Noch wird auf freiwilliger Basis gegen das Coronavirus gespritzt – in naher Zukunft könnte es in Deutschland eine Impfpflicht geben. Die LZ hat sich dazu in der Region umgehört. Foto: Nietfeld

Keine Frage wird in Deutschland derzeit kontroverser und hitziger diskutiert als die nach der Einführung einer allgemeinen Impflicht gegen das Coronavirus. Zuletzt haben sich Spitzenpolitiker, darunter Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, vermehrt dafür ausgesprochen. Andere wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn stehen einem Zwang gegenüber Impfverweigerern skeptisch gegenüber. Wie ist die Stimmung in der Ortenau?

Die LZ hat bei Vertretern aus Politik, Gesundheitswesen, Wirtschaft, Bildung und Kirchen nachgehakt. Die Tendenz unter den Befragten ist eindeutig: Einige positionieren sich deutlich pro Impfpflicht, nur zwei schließen sie kategorisch aus. Angesichts relativ niedriger Impfquoten insgesamt in Deutschland (68 Prozent) und speziell im Ortenaukreis (63) bei gleichzeitig steigenden Infektionszahlen sehen offenbar viele in der Impfpflicht das letzte Mittel, die Pandemie noch in den Griff zu bekommen.

Die Stimmen aus der Region im Einzelnen:

Frank Scherer, Ortenauer Landrat: "Wenn klar ist, dass das Impfen geeignet, erforderlich und angemessen ist, um die Pandemie zu bekämpfen, sollte der Bundestag eine allgemeine Impfpflicht gesetzlich regeln.  Maßnahmen gegen Ungeimpfte halte ich als Druckmittel ebenso wie weitere Lockdowns für unangemessen, weil sie fatale Folgen für Kinder, Jugendliche, Kranke, Kultur- und Freizeiteinrichtungen und unsere gesamte Wirtschaft und Gesellschaft haben."

Markus Ibert, Oberbürgermeister von Lahr: "Eine Impfpflicht hielte ich für den falschen Weg. Sie würde die Gefahr einer gesellschaftlichen Polarisierung verstärken und wäre in der Praxis schwer umsetzbar. Wir sollten daher weiter auf Aufklärung setzen, um Vorbehalte abzubauen – allerdings verbunden mit strikten 2G- oder 2G-Plus-Regeln bis hin zum Lockdown für Ungeimpfte. Wer sich der Impfung verweigert, muss die Konsequenzen dieser Entscheidung tragen."

Sebastian Heinze, Hausarzt und Mit-Initiator der Kippenheimer Impfwoche: "Wir sehen bei unserer Impfaktion, dass viele nicht per se gegen das Impfen sind, aus verschiedenen Gründen aber bislang gewartet haben. Sie kommen des zunehmenden Drucks wegen, eine Impfpflicht könnte diesen Effekt noch verstärken. Klar ist, dass wir die vierte Welle durch das Impfen nicht mehr stoppen, aber wir brauchen eine Immunität in der Bevölkerung, um eine fünfte und sechste zu verhindern."

Martin Herrenknecht, Vorstandsvorsitzender der Herrenknecht AG: "Wir hatten die Chance, es in diesem Winter besser zu machen. Wir haben sie leider nicht genutzt. Ich kann mir eine Impfpflicht für Erwachsene vorstellen. Es geht um mehr als die Freiheit Einzelner. Alles deutet auf eine Notlage hin, mit enormen menschlichen Verlusten und harten wirtschaftlichen Einbußen. Eine höhere Impfquote würde uns vor noch tragischeren Entwicklungen schützen."

Brigitta Schrempp, Vizepräsidentin der IHK Südlicher Oberrhein: "Wenn sich die Infektionszahlen weiter so entwickeln und die Menschen offenbar nicht auf freiwilliger Basis zu erreichen sind, muss die Impfpflicht her – und zwar eher früher als zu spät. Für die Unternehmen wäre die Impfpflicht sehr hilfreich, um alle Angestellten wieder in den Betrieb holen zu können und dabei der Fürsorgepflicht als Arbeitgeber nachzukommen. Das Miteinander leidet stark unter dem Homeoffice."

Christine Marrek, Vorsitzende des Lahrer Gesamtelternbeirats: "Die Kinder haben schon sehr viele Opfer gebracht. Sie sollen unbeschwert, möglichst sicher und gesund ihre Kindheit verbringen. Wenn eine Impfpflicht dazu beiträgt, die Sicherheit für die Kinder und ihre Familien zu verbessern, die Bildung in den Schulen zu gewährleisten und die Weiterverbreitung mit schwer­wiegenden Folgen in der Gesellschaft zu reduzieren, halte ich sie für sinnvoll."

Johannes Mette, Leiter der katholischen Seelsorgeeinheit »An der Schutter«: "Druck halte ich für richtig, Zwang für falsch. Deshalb ist eine Impfpflicht aus meiner Sicht nicht das richtige Mittel. Es gibt Menschen, die sich aus egoistischen Gründen nicht impfen lassen, andere haben nachvollziehbare Ängste. Als Seelsorger ist es mein Anliegen, möglichst alle zu erreichen und abzuholen. Deshalb werbe ich fürs Impfen und versuche, die Menschen mit Argumenten zu überzeugen."

Rainer Becker, Dekan des evangelischen Kirchenbezirks Lahr: "Die Impfung gegen Corona ist ein Akt christlicher Nächstenliebe! Wer sich impfen lässt, schützt sich und seine Mitmenschen. Um gefährdete Menschen zu schützen, ist eine Impflicht in Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern sowie für Erzieher und Erzieherinnen, Lehrer und Lehrerinnen angemessen. Wenn Aufklärung und Schutzmaßnahmen nicht ausreichen, wäre auch eine allgemeine Impfpflicht nicht auszuschließen."