Mathematik könne man im Südwesten nicht abwählen, stichelte Cem Özdemir neulich gen Berlin. Hätte er das selbst gerne getan? Es war jedenfalls nicht sein Lieblingsfach.
Bei Schulthemen war Winfried Kretschmann, auch als einstiger Lehrer, immer für pointierte Bemerkungen gut. Als voriges Jahr Viertklässler bei einem Mathematik-Leistungstest schwach abschnitten, mokierte sich der Ministerpräsident über die Mentalität der Deutschen. Im Bildungsbürgertum gebe es da eine ungute Tradition: „Wenn man in Mathe ein Flasche war, hat man das freimütig zugegeben.“ Da habe niemand die Nase gerümpft, „nur in Deutsch musste man gut sein“. In anderen Ländern habe das Fach dagegen einen deutlich höheren Stellenwert.
Gehört etwa auch Kretschmanns designierter Nachfolger zu den bekennenden „Mathe-Flaschen“? Das konnte eine Äußerung von Cem Özdemir nach seinem Sieg bei der Landtagswahl vermuten lassen. Angesichts knapper Finanzen warnte er vor überzogenen Erwartungen: „Wir haben keinen Dukatenesel“, man sei schließlich „nicht in Berlin“, wo Milliarden-Schulden gemacht werden. „Bei uns konnte man Mathematik nicht abwählen an der Schule.“ Seine Botschaft: Die Vorhaben müssten „halt solide finanziert“ sein.
„Mathe war nie meine größte Leidenschaft“
Mathematik abwählen – war das für Özdemir womöglich selbst ein Thema? Tatsächlich hat der Grüne wiederholt durchblicken lassen, dass Mathematik nicht zu seinen Lieblingsfächern gehörte. Die Schule in seinem Heimatort Bad Urach verließ er zunächst mit der mittleren Reife, erst am Berufskolleg in Nürtingen holte er später die Fachhochschulreife nach. Dort sind die Anforderungen in Mathe nicht ganz so hoch wie am Gymnasium: weniger abstrakt, mehr praxisbezogen. „Mathe war nie meine größte Leidenschaft“, ließ Özdemir unserer Zeitung bestätigen – „aber ich habe früh gelernt: Am Ende muss die Rechnung trotzdem aufgehen“. Insofern kann Kretschmann sein Amt also doch getrost an ihn abgeben.