Magdalena und Thomas Knöller aus Tübingen kämpften jahrelang mit ihrem unerfüllten Kinderwunsch. Wie sie den Schmerz überwanden und warum das Thema immer noch ein Tabu ist.
„Und, wann ist es endlich so weit?“ Diese Frage bekommen Paare ab einem bestimmten Alter oft zu hören. Sie zielt darauf ab, wann sie gedenken, sich fortzupflanzen. Meistens ist sie lieb gemeint. Und doch kann sie verletzen.
Magdalena und Thomas Knöller hätten diese Fragen nämlich allzu gerne beantwortet. Jahrelang versuchten sie, ein Kind zu bekommen, hofften und bangten, investierten Zeit, Geld und Unmengen an Energie. Vergeblich. Schließlich mussten sie akzeptieren, dass ein eigenes Kind für sie nicht Realität werden wollte.
Mit 20 wusste Thomas Knöller, dass er zeugungsunfähig ist
Das war nicht einfach. Dabei waren die beiden schon vorgewarnt gewesen. Als Thomas 20 Jahre alt war, bekam er Hodenkrebs. Die Krankheit machte ihn zeugungsunfähig. Es war klar: Familie und leibliche Kinder, das würde es für ihn nicht geben.
Als er 2012 Magdalena kennenlernte und sich in sie verliebte, legte er ziemlich schnell die Karten auf den Tisch. „In der allerersten Verliebtheitsphase“, sagt der heute 40-Jährige. Irgendwie sei es komisch gewesen, so früh zu deklarieren: „Ich kann keine Kinder zeugen, und eine Samenbank möchte ich nicht“. Aber er wollte ihr klarmachen, auf wen sie sich da einließ.
Sie reagierte erst einmal mit Verständnis. Immer mal wieder kam der Gedanke, Thomas nehme ihr durch seine Einstellung die Möglichkeit, schwanger zu werden. Doch auch das verging. „Meinen Kinderwunsch über unsere Beziehung zu stellen, kam für mich nicht in Frage“, sagt sie.
Und das, obwohl sie immer Mutter werden wollte. „Da ist etwas in mir drinnen, eine Kinderliebe, die fließen will“, sagt die 36-Jährige. Ein kleines Wesen mit einer Liebe zu überschütten, die noch mal anders ist als die, die sie für ihren Mann oder Freunde und Familie fühlt – das wollte sie unbedingt.
Deshalb machte das Paar sich 2019 auf in ein Kinderwunschzentrum. Denn, auch wenn die Hoffnung gering war: „Natürlich guckst du, was geht“, sagt Thomas. In der Klinik versuchten sie, die Teile zusammenzubekommen, die es für eine mögliche Befruchtung brauchte. Ein wenig Gewebe von Thomas, eine Eizelle von Magdalena. Sein Part war tiefgefroren in der Klinik. Für ihren Part musste sie jedes Mal aufs Neue hin, Zyklus für Zyklus jeden zweiten Tag zum Ultraschall, jedes Mal eine gynäkologische Untersuchung. Immer, bevor der Eisprung anstand, um zu schauen, wann man die Eizelle entnehmen könnte.
Auf jeden dieser Eingriffe fieberte sie hin, in der Hoffnung, dass es dieses Mal klappen würde. Meistens tat es das nicht, weil die Eizelle zum Beispiel schon gesprungen war.
Eizellen-Punktion: Nach drei Jahren waren die Bedingungen günstig
An einem Tag im März 2022 endlich waren die Bedingungen günstig, die Eizelle groß genug für die Punktion. Theoretisch. Nachdem die Assistenzärztin daran scheiterte, mit der riesigen Nadel die Eizelle zu entnehmen, versuchte die Oberärztin es – beide Male vergeblich. Und beide Male ohne Betäubung. „Zwei Helferinnen haben zusätzlich auf meinem Bauch herumgedrückt und geschoben“, sagt Magdalena. Die Erinnerung daran erschüttert sie heute noch. In anderen Kinderwunschzentren wird man für diesen Eingriff betäubt.
Mit dem Umgang dort habe sie sich auch sonst nicht wohl gefühlt. Jedes Mal habe jemand anderes sie behandelt, jedes Mal musste sie ihre Geschichte neu erzählen.
Auch die Kommunikation lief nicht gut. Als sich Thomas’ Gewebeproben dem Ende zuneigten, machten sie sich aufs Schlimmste gefasst. Sie wollten sich freinehmen, wenn sie endgültig erfahren würden, dass sie keine Kinder bekommen können. Eigentlich hatten sie im Labor des Kinderwunschzentrums Bescheid gesagt, dass sie unter der Woche viel unterwegs seien, sich erst am Freitagnachmittag zuhause treffen würden. „Wir hatten darum gebeten, dass sie dann erst anrufen“, sagt Magdalena. Es geschah so ziemlich das Gegenteil: Die Nachricht kam per E-Mail an Thomas, mitten in der Woche – zwischen Job-E-Mails und Newslettern lag sie plötzlich im Postfach.
Der Moment war hart. Freinehmen ging nicht, weil wichtige Termine anstanden, also powerten sie erst einmal durch. Körperlich ausgelaugt zu sein und seelisch Schmerzen zu haben – „die Kombination fühlt sich verdammt intensiv an“, sagt Thomas. Sie konnten sich nicht gegenseitig helfen, weil beide am Ende waren.
