Der Impfstoff Vaxzevria von Astrazeneca ist laut einer Studie der Universitätsmedizin Ulm mit Proteinen verunreinigt. Foto: dpa//Robert Michael

Forscherinnen und Forscher der Universitätsmedizin Ulm haben entdeckt, dass der Impfstoff von Astrazeneca mit Proteinen verunreinigt ist. Könnte das die starken Impfreaktionen erklären – und womöglich auch andere Nebenwirkungen? Was Sie dazu wissen sollten.

Ulm - Forschende der Universitätsmedizin Ulm haben in dem Impfstoff des Herstellers Astrazeneca Verunreinigungen durch Proteine entdeckt. Der Proteingehalt pro Impfdosis habe deutlich über der theoretisch zu erwartenden Menge gelegen, schreiben die Autorinnen und Autoren einer Studie. Die Entdeckung wirft neue Fragen auf – und könnte viele Impfwillige vor dem Hintergrund der jüngsten Meldungen über seltene Nebenwirkungen nach einer Impfung mit dem Astrazeneca-Mittel weiter verunsichern. Fragen und Antworten dazu.

 

Welche Verunreinigungen wurden in dem Impfstoff genau gefunden?

Konkret geht es um menschliche und virale Eiweiße – darunter insbesondere so genannte Hitzeschock-Proteine. Insgesamt seien mehr als tausend Proteine in den drei untersuchten Impfstoff-Chargen festgestellt worden, berichtet das Team um Stefan Kochanek, Leiter der Abteilung Gentherapie der Ulmer Universitätsmedizin. Diese Proteine stammen aus dem Herstellungsprozess – und könnten die Qualität des Vakzins durchaus beeinträchtigen, sagt Studienautorin Lea Krutzke unserer Zeitung. Die Studie wurde bislang nur als sogenannte Preprint-Studie veröffentlicht und wird derzeit von einem renommierten Fachmagazin begutachtet.

Hintergrund der Forschungen ist: Kurze Zeit nach der Immunisierung mit dem Impfstoff Vaxzevria treten relativ häufig grippeähnliche Symptome auf Und: in sehr seltenen Fällen entwickelten vor allem jüngere Frauen bis zu 16 Tage nach der Impfung lebensbedrohliche Sinusvenenthrombosen.

Welche Auswirkungen können solche Verunreinigungen auf die Wirksamkeit oder Verträglichkeit des Vakzins haben?

Ob diese Verunreinigungen die Wirksamkeit des Impfstoffs tatsächlich beeinflussen oder mit Impfreaktionen zusammenhängen, könne anhand der vorliegenden Studie nicht beantwortet werden, schreibt das Forschungsteam. Stefan Kochanek nimmt an, dass die meisten der gefundenen Proteine wohl keine negativen Auswirkungen auf Geimpfte haben dürften. Er sagt aber auch, dass die gefundenen Proteine – extrazelluläre Hitzeschock-Proteine – bekannt dafür seien, dass sie die Immunantworten des Körpers verändern und bestehende Entzündungsreaktionen verstärken können. Auch mit Autoimmunreaktionen würden diese Eiweiße in Verbindung gebracht, sagt Kochanek – also mit Fällen, in denen das Abwehrsystem etwa körpereigene Zellen angreift.

Lesen Sie hier: Astrazeneca – Das ist über Risiken bekannt

Das Team vermutet daher, dass die starken Impfreaktionen nach der Gabe des Astrazeneca-Vakzins durchaus mit den Verunreinigungen zusammenhängen könnten, sagt Lea Krutzke. Selbst ein Zusammenhang mit den Fällen von seltenen Hirnvenenthrombosen nach Impfungen mit dem Mittel könne zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden. Von der Veröffentlichung der Preprint-Studie erhoffe sie sich nun, dass auch andere Forscherteams sich des Themas annehmen – und so klären, ob und in welcher Form die Verunreinigungen die Wirksamkeit des Vakzins mindern oder mit bestimmten Nebenwirkungen zusammenhängen.

Inwiefern sind die Nachweise noch problematisch?

„Die Qualitätskriterien lassen eigentlich nicht zu, dass so viele Proteine im Impfstoff sind, die da nicht reingehören“, erklärt Lea Krutzke. Dass sie dennoch in solch hohem Maße vorhanden sind, weise darauf hin, dass die bisher bei der Qualitätskontrolle eingesetzten Verfahren nicht ausreichen, betont auch Studienleiter Stefan Kochanek. In der Pharmaindustrie gilt es als ein wichtiges Qualitätsmerkmal, Verunreinigungen so weit wie möglich zu entfernen – und rein technisch gesehen sei das durchaus möglich. „Die Vielzahl der gefundenen Verunreinigungen, von denen zumindest einige negative Effekte haben könnten, macht es nötig, den Herstellungsprozess und die Qualitätskontrolle des Impfstoffs zu überarbeiten. Dadurch ließe sich neben der Sicherheit womöglich auch die Wirksamkeit des Vakzins erhöhen“, sagt Stefan Kochanek.

Wie kommen solche Proteine denn überhaupt in den Impfstoff?

