Leon Ulbricht (links) hat sich mit der Teilnahme an den Olympischen Winterspielen in Milano-Cortina einen großen Traum erfüllt. Foto: zVg/Snowboard Germany

Als erster Lörracher überhaupt startet Leon Ulbricht bei den Olympischen Winterspielen. Am 12. Februar hat der 21-Jährige seinen großen Auftritt in Livigno.

Inzwischen ist der deutsche Shootingstar aus dem südwestlichen Zipfel der Republik in der Crosser-Weltklasse angekommen. Das erreichte der zweifache Junioren-Weltmeister mit den beiden Weltcup-Siegen in der Sierra Nevada (2. März 2024) und im türkischen Erzurum (1. März 2025) sowie einem zweiten Platz im vergangenen Jahr im chinesischen Beidahu. In dieser Saison verhinderten individuelle Fehler bei den Weltcups in China und Italien Stockerl-Plätze. Dennoch ist dem aktuellen deutschen Topfahrer bei den Olympischen Spielen in Mailand und Cortina eine Menge zuzutrauen. Vielleicht ist bei seinem ersten Olympia-Start sogar eine Medaille drin. Davon und noch viel mehr wird im Gespräch mit dem Lörracher Ausnahme-Snowboardcrosser zu berichten sein.

 

Wie sind bei Ihnen die Vorbereitungen auf Ihren Start bei den Olympischen Winterspielen verlaufen?

Nach der frühen Olympia-Qualifikation mit einem zweiten Platz im Europacup im Dezember habe ich gesehen, dass das Training sehr gut gegriffen hat. Über die Weihnachtsfeiertage und Neujahr haben wir eine Pause eingelegt. Am 5. Januar hat dann die heiße Phase mit einer durchaus genialen Idee begonnen. Wir haben die Olympia-Startgerade in Livigno im österreichischen Flachau für rund 40 000 Euro nachbauen lassen. Das hat mir viel gebracht. Da habe ich mehr als 40 Starts absolviert. Jetzt kenne ich die Startgerade in- und auswendig. Da ein guter Start bei einem Boardercross-Rennen extrem wichtig ist, könnte das bei Olympia ein nicht zu unterschätzender Vorteil sein. Ich weiß jetzt, wie man schneller als die anderen aus der Startbox kommt. Schauen wir mal, was es bringt.

Wie gehen Sie mit dem stark gestiegenen Bekanntheitsgrad vor allem in der Heimat um?

Ich nehm’s ganz locker. Die Berichte nehme ich zwar wahr, weil meine Mama immer die Artikel ausschneidet und mir schickt, aber so wild ist es mit dem Hype jetzt nun auch wieder nicht. In Lörrach bei einem Training im Fitness-Studio bin ich zweimal angesprochen worden. Das war jetzt kein Stress, vielmehr habe ich mich darüber gefreut. Auch bei der Jubiläumsfeier des SC Rötteln im Oktober letzten Jahres war ich dabei und wurde auf der Bühne interviewt. Das kam gut an.

In der eigenen Mannschaft sind Sie in der Hierarchie aufgestiegen. Wie gehen Sie damit um?

Die Nummer eins gibt es in unserem Team nicht. Davor war es sicherlich Martin Nörl, der viele Weltcuprennen und auch den Gesamtweltcup gewonnen hat. Dann hat er sich schwer verletzt und war eine komplette Saison raus. In der folgenden lief es für ihn dann nicht so gut. Da war ich schon so etwas wie die Nummer eins. Das ist aber bei uns kein Thema. Aber ich sehe halt im Wettkampf und im Training, dass ich aktuell schon der Schnellste im Team bin. Überhaupt ist das Team gut drauf. Es ist nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ gewachsen. Alle, die qualifiziert sind, sind heiß und freuen sich auf den Wettkampf am 12. Februar.

Sie sind erst 21 Jahre alt und sind jetzt schon ein angehender Olympionike. Was macht dieser ungeahnte Karrieresprung mit Ihnen?

Ich mache mir keinen Kopf, denke über dieses Thema nicht viel nach und verspüre auch nicht den ganzen großen Druck. Ich geh dahin und gebe mein Bestes, so wie ich es bislang immer gemacht habe. Das ganze Drumherum bei Olympia versuche ich auszublenden, konzentriere mich nur auf den Wettkampf.

Snowboard Germany hält große Stücke auf den Lörracher Rookie. Dort heißt es, Ulbricht gelte als absoluter Shooting Star in der SBX-Welt. Wie gehen Sie mit dieser Einschätzung um?

Ich weiß, was ich kann, bin mental gut drauf. Meine Form für Olympia ist besser denn je, ich bin total fit, fühle mich total gut. Dennoch ist die Konkurrenz Weltklasse, und auf der Strecke kann eine Menge passieren. In allen Rennen kommt es auf einen guten Start an. Und den haben wir auf unserer nachgebauten Startgeraden in Flachau intensiv trainiert. Nun will ich es krachen lassen.

Einer der Höhepunkte für die Athleten wird sicherlich die Eröffnungsfeier sein. Sind Sie dabei?

Ich habe mich damit ehrlich gesagt noch gar nicht beschäftigt. Deshalb kann ich über den organisatorischen Ablauf bei den Olympischen Spielen eigentlich gar nicht so viel sagen. Ich habe das echt ein bisschen ausgeblendet, weil ich mich ja erst qualifizieren musste. Für mich zählt bei Olympia nur das Rennen, ansonsten versuche ich, mich vom Olympia-Trubel fernzuhalten.

Hand aufs Herz – welche Chancen rechnen Sie sich bei Olympia aus?

Platzierungen setze ich mir gar nicht als Ziel. Das habe ich noch nie gemacht. Seit ich auf dem Snowboard stehe, war es immer mein Ziel, Erster zu werden. Diese positive Denke habe ich schon. Eine Medaille wäre grandios. Ich werden mich allerdings nicht unter Druck setzen lassen, weil ich weiß, wie stark die Konkurrenz ist. Vor allem die Franzosen sind sehr dominant. Da kann jeder aus diesem Quartett aufs Podest fahren. Vor allem die Chollet-Brüder Aidan und Jonas werden hoch gewettet. Jonas hat das erste Weltcuprennen in Cervinia vor seinem Bruder Aidan gewonnen. Beide sind extrem gute Starter. Sie bringen unglaublich viel Energie auf den Boden. Mit ihnen muss man auf jeden Fall rechnen.

Das Gespräch führte Uli Nodler.