch zu verdanken, dass die Ermittler nun umfangreiches Material sichten müssen, mit dessen Hilfe es gelingen soll, Licht in die dunklen Machenschaften von Armin Culum und seinem Gefolge zu bringen.