Den Lebensstil junger digitaler Nomaden bieten manche Firmen auch für den gesetzteren Arbeitnehmer an, zumindest für einige Wochen im Jahr. Und das bei besserer Bezahlung. Foto: Out There Somewhere - stock.adobe.com/Helmut Bolesch

Arbeiten von Mallorca aus, der Internetanschluss wird bezahlt: Firmen in Baden-Württemberg lassen im Homeoffice immer mehr Freiheiten. Das zeigt eine Umfrage unserer Zeitung. Wie schneidet Ihr Unternehmen dabei ab?

Stuttgart - So schön kann Homeoffice sein: Auf Mallorca an einem Strandcafé sitzen und arbeiten. Das können sich die Mitarbeiter von Tui, Vodafone und der Allianz erfüllen – zumindest für einige Wochen im Jahr. Aber auch sonst werden die Möglichkeiten für Homeoffice und mobiles Arbeiten großzügiger und flexibler, wie eine Umfrage unserer Zeitung bei knapp 20 der größten Unternehmen im Südwesten zeigt.

 

Bei vielen geht der Trend zum hybriden Arbeiten. Doch es gibt Überraschungen.

Homeoffice: Viele Büros sind verwaist

Bei der Umfrage standen vor allem jene Unternehmen und Branchen im Fokus, die weniger stark vom physischen Kundenkontakt abhängig sind. Denn für die meisten Handwerker oder Logistiker ist mobiles Arbeiten kaum möglich. Wo allerdings die Bürojobs überwiegen, sind die Zentralen verwaist. So arbeiten derzeit beim Softwarespezialisten SAP rund 90 Prozent der Mitarbeiter mobil, ebenso viel sind es beim Reisekonzern Tui und bei den Netzbetreibern Telefónica und Vodafone. Auch bei Siemens sind derzeit die Büros im weltweiten Schnitt nur zwischen fünf und 15 Prozent besetzt.

Beim Versicherer Allianz, beim Energiekonzern EnBW und bei der Landesbank Baden-Württemberg arbeiten derzeit 70 bis 80 Prozent der Beschäftigten mobil oder von Zuhause aus. Ähnlich sieht es bei der Deutschen Bank, beim Rückversicherer Munich Re, in der Konzernzentrale der Stuttgarter Prüfgesellschaft von Dekra und im Verwaltungsbereich von Daimler aus. Ein Grund für das ausgedehnte Homeoffice: Die Unternehmen wollen so Infektionsketten vermeiden.

Arbeitsort: Mobiles Arbeiten von der Insel

Erstaunlich ist, welchen räumlichen Spielraum manche Unternehmen dabei ihren Mitarbeitern lassen: Tui hat Mitte August das Programm „Tui Workwide“ gestartet: Mitarbeiter können, sofern es der Job erlaubt, sich ihren Arbeitsort für 30 Arbeitstage weltweit frei wählen. „Wir wurden häufig gefragt, ob Kollegen von einem anderen Land aus arbeiten können. Das war bisher nicht möglich“, sagt Personalchefin Sybille Reiß. Die Resonanz ist groß. Viele Anträge, darunter für das Arbeiten in Portugal, Südafrika und Kanada, wurden laut Konzern bereits genehmigt.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Über das Homeoffice muss jeder selbst bestimmen

Nur wenige Firmen sind ähnlich großzügig: Vodafone-Mitarbeiter können 20 Tage im Jahr auch von einem anderen EU-Land aus arbeiten, beim Pharmakonzern Roche sind zumindest individuelle Vereinbarungen für das Arbeiten vom Ausland aus möglich. Bei der Allianz heißt es, man „finalisiere gerade die rechtlichen und prozessuralen Voraussetzungen“, damit Mitarbeiter für bis zu 25 Tage aus dem Ausland anbieten könne.

Innerhalb von Deutschland bauen auch andere Firmen Arbeitsschranken ab. Bei Porsche sei – wo möglich – der Ort frei wählbar, sagt ein Sprecher. Bei Siemens dürften Mitarbeiter nach Absprache „denjenigen Arbeitsort wählen, an dem sie am produktivsten sind“, heißt es.