Unerfüllter Kinderwunsch – „Wir sind bereits an der Hardware gescheitert“
Dass die Trauer und der Schmerz sie so hart erwischen würden, „damit habe ich nicht gerechnet, weil ich ja wusste, dass es vielleicht nicht klappt“, sagt Magdalena. Sie betont: „Ich habe nur einen kleinen Ausschnitt der Kinderwunschbehandlung erlebt“. Körperlich zehrende Hormonbehandlungen habe sie gar nicht über sich ergehen lassen müssen – „wir sind ja bereits an der Hardware gescheitert“, wie Thomas es ausdrückt. Trotzdem hätten diese drei Jahre etwas mit ihnen gemacht. „Ich kann nur erahnen, wie es anderen geht, die noch ganz anderes erleben“, sagt Magdalena.
In ihrem Job als Journalistin bekam sie eine ganz gute Vorstellung davon, als sie den ARD-Dokumentarfilm „7 Tage im Kinderwunschzentrum“ drehte. Eine Frau erzählte ihr von dem Schmerz darüber, dass ihr Körper einfach nicht das tue, was er soll. „Es gibt eine kulturelle Erwartung und einen biologischen Drive, dass man genau dafür da ist“, sagt Thomas. Auch er musste damit kämpfen, nicht zeugungsfähig zu sein. Etwas, das typischerweise zum Bild des Männlichseins gehört.
Aus irgendeinem Grund erleben viele den Kinderwunsch vor allem als Frauenthema. Das sagt auch Magdalena. Dabei trauern die Männer genauso mit, wenn es nicht klappt. Auch bei den Ratgebern sieht Thomas eine klare Ausrichtung auf Frauen. „Ich glaube, viele Frauen haben einen klügeren Umgang damit: Sie wollen darüber sprechen, lesen, sich austauschen“, sagt er. Er fürchtet, dass Männer nicht nur denken, sie müssten das alles mit sich selbst ausmachen, sondern auch, dass sie für die Partnerin stark sein müssten. Thomas fand es wichtig, in den Schmerz hineinzugehen. Dass er so reflektiert an die Sache heranging, hat sicherlich auch mit seinem Job als Trau- und Trauerredner zu tun.
Auch Magdalena ging in sich. Nach einer ersten Zeit der Trauer meldeten die beiden sich zur Paartherapie an, und sie gestalteten den Abschied vom Kinderwunsch miteinander. In ihrem Wohnzimmer schrieben sie jeweils einen Abschiedsbrief an ihr gemeinsames Kind, das nicht existieren sollte. Sie legten die beiden Briefe in eine Box und vergruben sie auf einem Tübinger Friedhof. Ein „Guerilla-Grab“, wie sie sagen. Einen Ort für ihre Trauer zu haben, half ihnen. Auch Gespräche mit Freunden oder Eltern halfen.
Tabu durch verletzende Sprüche: „Dann ist es halt so gottgewollt“
Doch nicht jeder hat die Möglichkeit, das Gespräch zu suchen. Auch das weiß Magdalena durch ihre Arbeit. Denn der Wunsch nach einem Kind ist bis heute zum Teil ein Tabu. Viele Betroffene hören immer wieder verletzende Sprüche, sagt sie. Neben „Wann ist es denn so weit?“ kämen Dinge wie „bei deinem Stress musst du dich nicht wundern, wenn es nicht klappt“, oder „dann ist es halt so gottgewollt“. Auch ein „Hab dich nicht so“ habe eine Betroffene gehört, ein paar Wochen nach einer Fehlgeburt. Weil das ja noch kein Kind, kein Mensch gewesen sei.
Thomas und Magdalena Knöller machten das Thema nie zum Tabu. Sie sprachen darüber, holten sich Hilfe, und boxten sich mitten durch den Schmerz. Sicher, irgendwie wird der Kinderwunsch immer in ihnen schlummern. Aber heute ist es anders. „Bei mir ist der Wunsch mit den Jahren stärker geworden“, sagt Magdalena. Thomas hingegen kann sich nicht mehr wirklich vorstellen, Kinder zu haben. Deshalb sind auch Adoption und Pflegekinder kein wirkliches Thema mehr.
Magdalena gönnt sich ihre Dosis Kinderglück heute als Tante und Patentante. Mit den Kindern herumzublödeln, ihnen Geschichten zu erzählen oder gemeinsam Marmelade von selbst gepflückten Erdbeeren zu kochen, macht ihr gewaltigen Spaß. Und Thomas weiß heute: „Ein zärtliches, liebevolles Paar zu sein, ist Familie im vollsten Sinne“.
Dem Tabu entgegen
Veranstaltung
Mit ihrer Erfahrung möchten Magdalena und Thomas Knöller andere Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch unterstützen. Deshalb wirken beide bei der Veranstaltung „Unerfüllter Kinderwunsch – spirituelle Stärkung auf einem herausfordernden Weg“ mit. „Wir möchten Anstöße geben. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen zumindest einen Gedanken oder ein Gefühl mitnehmen, das sie weiterträgt“, sagt Magdalena Knöller.
Wann und wo?
Die Veranstaltung findet am Sonntag, 26. Oktober, von 16 bis 18 Uhr im Spirituellen Zentrum station s in der Kirche St. Fidelis (Seidenstraße 39) im Stuttgarter Westen statt. Sie ist kostenfrei. Zwar ist der Anmeldeschluss schon vorbei, Interessierte dürfen aber sehr gerne auch spontan vorbeikommen – das hat Familie Knöller ausdrücklich betont. Neben dem Ehepaar Knöller sind als Leiterinnen dabei: die Entspannungstrainerin Melanie Koller sowie Alessa Koch, Bildungsreferentin KBW Stuttgart und ebenfalls Betroffene, sowie die Seelsorgerin Kirstin Kruger-Weiß.