Für Schlögl ist Wasserstoff die Lösung der Energiekrise – hier eine Wasserstoff-Tankstelle. Foto: Schutt/dpa

Chemiker Robert Schlögl referierte beim diesjährigen Umweltforum der Sparkasse Pforzheim Calw zur Energiekrise und der seiner Meinung nach einzigen langfristigen Lösung – Wasserstoff.

Calw - Nicht zuletzt die hohen Preise für Energie heutzutage treiben die Menschen um, denn um die Energiekrise kommt keiner mehr herum. Seien die Gründe hierfür der Klimawandel, die globale Erwärmung, hohe CO-Emissionen, Umweltschutz oder tatsächlich nur die hohen Kosten.

Auf welchen Energieträger wird in Zukunft gesetzt? Gerade der Ukraine-Krieg hat gezeigt, wie abhängig Deutschland vom Import von Energie ist. Und eben das hat nun Auswirkungen. Robert Schlögl, Chemiker und Direktor am Fritz-Haber-Institut sowie Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für chemische Energieumwandlung, spricht in seinem Vortrag beim Umweltforum 2022 der Sparkasse Pforzheim Calw über eine mögliche Lösung der Energiekrise.

Straßenbeleuchtung kann ruhig anbleiben

Hauptsächlich soll die Krise eine Folge spekulativer Effekte sein. "Wir sind selbst dran schuld", meint Schlögl. Nicht nur eine fehlende Langfristplanung und fehlende europäische Zusammenarbeit auf den verschiedenen Märkten hätten der EU diese Krise eingebrockt; sondern auch das symptomatisch reflexartige Handeln, "ohne wirklich darüber nachzudenken", wie der Chemiker erläutert. Die aktuelle Scheckbuchbehandlung der Krise – viel Geld für kurzfristige Lösungen – reiche nicht dafür aus die Energiekrise zu bewältigen.

Eine langfristige Planung müsse her. Außerdem sei es "schon gut, Strom einzusparen" führt er aus. Aber die Straßenbeleuchtung auszuschalten und dies mit der Gaseinsparung zu begründen sei nicht richtig. Dieser Stromverbrauch sei nur ein kleiner Teil. "Also lasst die Straßenbeleuchtung ruhig an. Wir brauchen ein gutes Leben – dazu zählt auch nicht zu viel Dunkelheit – um durch die Krise zu kommen", betont er.

"Was wir nicht tun sollten"

Weiter ging es mit dem Punkt "Was wir nicht tun sollten". Der Chemiker verdeutlichte, warum Kernenergie der schlechteste Weg aus der Krise sei. Und die Diskussionen darüber eine reine Zeitverschwendung. Zuallererst würden die Atomkraftwerke lediglich 10 Terrawattstunden pro Jahr bringen, obwohl Deutschland allein 600 Terrawattstunden benötigt. Und Schlögl fährt fort: "Wir müssen ja gar nicht davon anfangen, dass das Ganze nicht nachhaltig ist."

Worauf der Chemiker aber einen Fokus setzen und investieren würde, ist die Forschung zur Kernfusion. Diese stecke zwar noch in den Kinderschuhen – aber das Wissen, ob es überhaupt möglich wäre, eine Kernfusion durchzuführen, könnte eine Rettung sein.

Zudem sei ein Fehler gewesen, die Gasversorgung lediglich durch eine Importänderung sichern zu wollen. "Jetzt ist es eben nicht mehr der Russe mit der Macht sondern Norwegen", sagt Schlögl zur Abhängigkeit Deutschlands.

Klimaschutz ist global

Genauso wie Klimaschutz sei auch die Energiewende global. "Wenn unsere Politiker das verstehen würden, wäre viel geschafft", betont der Chemiker. Dazu müsse zusammen und einheitlich daran gearbeitet werden. Die benötigte Wende solle zudem Energie rechtzeitig und genügend bereitstellen – und keine Beschränkungen hervorrufen, wie es aktuell der Fall ist.

Alle Vorgänge bekannt, um Energie zu "speichern"

Was im Volksmund als Energie "speichern" bezeichnet wird, beinhaltet verschiedene chemischen Prozesse. "Und wir kennen all diese Prozesse – nur werden sie in der nötigen Zusammensetzung noch nicht genutzt", erläutert Schlögl. Das Problem dadurch: Es müssen durch die große Schwankung von erneuerbaren Energien mehrere Energieträger kombiniert werden.

Aber warum Wasserstoff?

Noch sei der Markt für Wasserstoff zu klein, fossile Energieträger zu ersetzen – allerdings müsse man nun in den Markt investieren, damit dieser schnellstmöglich wächst. Laut Schlögl verlangsamen politische Widerstände den Fortschritt deutlich. Man müsse Strom aus erneuerbaren Energien mit Molekülen – also Wasserstoff – verbinden und gemeinsam nutzen. Der Chemiker macht deutlich, dass dies nur durch eine integrierte europäische Anstrengung möglich ist und "ich drück es mal vornehm aus", sagt er vorsichtig. "Wir brauchen das Entschlauchen von ideologischen Barrieren in Deutschland."

In 100 Jahren wäre die Wende schon zu spät

Während China in Patagonien (Südamerika) bereits über riesige Photovoltaikanlagen die gewonnene Energie in Wasserstoff umwandelt und diesen nach China schafft, "diskutieren unsere Politiker darüber, ob das überhaupt möglich ist. "Ich empfehle unserem Bundestag einen Exkurs", meint Schlögl. Die Technik sei schon lange bekannt.

Laut dem Chemiker seien in rund 100 Jahren alle fossilen Energieträger aufgebraucht. Spätestens dann ist eine Energiewende notwendig. Während bekannt ist, dass für die weltweite Versorgung Photovoltaikanlagen von einer Fläche ungefähr so groß wie die halbe Fläche Saudi-Arabiens benötigt wird, "diskutieren unsere Politiker nur über bekannte Dinge. Und Saudi-Arabien beginnt schon zu bauen und später Geld zu machen."

Australien ist ein wichtiger Partner

Das Ziel sollte im Allgemeinen sein, erneuerbare Energien zu produzieren und nicht nur zu sparen. Wobei sich Deutschland laut Schlögl gar nicht zur Produktion von Solar- und Windenergien eignet. "Vielmehr sollten wir an den wenigen Standorten der Welt, wo es beides massig gibt, investieren und mitverdienen", meint der Chemiker. So sei vor allem Australien ein wichtiger Partner, der im Inland viel Sonnenenergie produzieren kann, aber ebenso an der Küste viel Wind abbekommt. Während beispielsweise Photovoltaikanlagen in Deutschland 1000 Stunden (von 8760 Stunden) im Jahr Energie generieren, würden sie in Australien 7000 Stunden laufen.