Es wimmelt von Straßensperren – am Umgang damit entlarven sich Empathie und Anstand, meint die Kolumnistin und erklärt, wie das zu mehr Verständnis führen kann.
„Wenn man sowas erleben will, dann darf man nicht spar’n, dann muss man samstags fahr’n, wenn alle fahr’n!“ hat Mike Krüger einst festgestellt in seinem Lied über den Stau. Der kennt den Zollernalbkreis nicht!
Wer zwischen Haigerloch und Winterlingen, zwischen Schömberg und Burladingen pendeln muss, gehört auch wochentags zu den Gelackmeierten der arbeitenden Bevölkerung. Der chinesische Verkehrsminister – „Um Lei Tung“ sei sein Name, heißt es in einem billigen Witz – hat sich im Zollernalbkreis angesiedelt.
„Wo lassen sich Kilometer sparen?“
Als ob die aktuelle Vollsperrung der Bundesstraße 463 in Laufen nicht genug wäre, wird auch an zahlreichen anderen Stellen umgeleitet, mal klein- und mal großräumig. Das Ergebnis: Die täglichen Gespräche unter Kollegen drehen sich fast nur noch um die besten Tipps, wo sich ein paar Kilometer sparen ließen und wo man wenigstens mit 50 anstatt mit 30 Kilometern pro Stunde unterwegs sein darf.
Apropos Tempo 30: Dass die stationären Tempo-Überwachungsanlagen – die Blitzer – allen Pendlern inzwischen hinlänglich bekannt sein dürften, ist klar. Dass manche aber meinen, Tempo 30 noch teilweise weit unterbieten zu müssen, wenn sie daran vorbeifahren, ist schon kurios und – seien wir mal ehrlich – auch ziemlich lästig. Kleiner Tipp: Wo Tempo 30 gilt, darf man Tempo 30 fahren. Und im ersten Gang am Blitzer vorbei zu tuckern, bringt den Anwohnern auch nichts – je kleiner der Gang, umso lauter der Motor.
Die Autos sind nicht vom Himmel gefallen
Dass die Anwohner der aktuellen Umleitungsstrecken genervt sind, ist mehr als verständlich. Dass sie sich über die Verkehrsbelastung beschweren, auch. Vielleicht finden sie aber auch noch Zeit, mal darüber nachzudenken, dass die vielen Autos nicht plötzlich vom Himmel fallen oder aus dem Boden sprießen. Sie sind immer schon da, waren nur bisher eben auf den üblichen Strecken unterwegs. Zum Beispiel durch Lautlingen.
„Frust über den Lärm! Da können wir Lautlinger Bürger ein Lied davon singen“, schreibt ein solcher an unsere Redaktion und stellt bitter fest, dass der Verkehr durch Lautlingen – 26 000 Fahrzeuge sind es pro Tag im Durchschnitt – die Anwohner anderswo noch nie gestört habe. „Die Lautlinger, die jeden Tag mit Dreck, Schmutz, Lärm und Gestank leben müssen, interessieren hier doch niemanden mehr!“, stellt der Leser fest.
„Muss mein Klappenauspuff immer der Lauteste sein?“
„Man könnte den Faden noch weiter spinnen und fragen, wie lange man noch die Beschallung der hochgezüchteten Pkw und Motorräder, egal in welchem Ort hier in Albstadt und Umgebung, an den Ausfallstraßen hinnehmen muss“, schreibt er weiter. „Muss mein Klappenauspuff immer der Lauteste sein oder mein Motorrad mit 12 000 Umdrehungen, mit einer superlauten Sportauspuffanlage, ganze Regionen beschallen?“
Am Ortsausgang wohnen die Gelackmeierten
Womit wir wieder bei den Tempo-30-Zonen auf den Umleitungsstrecken wären. Die Blitzer sind bekannt, jenseits davon halten sich längst nicht alle an die erlaubte Höchstgeschwindigkeit. Wohl den Anwohnern, die in der Nähe der Tempo-Überwachungsanlagen leben. Die Anwohner an den Ortsausgängen, wo viele das Gaspedal schon vor dem Ortsschild durchtreten, gucken in die Röhre.
Es gibt noch Anstand – ist es ein Einzelfall?
Bald ist übrigens wieder Fronleichnam – einer der schönen Donnerstagsfeiertage, an denen man gerne einen Ausflug macht. Dann werden sie wieder die Blumenbänder plattfahren und mit knatterndem Motor herumstehen, bis die Fronleichnamsprozession vorbeigezogen ist. Da fällt ein leuchtendes Beispiel am Christi-Himmelfahrts-Tag doch richtig auf: In Margrethausen hat eine Autofahrerin den Motor ihres Wagens abgestellt, bis Pfarrer und Gläubige passiert hatten. Es gibt noch Anstand!