Das hängt mit der Herstellung dieses Vektorimpfstoffes zusammen. Dabei dient ein für Menschen ungefährliches Adenovirus als Trägervirus oder eben Vektor. Dieses Virus transportiert dann ein für das neuartige Coronavirus typisches Eiweiß in die Zellen des menschlichen Körpers. Diese Transportviren müssen aber erst einmal im Labor in Zellkulturen hergestellt und vermehrt werden. Und dazu wiederum werden menschliche Zellen benötigt. Eigentlich, erklärt Lea Krutzke, müssten nach diesem Prozess sowohl überschüssige Proteine der Trägerviren als auch die Bestandteile menschlicher Zellen wieder abgetrennt werden – doch das scheint nur unzureichend geschehen zu sein.

Was sagt der Hersteller dazu?

Aus Kreisen des britisch-schwedischen Pharmaunternehmens heißt es: Die klinische Erfahrung lege nahe, dass die im Impfstoff verbliebenen Proteine auf einem sicheren und teilweise niedrigeren Niveau seien als bei anderen ähnlich hergestellten Vakzinen. Eine 100-prozentige Reinheit sei nicht zu erreichen. Das Unternehmen arbeite zu den höchstmöglichen Standards. Lea Krutzke gibt allerdings zu bedenken, dass „es gerade bei Vektorimpfstoffen mit Adenoviren inzwischen durchaus die Technik dafür gibt, um das Mittel gut aufreinigen zu können.“

Was bedeutet all das für die Sicherheit des Impfstoffes mit dem Namen Vaxzevria?

Die Ulmer Forscherin Lea Krutzke ist selbst mit dem Mittel erstgeimpft – und macht sich um die eigenen Gesundheit erst einmal keine Sorgen. Eine grundsätzliche Einschätzung zur Sicherheit des Mittels könne sie aber nicht vornehmen, sagt sie. Der Virologe Alexander Kekulé hält die Ulmer Studie für eine sehr gute Arbeit, die entdeckten Verunreinigungen aber nicht für unmittelbar gesundheitsbedenklich: „Bloß weil es verunreinigt ist, heißt das nicht, dass was Schädliches drinnen ist“, so der Professor der Universität Halle-Wittenberg in seinem Corona-Podcast. „Auf der anderen Seite sind es eben über tausend verschiedene Proteine, die die gefunden haben. Also wenn man die Daten als Biochemiker ansieht, dann muss man schon sagen, das ist ziemlich erschreckend.“

Aus unserem Plus-Angebot: Astrazeneca gegen Biontech – Die Impfstoffe im Vergleich

Ärgerlich sei Kekulé zufolge auch, dass die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) das Problem bei der Zulassungsprüfung nicht bemerkt habe. Seiner Ansicht nach hätte der Impfstoff keine Zulassung bekommen, wenn die Verunreinigungen bekannt gewesen wären, sagte Kekulé. Die sehr seltenen, nach Impfungen mit Astrazeneca aufgetretenen Fälle von Hirnthrombosen sind seiner Ansicht nach eher nicht auf die Verunreinigungen zurückzuführen.

Wie beurteilen das andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die gefundenen Verunreinigungen?

„Es ist völlig normal und wenig überraschend, dass in Impfstoffen Proteinbestandteile gefunden werden“, sagt Andreas Greinacher, Leiter der Abteilung Transfusionsmedizin am Institut für Immunologie und Transfusionsmedizin der Universitätsmedizin Greifswald. „Es ist vor allem eine Frage der Menge an Proteinen und diese scheint im Astrazeneca-Impfstoff relativ hoch zu sein.“

Greinacher forscht mit seinem Team an den Ursachen der selten auftretenden Thrombosen im Zusammenhang mit dem Vakzin. Er betont: „Die im Impfstoff gefundenen Eiweiße sorgen für eine kurzfristige Immunreaktion.“ Das Warnsignal stoße wiederum eine Autoimmunreaktion an. „Auch wenn die Proteine aus dem Impfstoff schon längst abgebaut sind, führen die nach einer Woche gebildeten stark reagierenden Autoantikörper bei den wenigen Menschen, bei denen diese Nebenwirkungen auftreten, zu den seltenen Thrombosen“, sagt Greinacher. Die Proteine seien damit aber wahrscheinlich nicht der einzige Grund, warum seltene Nebenwirkungen auftreten – sonst müssten deutlich mehr Menschen betroffen sein. „Jetzt muss untersucht werden, ob eine weitere Aufreinigung des Impfstoffs zum einen die ungefährlichen, aber unangenehmen akuten Impfreaktionen verringert, vor allem aber, ob dadurch die schweren Komplikationen reduziert werden können.“

Leif-Erik Sander, Immunologe an der Charité Berlin, hält einen gewissen Anteil sowohl viraler, als auch humaner Proteine in Impfstoffen ebenfalls für nicht überraschend. „Es ist noch nicht klar, ob die beschriebenen Nebenprodukte in der Astrazeneca-Impfung irgendeine Relevanz für die Immunreaktion oder die seltenen Nebenwirkungen haben.“ Er geht – anders als die anderen – davon aus, dass die häufige und starke Immunreaktion nach der ersten Dosis am ehesten durch die Impfviren selbst ausgelöst werde. Diese enthielten demnach Moleküle, die das angeborene Immunsystem erkenne.