Vier Jahrzehnte als Hausärztin in Bad Teinach – Ulrike Günther hat Generationen von Patienten betreut, sich ehrenamtlich engagiert und unzählige Geschichten erlebt. Zum 40-jährigen Jubiläum ihrer Praxis blickt sie auf eine bewegte Zeit zurück.
„In Bad Teinach war immer ein Arzt“, erklärt Ulrike Günther. Sie steht im Wartezimmer und heißt ihre Gäste zum Jubiläum ihrer Praxis willkommen: „Trari, trara. 40 Jahre sind da.“ Sie blickt an diesem Freitagmittag in eine Runde aus verdienten Mitarbeitern, Kollegen und Weggefährten.
Im Februar 1985 begann Günther in Bad Teinach zu praktizieren. Sie widmete sich ihren Patienten von Anfang an mit einiger Leidenschaft. Diese entspringe unter anderem einem Berufsethos, wie sie ihn von ihrem Vater bereits mitbekommen habe, erzählt sie: „Der Patient war immer König.“
Günthers Vater hatte in Biberach an der Riß schon früher eine Praxis und gab seinen Kindern einen speziellen Hausarztidealismus mit auf den Weg, der sie auch auf ihrem beruflichen Weg begleitete. Auch ihr Bruder Thomas Iffert schlug eine medizinische Laufbahn ein, zuerst als Allgemeinmediziner, später als Psychotherapeut.
Die Belegschaft war fast wie Familie
Fast von Anfang an führten die beiden Geschwister die Bad Teinacher Praxis gemeinsam. Und von Anfang an engagierte sich Ulrike Günther ehrenamtlich – als erste Frau im Bad Teinacher Gemeinderat. Durch „viel Einsatz in ehrenamtlichen Gremien“, wie sie es ausdrückte, wollte sie den Ort erhalten und vorzubringen.
2018 zog sie mit ihrer Praxis in die Badstraße 14. Die alten Räume seien nicht mehr zeitgemäß gewesen, meint auch Bürgermeister Markus Wendel. Unter anderem seien sie nicht barrierefrei gewesen, und so bezog Günther vor sieben Jahren mit ihren Mitarbeitern die ehemaligen Notariatsräume in der Badstraße.
Wenn Ulrike Günther an diesem Tag auf die Reihe der über so viele Jahre verdienten Weggefährten, Kollegen und Mitarbeiter schaut, sagt sie: Ja, der Patient war König – doch das Praxis-Team war wie Familie. „Wir haben vier Tage länger Urlaub gemacht im Jahr, das war schön, und es gab ein kleines Weihnachtsgeld. Selbst wenn ich das privat bezahlen musste.“
Geschichten die das Leben schreibt
Über die Fälle, die einem über die Jahre als Landarzt begegnen, mache man sich kein Bild, meint Günther. Da waren Patienten, die „mit zwei Marmeladengläsern kamen. Im einen war die Marmelade, in dem anderen der Bandwurm. Und dann haben sie gesagt, die Gläser wollen sie aber wieder zurück“.
Oder: Es gab den Fall des aus der Landesklinik entlaufenen Patienten. „Da hat der alte Bürgermeister mich morgens um 5 Uhr angerufen“, erinnert sich Günther. Sie habe den Mann schließlich auf der Hauptstraße gefunden – barfuß. „Ich hab dann gesagt: Hey, das ist doch ungesund da mit nackenden Füßen. Komm steig ein.“ Und sie sagte zu ihm: „Stell dir vor, dein Doktor ist ganz traurig, dass du nicht da bist.“ Und da ließ sich der betreffende Patient mit einem Taxi zurück in die Landesklinik fahren.
Und heute: Es sei ein großes Glück, sagt Günther, dass mit Andreas Herbster ein Nachfolger gefunden werden konnte. Bis Mai soll er die Praxis übernehmen. Ihn ziehe es mit seiner Frau und den Kindern wieder zurück in den Schwarzwald, näher zur Familie, erklärt Herbster.
Für die Praxis von Ulrike Günther bot sich somit eine Gelegenheit, wie sie in der heutigen Zeit alles andere als selbstverständlich ist.
Für ihre Patienten, ihre Kinder und die Gemeinde
Wie sich Ulrike Günther dort zu ihrem 40. Praxisjubiläum zurückerinnert und Geschichten erzählt, wie sie so nur das Leben schreibt, vermutet man unweigerlich, dass da noch so viele mehr sein müssen.
Was ihre Motivation für ihren Beruf angeht, meint Günther: „Ich kann eben nichts anderes.“ Und vom Vater habe sie das eben mitbekommen.
Anlässlich des Praxisjubiläums blickt Ulrike Günther heute auf eine lange und arbeitsreiche Zeit zurück, die der Hingabe an ihre Patienten, ihre Kinder und an die Gemeinde Bad Teinach-Zavelstein gewidmet war. „Es war immer lustig“, erklärt sie lächelnd. Dass sie in Zukunft nicht mehr so viel arbeiten wird, scheint sie nicht zu beunruhigen: „Ich werde dann mehr malen und Zeit für meine Kinder haben.“
Lange habe sie gearbeitet – und dafür gekämpft noch länger arbeiten zu können. Ihre Kinder seien groß geworden, und sie habe es so lange geschafft, bis nun das Ziel erreicht war: In Bad Teinach ist auch weiterhin ein Arzt.