Die umstrittene Missions-Spardose, bekannt als „Nicknegerle“, steht wieder an der Weggentalkrippe in Rottenburg und erfreut die meisten Besucher.
„Das Negerle isch wieder do, dann krieget se was“, sagte ein Weggentalbesucher und warf eine Münze in die umstrittene Missions-Spardose. Die schwarz bemalte Figur nickt fröhlich und schon wollen die Kinder auch etwas in den Schlitz werfen. Wie es schon seit Generationen Tradition ist. Ob sie kräftiger nickt bei größeren Münzen? Die Faszination ist geblieben – trotz Rassismus-Diskussion. Bei einem längeren Besuch an der Krippe zeigt sich: Die meisten Leute reagieren positiv.
„Das ist ein Besuchermagnet“, bestätigt Wallfahrtsrektor Johannes Holdt. „Man sieht ja an den Spuren schon, wie alt die Figur ist.“ Bei den meisten Besuchern komme sie gut an. Das zeigt sich deutlich beim Spendenaufkommen. Links daneben steht ein Hirte, bei dem ebenfalls Münzen eingeworfen werden können, was dieser mit einem andächtigen Kopfnicken erwidert. „Der alte weiße Mann kriegt fast nichts“, sagt Holdt. Die meisten werfen ihre Münzen beim „Nicknegerle“ ein.
Nachdem die Missions-Spardose wegen heftiger Kritik einige Jahre verschwunden war, stellten seine Vorgänger sie wieder auf, kurz bevor Holdt kam. Er findet das gut und belässt sie dort, alleine schon wegen der Tradition.
Früher eine beliebte Praxis
Mit der Diskussion ist Rottenburg nicht allein. Missions-Spardosen standen früher an vielen Krippen in den Kirchen. Zeitungen berichteten in den vergangenen Jahren etwa über Figuren in Dudeldorf (Rheinland-Pfalz), Owingen (Bodenseekreis), Nettersheim (Nordrhein-Westfalen) oder Winzenheim (Rheinland-Pfalz).
Im Diözesandepot in Rottenburg finden sich zwei solcher Dosen, wie Kunsthistorikerin Iris Dostal-Melchinger berichtet: „Ein Junge, der auf einem Elefanten reitet (erste Hälfte 20.Jahrhundert ) und ein weiterer Junge of color, der auf exotischen Palmzweigen sitzt und ein Spendengefäß in seinen Armen hält (um 1900).“
Bei der Inventarisierung fanden sich insgesamt 120 Missions-Sammeldosen mit 50 Motiven im Bistum. Das sind Figuren aus Holz, Gips oder Pappmaché, die den Kopf bewegen können, wenn jemand Geld einwirft. Meistens stellen sie ein schwarzes Kind da, aber es gab sie auch als Indianer, Chinesen, Inder oder Engel. Oft waren daran Sprüche angebracht wie: „Ich war ein armer Heidensohn – nun kenn ich meinen Heiland schon – Ich bitte darum jedermann – nehmt Euch der armen Heiden an“ oder „Willst du den Heiden Hilfe schicken, so lass mich Armen freundlich nicken“.
Deutsche Kolonien machten Figuren beliebt
Um 1850 sind die ersten dieser Figuren aus dem Kreis Böblingen bekannt, weil die Pietisten als erste in Afrika missionierten und dafür Geld sammelten. Populär wurden die Figuren ab 1886, als in den deutschen Kolonien wie Tansania, Kamerun oder Togo missioniert wurde. Die deutschen Kolonien gingen im Ersten Weltkrieg verloren, missioniert wurde aber weiterhin. Missions-Spardosen standen früher nicht nur in katholischen und evangelischen Kirchen, sondern auch in Amtsstuben und Geschäften.
Ab 1960 geriet die Mission im Zuge der Dekolonialisierung in die Kritik. Die Diskussion, ob Missionare eher Werkzeuge der Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung waren oder ob sie durch ihre Schulen und Krankenhäuser eher zur Emanzipation beigetragen haben, hält bis heute an.
„Das päpstliche Missionswerk der Kinder ließ 1964 die nickenden Persons of Color offiziell abschaffen. Daraufhin wurden neue Modelle entwickelt, die alten wurden teilweise umgewandelt und weiterhin genutzt“, so Dostal-Melchinger.
Beliebt bei Sammlern
Heute bezahlen Sammler für solche historischen Figuren bis zu 300 Euro – es sind jedoch auch Fälschungen aus China im Umlauf. Kunsthistorikerin Iris Dostal-Melchinger verweist darauf, dass das Diözesanmuseum Rottenburg 2024 ein Tagesseminar mit dem Titel „Gefährliche Bildwerke. Zur Vermittlung von Kunstwerken mit diskriminierendem Potenzial“ im Rahmen der ökumenischen Kirchenführerausbildung veranstaltet habe.
Rassismusdiskussion in Ulm
Nicht um eine Missions-Spardose, aber um eine expressionistische Krippenfigur ging es bei einer Rassismusdiskussion 2020 im Ulmer Münster. Damals entschied der Kirchengemeinderat unter dem damaligen Münsterdekan und heutigen evangelischen Landesbischof, die 1920 vom Künstler Martin Scheible gestaltete und 1992 von dessen Erben gestiftete Krippe nicht mehr aufzustellen. Die Figuren sind allesamt im Stil der Zeit überzeichnet dargestellt.
Anstoß genommen wurde vor allem an der Figur des Melchior mit Federschmuck und dicken Lippen, die als rassistische Klischees ausgelegt werden. Mehr noch, Melchior trägt in der Hand eine Brezel. Das nimmt Bezug auf die Legende vom „Brezelkönig“. Dieser habe dem Jesuskind eine Brezel mitbringen wollen, auf dem langen Weg jedoch immer wieder selbst davon abgebissen – je nach Version auch Bettler davon abbeißen lassen – und als er an der Krippe ankam, war nur noch ein kleiner Brocken übrig. Daraufhin habe sich der König „schwarz geärgert“.
In Ulm endete die Diskussion damit, dass der Kirchengemeinderat einstimmig den Beschluss fasste, künftig keine solche Krippenfiguren mehr aufzustellen. Stattdessen soll sie das Stadtmuseum zeigen. In Rottenburg ist die Figur wieder am Kripple. Geht es nach den meisten Weggental-Besuchern, gehört sie dorthin.