Der Stuttgarter Künstler Ulrich Bernhardt wird am 3. November 80 Jahre alt und blickt auch als Heckel-Preisträger vor allem in eine Richtung – nach vorne.
Ulrich Bernhardts aktuelles Großprojekt hat es in sich: Der Stuttgarter Künstlerforscher gestaltet die gesamte Fensterfassade im Sockel – und Erdgeschoss des Neubaus des Laboratory for Ultra-Precision and Micro Engineering an der Universität Kaiserslautern. Dass er den Wettbewerb für zwei Neubauten des Instituts für Nanotechnik in Partnerschaft mit dem Stuttgarter Bildhauer Camill Leberer gewonnen hat, passt zu Bernhardt.
Künstlerhaus-Initiator
Allianzen bilden! Das ist, seit der ersten Ausstellung 1967 im Club Voltaire, früh ein Aufruf Bernhardts und Antrieb für die Initiative, in Stuttgart ein Künstlerhaus mit Ausstellungsraum und Werkstätten zu gründen. 1978 bis 1986 lenkt Bernhardt das Haus in der Reuchlinstraße 4b – und taucht danach ein in Archive und präsentiert verlorene historische und raumspezifische Zusammenhänge neu.
Zurück blicken, um nach vorne zu kommen – für Ulrich Bernhardt ist dies kein Widerspruch. Nicht weniger intensiv schaut er bald ins naturwissenschaftliche Übermorgen, um der Gegenwart auf die Spur zu kommen. Die alles verändernden Realitäten der Jahre 2020 und 2021 aber kann auch Bernhardt nicht vorausahnen, als er sich 1999 ausgiebig mit Viren beschäftigt. „Wir sind“, sagt er unserer Zeitung 2020, „rasant verstärkt durch die Digitalisierung, in ständiger Konfrontation mit einem Programm, das unser Leben bedroht und das unser Leben befeuert.“
Bernhardts Verfahren ist das der Annäherung, des Umkreisens, des Einkreisens. Nur so ist für ihn jenes Eintauchen zu erreichen, das kein Detail auslässt. Das hat etwas Beharrliches – „und das braucht es auch in der Kunst“, sagt Ulrich Bernhardt. Das sah jüngst auch der Freundeskreis des Künstlerbundes Baden-Württemberg so und ehrte Bernhardt mit dem mit 5000 Euro dotierten Heckel-Preis „für ein künstlerisches Lebenswerk von hohem Rang“. In seiner Laudatio summierte Jean-Baptiste Joly, Gründungsdirektor der Akademie Schloss Solitude: „Für Ulrich Bernhardt bildet der Körper des Künstlers samt seiner Kamera eine Zeitmaschine, die den Lauf der Zeit festhält.“
Zwischen den Welten
An diesem 3. November hat Ulrich Bernhardt Geburtstag. Es ist sein 80., und natürlich ist er unterwegs. Unterwegs, um zu hören und zu staunen. Unterwegs zu Nanoteilchen und zu historischen Archiven. Das passt nicht zusammen? Doch!, ruft Ulrich Bernhardt mit seiner Kunst – und hat Recht.