Ausstattung: Internetanschluss ist gratis

Doch wie sehen eigentlich die Arbeitsbedingungen zuhause aus? Üblicherweise stellen Unternehmen für das Homeoffice die technische Grundausstattung wie etwa Laptop oder Monitor, die aber zur Arbeit vor Ort wieder mitgebracht werden müssen. So handhaben es etwa Bosch, die EnBW, Roche, Daimler, Porsche und die Deutsche Bank.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Gut ausgestattet im Homeoffice

Tui bietet auch Büromöbel für das Homeoffice an. In anderen Firmen wie bei SAP, Siemens und Munich Re dürfen Beschäftigte ganz pragmatisch ihren Bürostuhl ins Homeoffice mitnehmen. Die Telekom bietet ihren Mitarbeitern Sonderkonditionen für Stuhl und Tisch und Schulungen zum ergonomischen Arbeiten an. Die Allianz offeriert Mitarbeitern eine Einmalzahlung von 300 Euro brutto für das mobile Arbeiten, alternativ erhalten Mitarbeiter einen Zuschuss von 150 Euro auf einen „hochwertigen Bürodrehstuhl“. Vodafone will ab Herbst die Kosten des Internetanschlusses im Homeoffice übernehmen.

Versicherung: Der Staat bessert nach

In puncto Versicherungsschutz verweisen die Firmen meist auf die gesetzliche Unfallversicherung – hier hat diesen Sommer die Bundesregierung die Bestimmungen für das Homeoffice verbessert. So ist jetzt auch der Gang zu Kühlschrank oder zur Toilette versichert. Ein Versicherungsschutz besteht auch, wenn Mitarbeiter ihr Kind zur Kita bringen.

Vodafone geht hier ein Stück weiter: Das Unternehmen bezahlt den Mitarbeitern eine Berufsunfähigkeitsversicherung obendrauf.

Ausblick: Firmen bieten Homeoffice pur

Doch wie sieht das Verhältnis zwischen Büro- und mobiler Arbeit künftig aus? Etliche Firmen wollen den Anteil mobiler Arbeitszeit vergrößern. So will die Allianz –ähnlich wie Siemens – ein 50:50-Modell „aktiv fördern“. Vor Corona sei im Schnitt jeder Tag ein Homeoffice-Tag gewesen. Für die höhere Quote arbeite man „an neuen Tools zur virtuellen Zusammenarbeit und neuen Lernmöglichkeiten“, betont Personalvorständin Renate Wagner.

Mitarbeiterbeteiligung ist erwünscht: Bei der EnBW erarbeitet die Initiative „BestWork“ und bei Bosch „Smart Work“ Rahmenbedingungen – im Fokus stehe „das Ergebnis, nicht die Präsenz“, so ein Bosch-Sprecher. Die Telekom hat die Sommermonate dazu genutzt, mithilfe des Beschäftigten-Feedbacks neue Homeoffice-Empfehlungen zu erarbeiten. „Die Zukunft ist hybrid. Wir wollen die Vorzüge des Büros und die des mobilen Arbeitens abhängig von der Art der Aufgaben bestmöglich verbinden“, heißt es bei der Telekom.

Bei einigen Firmen können Mitarbeiter auch komplett mobil oder im Homeoffice arbeiten: „Es gibt keine Begrenzung“, teilen Munich Re und Tui mit. Vodafone will ab Oktober Zeitvorgaben streichen: „Die Mitarbeiter entscheiden selber“, heißt es.

Hintergrund: Bei Telefónica ist das Meeting standardmäßig digital

Hybrides Arbeiten
Wenn Ort und Dauer des Homeoffice frei wählbar werden, verliert die Begegnung vor Ort an Bedeutung. Der Netzausrüster Telefónica treibt es besonders weit und macht unter dem Motto „New Normal“ das hybride Arbeiten, also den Wechsel zwischen Büro und Homeoffice, zur Blaupause.

Perspektivwechsel
Das Digitale soll dabei Standard sein. Personalvorständin Nicole Gerhardt spricht von einem „Perspektivwechsel“: „Wir wollen nach dem Prinzip ,digital by default‘ arbeiten und da, wo es sinnvoll und notwendig ist, das persönliche Zusammenkommen ermöglichen“, sagt sie. Die Mitarbeiter sollten je nach Bereich mit den Führungskräften besprechen, „wann und wo sie für die jeweilige Aufgabe am produktivsten sind“. 

Virtuell
Im Gegenzug sollen die Büroflächen in der Münchner Deutschlandzentrale mehr Austausch in den Teams ermöglichen. Weiterbildungen sollen die Mitarbeiter auf das Hybridmodell vorbereiten. Zudem hat Telefónica fünf Schritte zur künftigen Arbeitsweise formuliert – und definiert dabei virtuelle Meetings als Standard; außerdem wolle man die Zahl der Geschäftsreisen reduzieren.