Die Leistungen in der Vorbereitung waren durchaus vielversprechend. Am Freitag steht Bundestrainer Alfred Gislason mit dem DHB-Team gegen Belarus vor der ersten sportlichen Herausforderung bei der Europameisterschaft. Foto: Pförtner

Bei der Handball-EM in Ungarn und der Slowakei geht es von heute bis zum 30. Januar für insgesamt 24 Mannschaften um sportliche Ehren. Die Experten im Kreis Calw sehen mehrheitlich die Dänen vorn. Aber auch dem deutsche Team wird viel zugetraut.

Das Team von Bundestrainer Alfred Gislason hat sich souverän für die EM 2022 qualifiziert, doch dieser muss auf einige Stammspieler der vergangenen Jahre verzichten. Doch was kann das deutsche Team erreichen, und wer sind die Turnierfavoriten? Der Schwarzwälder Bote hat sich in der Handball- und Sportszene des Kreises Calw umgehört.

Erwin Keller (SG Hirsau/Calw/Bad Liebenzell)

Zu den heißen Anwärtern auf den Titel zählen die Dänen, die 2016 Olympiasieger wurden, 2008 und 2012 Europameister sowie 2019 und 2021 jeweils Weltmeister. Alt Titelverteidiger gehen die Spanier an den Start. Erwin Keller von der SG Hirsau/Calw/Bad Liebenzell tippt auf Dänemark als neuen Europameister, rechnet aber auch mit Frankreich und Norwegen, wenn es darum geht, wer das Halbfinale erreicht. Zudem räumt er dem Team aus Portugal große Chancen ein. "Den Portugiesen würde ich es gönnen." Dem Team von Alfred Gislason traut er, wenn’s gut läuft, ebenfalls einiges zu: "Halbfinale wäre toll, wird aber schwer." Dass der Bundestrainer personell wohl oder über übel umbauen muss, sieht Erwin Keller nicht unbedingt als größeren Nachteil: "In bin gespannt, wie die Neuen sich präsentieren werden."

Platz vor dem Fernseher ist fest gebucht

Der Platz zuhause vor dem Fernseher ist jedenfalls schon mal fest gebucht, und das gilt nicht nur für die Spiele der Deutschen, sondern auch für die anderen Spitzenspiele. Als Lieblingsspieler nennt er den Norweger Sander Sagosen und den dreifachen Welthandballer des Jahres, den Dänen Mikkel Hansen. Was die deutschen Nationalspieler angeht, beeindrucken ihn immer wieder Hendrik Pekeler und Fabian Wiede, doch die beiden sind diesmal gar nicht mit von der Partie.

Sven Wiegmann (TV Calmbach)

Ebenfalls auf die Dänen setzt Sven Wiegmann, ehemals Trainer der SG Hirsau/Calw/Bad Liebenzell und gegenwärtig Coach beim TV Calmbach. "Ich bin Fan der dänischen Handballphilosophie. Außerdem haben sie aktuell die wenigsten Coronaausfälle. Sie haben seit Jahren eine sehr eingespielte Mannschaft und mit Mikkel Hansen einen Spieler, der jederzeit das Spiel selbst entscheiden kann." Was die weiteren Halbfinalkandidaten angeht, rechnet er mit Frankreich, Schweden und Spanien. Und wo landen die Deutschen? "Viertelfinale ist auf jeden Fall möglich. Ich hoffe, sie kommen sogar noch weiter. Das wäre gut für den Vereinshandball"

Lieber junge Spieler als Stars

Dass bei der EM einige gestandene Spieler fehlen, sieht Sven Wiegmann, aufgrund seiner äußeren Erscheinung in Handballkreisen auch "der Schwede" genannt, nicht unbedingt negativ: "Gegen die gestandenen Nationen kann es nur über die Teamleistung zum Erfolg führen, aber das hat ja schon mal sehr gut funktioniert. Mir sind junge Spieler mit Willen lieber, als Stars, die nicht bereit sind, fürs Team zu spielen." Sein Lieblingsspieler hat übrigens einen typisch isländischen Namen, taucht aber im Kader der Schweden auf: Jim Gottfridsson. Er ist Rückraumspieler und wirft seine Tore seit 2013 für die SG Flensburg-Handewitt.

Carlos Kluge (TSV Altensteig)

"Für das Image des Handballsports ist das Turnier eine große Chance", meint Carlos Kluge, Abteilungsleiter beim TSV Altensteig. "Der Handball mit seinem Format, Schnelligkeit und Spannung hat absolut das Zeug dazu, regelmäßig ein Millionen-Publikum zu begeistern. Dazu brauchen wir solche Turniere und natürlich auch eine deutsche Mannschaft, mit der sich die Zuschauer identifizieren können und die mitreißend erfolgreich vorne mitspielt."

Erfahrene Spieler als Vorbilder

Sportlich ist die Mannschaft aktuell für ihn schwer einzuschätzen. "Ich glaube schon, dass die erfahrenen Nationalspieler wie Wiencek, Häfner und Wolff mit ihrem Biss als Vorbilder so eine Mannschaft mitziehen können. Das hat man beim Sieg gegen Frankreich im Vorbereitungsspiel sehen können. Mir gefällt aktuell besonders Marcel Schiller auf Linksaußen, der ja auch aus dem Ländle kommt (spielte beim TSV Dettingen/Erms, TV Neuhausen und aktuell bei Frischauf Göppingen). Ich halte Alfred Gislason für einen Weltklasse-Trainer, der mit diesem Kader viel erreichen kann." Carlos Kluge favorisiert die Schweden, zudem Frankreich und Spanien. "Statt Dänemark sehe ich eher Norwegen wieder vorne dabei."

