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Ungewissheit im Kreis Calw Gastronomen schreiben Brandbrief nach Berlin

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Wie lange noch? Das fragen sich auch die Gaststätten und Hotels im Kreis Calw. die Ungewissheit plagt die Verantwortlichen. Foto: ©s-movive/  rosifan19 – stock.adobe.com/Montage: Helber

Noch immer ist nicht endgültig klar, ob die Gastro-Branche über Weihnachten dicht bleiben muss oder nicht. Das bringt die Verantwortlichen im Kreis Calw auf die Palme. Wieso sie jetzt einen Brandbrief nach Stuttgart und Berlin schicken, lesen Sie in unserem (SB+)-Artikel.

Kreis Calw - Es ist der nackte Kampf ums Überleben in der Gastronomie- und Hotellerieszene. Auch im Kreis Calw kochen die Emotionen allmählich über. Die fehlende Verbindlichkeit ist allen Beteiligten ein Dorn im Auge. Ein Brandbrief soll jetzt helfen.

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Die Stimmung im Berlins Krone Lamm in Zavelstein ist nahezu gespenstisch. Weit auseinandergerückte Tische, kein Besteck, keine Gäste, es herrscht gähnende Leere. "Vermutlich kommen wir erst im März wieder richtig in die Gänge", malt Rolf Berlin ein denkbar düsteres Szenario an die Wand. Und der Dehoga-Boss im Kreis Calw stellt ernüchtert fest: "Wie wir das überleben sollen, ist mir ein Rätsel."

"Ohne die Gastronomie stirbt die Gesellschaft"

Nach und nach kommen noch andere Gesprächspartner dazu. René Skiba, Geschäftsführer der Tourismus GmbH Nördlicher Schwarzwald zum Beispiel. Auch Ricarda Becker, ihres Zeichens stellvertretende Direktorin im Hotel Therme in Bad Teinach, ist vor Ort. Dann schaltet sich noch Wolfgang Frey vom Enztalhotel in Enzklösterle per Telefon zu. Sie alle wollen auf die nach wie vor prekäre Situation der Gastronomie und Hotellerie aufmerksam machen.

Und das im Laufe des Gesprächs mit teils drastischer Wortwahl. "Ohne die Gastronomie stirbt die Gesellschaft", befand etwa Berlin, der nachlegte, dass, wenn es so weitergehe und tatsächlich viele Betriebe dauerhaft schließen, "der Tourismus in Baden-Württemberg zerstört" werde. Skiba sah gar einen ganzen "Wertschöpfungskreislauf der Region" wegbrechen. Becker beklagte, dass die "langfristige Systemrelevanz" der Gastronomie nicht bedacht oder diskutiert werde in der Politik. Frey aus Enzklösterle sprach in Bezug auf die bisherige Praxis zu den Corona-Hilfen gar von einer "Sauerei". Die Soforthilfe habe er bekommen, die Überbrückungshilfe nicht. "Keinen Cent" habe er da gesehen, wütete der Hotelier. Überhaupt komme die Novemberhilfe viel zu spät, stimmte Berlin ins Klagelied mit ein. Pachten oder andere laufende Kosten seien längst fällig gewesen. Die Politik habe die Hilfen "großartig angekündigt", regte sich Frey weiter auf und stellte klar: "Nur vom Ankündigen gewinnt man kein Vertrauen." Stichwort Vertrauen. Das ist bei allen Beteiligten nahezu weg – das Tischtuch, um im Gastronomiesprech zu bleiben, ist nicht mal mehr zerschnitten, sondern regelrecht zerfetzt.

"Keiner gibt uns Auskunft, was über Weihnachten ist."

"Die Politik muss reagieren und uns Leitlinien geben", forderte Frey. Und zwar solche, die nicht nur für wenige Wochen gelten. Stand jetzt könne noch kein Politiker sagen, was nach dem 20. Dezember passiere. "Da fehlt der Mut, zu sagen, was über dieses Datum hinaus ist", meinte Tourismus-Chef Skiba. Becker stellte ernüchtert fest: "Keiner gibt uns Auskunft, was über Weihnachten ist." Den Einwand, dass doch die ganze Gesellschaft dieses Problem habe, lassen die Gastronomen und Touristiker gelten, präzisieren aber auch das Problem. Angefangen bei den Gästen: Man wisse ja nicht, was man anrufenden Gästen sagen solle, die verunsichert sind, erklärte Becker. Selbst wenn man über Weihnachten öffnen dürfe, man müsse ja auch mit den Mitarbeitern planen, könne da nicht einen Tag im Voraus sagen "so, jetzt brauchen wir euch morgen wieder. Das sind auch Menschen, die planen müssen", ergänzte Berlin.

Die Überlegungen aus Politikerkreisen, dass die Verwandschaftsbesuche dann in den kurzfristig wiedereröffneten Hotels nächtigen können, bezeichnete Frey rundweg als "Schwachsinn".

Die Gäste brauchen eher 14 Tage, um eine Entscheidung zu fällen

Überhaupt, da waren sich Becker, Berlin, Skiba und Frey einig, könne man doch nicht von jetzt auf gleich die Türe aufschließen und alles funktioniere wieder. Zwei bis drei Tage brauche man mindestens Vorlauf, um den Betrieb hoch-, aber auch herunterzufahren. "Die Gäste brauchen eher 14 Tage zur Entscheidung", gab Frey aus dem Telefonhörer zu bedenken.

Auf die Frage, ob denn ernsthaft einer daran glaubt, dass man angesichts der aktuellen Infektionszahlen, die Gasthäuser und Hotels über Weihnachten öffnen dürfe, herrscht kurz betroffene Stille. Becker stellt dann klar, dass man realistisch genug auf die Dinge blicke: "Wir stellen uns schon darauf ein, dass es nicht geht an Weihnachten." Doch genau das sei das Problem: "Wir glauben, wir vermuten – aber das reicht eben nicht", so Becker. Man lechzt in der Branche nach klaren Aussagen der Politiker, ja braucht sie auch irgendwann zwingend. Denn einfach eigenmächtig auf Basis bloßer Vermutungen und Andeutungen aus der Politik die Reservierungen zu stornieren, sei ein rechtliches Problem.

"Man lässt uns da allein", stellt Dehoga-Boss Berlin fest. Im ersten Lockdown im Frühjahr sei das noch ganz anders gewesen, erinnert sich Becker. Da habe man noch das Gespräch gesucht und Gehör gefunden. Jetzt seien alle Kommunikationsleitungen gekappt. "Wir kommen im Moment nicht mal mehr in den Austausch", beschwert sich Skiba bitterlich. Deshalb müsse man als Gastronomieszene eine gemeinsame Stimme finden, um sich Gehör zu verschaffen.

Ein Brandbrief soll jetzt per Mail versendet werden. An mehrere Abgeordnete des Land- und Bundestages sowie an diverse Minister. "Irgendwann muss ja eine Reaktion kommen. Wir wollen die auch etwas rausprovozieren", sagt Becker fast trotzig. Doch man kann die Wut der Branche verstehen – durch den massiven Einnahmenausfall seien nach wie vor ein Drittel der Betriebe nach wie vor in der Existenz bedroht. "Die könnten auf der Strecke bleiben, das ist nach wie vor ein reales Szenario", warnt Berlin als Dehoga-Vorsitzender des Landkreises eindringlich. Da hingen ja nicht nur Gäste dran, sondern vor allem zahlreiche Mitarbeiter, Zulieferer und andere Dienstleister. Und an die Wirksamkeit der Hilfen glaubt in der Runde keiner mehr so recht. 10 000 Euro Soforthilfe seien im Frühjahr überwiesen worden. "Ein Tropfen auf den heißen Stein", wetterte Frey aus Enzklösterle.

Politisches Berlin soll Farbe bekennen

Unabhängig von den Hilfen sei es untragbar, wie die Gastronomie derzeit behandelt werde. "Man kann nicht nur immer scheibchenweise sagen, was Sache ist", appelliert der Zavelsteiner Berlin ans politische Berlin, endlich Farbe zu bekennen. "Halbwahrheiten" seien das, die dort immer wieder propagiert würden. "Das sind keine vertrauensbildenden Maßnahmen." Jetzt hofft man, dass der Brandbrief in Richtung Politik auch endlich Gehör findet.

Man wolle ja gar nicht "auf Teufel komm raus" das Weihnachtsgeschäft durchziehen, stellt Skiba klar. Nur endlich verbindliche Aussagen, um planen zu können. Was virologisch vorgehe, wisse man ja zu gut, betonte Skiba. Doch es sei eben nicht nachgewiesen, dass es in der Gastronomie viele Infektionen gegeben hätte in der Vergangenheit. Jetzt alle Bars, Kneipen, Gaststätten und Hotels über einen Kamm zu scheren, gehe nicht.

Die Schließung der Gasthäuser sei auch für die Region ein Problem, da Infrastruktur wegbreche. "Was ist denn der Baumwipfelpfad in Bad Wildbad ohne die Schlusseinkehr?", fragte Skiba. Die Kanalisierung der Besucherströme sei ein gewaltiges Problem ohne die Einkehrmöglichkeiten. Alles balle sich auf den Wanderwegen.

Doch wie geht es jetzt weiter? Außer auf Antwort von Seiten der Politik zu warten, bleibt nicht viel. Drive-in, Abholservice, Kochboxen zum Selberzubereiten von Speisen, das Portfolio an kreativen Ideen ist reichhaltig. Immerhin, das sei ein positiver Aspekt der Krisenzeit, betonte Skiba. Der Wunsch in Richtung Politik: "Wir wollen Partner auf Augenhöhe sein und nach Ideen gefragt werden", sagt Becker. Denn letztere hat es genügend, man tue ja alles erdenkliche, um den Infektionsschutz zu gewährleisten.

Rolf Berlin findet trotz aller Wut und Enttäuschung noch ein versöhnliches Schlusswort: "Wenn die Pandemie vorbei ist, werden wir überrannt, weil im Sommer alle gemerkt haben, wie schön es hier ist." Die Frage bleibt, wie viele Hotels und Gastronomen es bis dahin noch gibt.

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