Tobias Karl (VfL Nagold)

"Die Skandinavier sind immer mit vorne dabei. Das wird auch dieses Mal so sein", meint Tobias Karl, stellvertretender Abteilungsleiter der Handballer des VfL Nagold. Auch für ihn sind die Dänen ein ganz heißer Anwärter auf den EM-Titel. Praktisch im gleichen Atemzug nennt er auch die Franzosen und die Spanier. Gespannt ist er auf den Auftritt der deutschen Mannschaft – und er setzt auf den Nationaltrainer. "Dass Alfred Gislason verlängert hat, ist ganz wichtig. Es ist in der Lage, mit jungen Spielern eine Mannschaft aufzubauen, die längerfristig gesehen viel erreichen kann. Mit ein wenig Glück kann die deutsche Mannschaft auch schon diesmal weit kommen. Das Potenzial ist da, aber es fehlt an Erfahrung. Da ist viel Geduld nötig, aber die Verantwortlichen sind auf dem richtigen Weg." Sehr viel hält er von Torhüter Andreas Wolff. "Er spielt auf allerhöchstem Niveau und ist ein Vorbild für die jungen Spieler.

Adelheid Oppelt (TSV Neuhengstett)

Adelheid Oppelt, Abteilungsleiterin beim TSV Neuhengstett, traut den Dänen den Titel zu. Daneben hat sie auch Frankreich und Spanien auf ihrem Zettel. Dass bei den Deutschen der eine oder andere Stammspieler fehlt, sieht sie nicht als gravierenden Nachteil. "Wenn wegen Corona Stammspieler absagen und andere wegen Verletzung ausfallen, dann sollen die jungen Spieler eine Chance bekommen. Ich habe beim Tag des Handballs am 7. November in Düsseldorf die deutsche Nationalmannschaft live gegen Portugal gesehen. Ich traue den Jungs einiges zu – auch das Halbfinale." Vermissen wird Adelheid Oppelt das Erlebnis, gemeinschaftlich Handball zu schauen: "Früher haben wir im Sportheim in Neuhengstett Public Viewing zu solchen Spielen gemacht. Doch das ist seit Corona ja alles nicht mehr möglich."

Jürgen Kost (SG Hirsau/Calw/Bad Liebenzell)

Keinen klaren Favoriten kann Jürgen Kost, Spielwart und A-Jugendtrainer bei der SG Hirsau/Calw/Bad Liebenzell, ausmachen. "Es ist schade, dass bei der deutschen Mannschaft etliche Stammkräfte nicht dabei sind, aber deren persönliche und private Gründe muss man akzeptieren. Es wird schwer, in der kurzen Zeit die jungen Spieler zu integrieren. Aber möglich ist alles. Die sind alle heiß auf das Turnier und wollen sich auch für die Bundesliga präsentieren. Es kann gut sein, dass es ein erfolgreiches Turnier für die Deutschen wird. Dabei setzt Jürgen Kost auch auf einen der Leistungsträger der vergangenen Jahre: "Ich als Handballtorwart bin schon ein kleiner Fan von Andreas Wolff."

Matthias Leyn (Sportkreisvorsitzender/Bürgermeister Schömberg)

Matthias Leyn, Bürgermeister der Gemeinde Schömberg und ehrenamtlich Sportkreisvorsitzender, hat drei ganz heiße Anwärter, was das Halbfinale angeht: Spanien, Dänemark und Frankreich. "Mit denen ist definitiv zu rechnen." Auch die Auswahlmannschaften aus Kroatien und aus Norwegen hat er auf seiner Rechnung. Und wen noch? "Vielleicht schaffen es ja auch die Deutschen. Die Ausfälle und Absagen sind schwer zu verkraften. Das macht es mit Sicherheit nicht einfacher. Auf der anderen Seite ist es auch eine Chance für die Nominierten, alles zu zeigen und auf sich aufmerksam zu machen. Für die Absagen gibt es Gründe, aber wir haben viele junge und talentierte Spieler, die jetzt zeigen können, was in ihnen steckt, und mit Alfred Gislason haben dafür genau den richtigen Trainer." Gewisse Bedenken hat Mathias Leyn, was die Corona-Pandemie angeht: "Ich hoffe, dass die Hygienekonzepte richtig greifen und die Belastungen für die Spieler nicht zu enorm sind. Ansonsten freue ich mich wie jeder Handballbegeisterte auf spannende Spiele."

Tanja Bauer (WSV Schömberg)

Tanja Bauer vom WSV Schömberg, ist zwar in erster Linie Biathletin, doch die Landestrainerin interessiert sich generell für Sport – so auch für Handball. Auch sie tippt auf Dänemark als neuen Europameister. Spanien, Frankreich, Norwegen und Kroatien sind für Tanja Bauer weitere Kandidaten, was das Halbfinale angeht – und Deutschland. "Ein Platz bei den Top sechs ist drin." Personell sieht die Schömbergerin das deutsche Team mit den jungen Spielern gut aufgestellt: Das macht den Reiz, junge motivierte Spieler, die können nichts verlieren. Sie müssen im Turnier als Team zusammenwachsen, dann können frei aufspielen."