Probleme mit der Energieversorgung, Flüchtlinge, die es zu versorgen gilt und eine Wirtschaft, die trotz Krieg weiterlaufen muss: Wie die Gemeinde Pryiativka mit diesen Problemen umgeht, davon berichtete ihr Bürgermeister in Hofstetten.
Andrii Kolomiitsev hatte Hofstettens Bürgermeister Martin Aßmuth im Mai des vergangenen Jahres bei der Fußball-Europameisterschaft der Bürgermeister in Leipzig kennen gelernt. „Und mich hat schwer beeindruckt, dass Andrii damals gesagt hat, dass es bei ihnen ja trotz allem weitergehen muss und dass sie nicht den Kopf in den Sand stecken“, führte Aßmuth aus. Die Frage seines Amtskollegen, ob er ihn in Deutschland besuchen dürfe, beantwortete er dann auch gerne mit einem „Ja“.
Nachdem sie am Samstag Nachmittag aufgebrochen waren, trafen Kolomiitsev, sein Sohn Mark und Oleksandr Avramenko, der Leiter der Abteilung Bildung der nahe gelegenen Stadt Olkesandria am Sonntag gegen Mitternacht im Kinzigtal ein. Bei einem Pressegespräch im Hofstetter Rathaus bekamen sie Gelegenheit, von der Situation in ihrer Heimat zu berichten. Avramenko fungierte dabei als Übersetzer.
Grünen- Landtagsabgeordnete Sandra Boser erklärte, dass es für sie klar sei, dass sie und ihre Parteikollegen die Ukraine weiterhin uneingeschränkt unterstützen, damit das Land den Krieg so gut es gehe überstehe. Gleichwohl beunruhige sie die Situation in Berlin hinsichtlich der Bundestagswahlen – „da wissen wir nicht, das kommt“ – und den USA. Mit der Wahl Trumps zum Präsidenten werde das Land sämtliche Hilfe einschränken. „Aber wir werden die Ukraine nicht einfach an Russland abgeben“, betonte sie.
Landtagsabgeordnete sichert weitere Hilfe zu
Andrii Kolomiitsev, der auch Vorstandsmitglied in der All Ukrainian Association of Local Governments ist, erzählte, dass es in der Ukraine 2015 eine Reform gegeben hatte, in Folge derer viele kleinere Gemeinden entstanden sind, die immer mehr Aufgaben übernehmen. Seine Kommune entstand 2018. Sie sei in 25 Siedlungen unterteilt, in denen insgesamt 12 000 Menschen leben. „Wir liegen geografisch sehr günstig in der Mitte der Ukraine und sind dementsprechend gut an das Straßen- und Verkehrsnetz angegliedert“, führte Kolomiitsev aus. Hauptwirtschaftszweig sei die Landwirtschaft, aber auch Bergbau und Waldwirtschaft.
Glücklicherweise gebe es in Pryiativka keine zerstörten Häuser, aber die Gemeinde diene aufgrund ihrer zentralen Lage als Durchgangsort für viele Flüchtlinge – und einige blieben auch. „Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist somit deren Unterstützung sowie die der Armee“, sagte Kolomiitsev. Wie Avramenko berichtete, leben unter den 80 000 Einwohnern Olkesandrias derzeit 10 000 Flüchtlinge; in Pryiativka sind es 1200. Die Gemeinde habe, so deren Bürgermeister, für deren Unterbringung sogar ein ganzes Feriendorf gekauft, in dem bis zu 300 Menschen wohnen könnten. Die Auswirkungen des Krieges seien am heftigsten 2022 zu Kriegsbeginn zu spüren gewesen. „Wir konnten unsere landwirtschaftlichen Produkte nicht verkaufen. Zudem herrscht ein eklatanter Mangel an Benzin“, so Kolomiitsev.
Auswirkungen waren zu Kriegsbeginn am heftigsten
Im Sommer des gleichen Jahres hatte sich die Situation aber schon verbessert und ein Jahr später sei sie schon wieder recht gut gewesen. „Die Unternehme arbeiten stabil und können auch ihre Steuern zahlen“, berichtet der ukrainische Bürgermeister. Allerdings hätten Mitte 2022 die Probleme mit der Energieversorgung begonnen. „Um zuverlässig Elektrizität zu haben mussten wir so schnell wie möglich Lösungen finden, zum Beispiel durch Generatoren“, erzählt Kolomiitsev. Diese seien unter anderem aus Deutschland gekommen, das Problem bestehe aber weiterhin. „Die meisten Gemeinden arbeiten daran, alternative Energiequellen zu finden, zum Beispiel in Form von Wasserkraftwerken oder Solaranlagen.“ Man sei in der Hinsicht auf einen guten Weg; die meisten Kommunen könnten mittlerweile bis zu sechs Stunden autark Energie produzieren.
Eine weitere Aufgabe, mit der sich seine Gemeinde derzeit beschäftige, sei die Frage, wie Schulen, Krankenhäuser und Kindergärten am besten bei Bombenangriffen geschützt werden könnten. Auch wenn es in Pryiativka noch keine zerstörten Häuser gebe, nur 200 Kilometer entfernt von der Gemeinde liege die Stadt Saporischschja, das momentan zur Hälfte von Russland okkupiert ist. Die von Oleksandrija 300 Kilometer entfernte Stadt Pokrowsk gehört zu den am heftigsten umkämpften Gebieten in der Ukraine. „Wir fühlen den Krieg und ja, wir leben im Kriegsgebiet“, fasste Kolomiitsev zusammen.
Jede Stadt hat getötete Soldaten zu beklagen
Es gebe keine Stadt in der Ukraine, in der es keine getöteten Soldaten zu beklagen gebe. Auch die Unternehmen fühlten den Mangel an Arbeitskräften. Die sinkende Geburtenzahl werde in Zukunft auch Probleme bereiten. „Und das wird alles noch schlimmer werden“, sagte der Bürgermeister voraus. Um so wichtiger war es ihm, Deutschland für seine Unterstützung zu danken. „Wir brauchen diese Hilfe und wir werden weiter kämpfen“, versprach er. „Niemand hat 2022 gedacht, dass all das passieren könnte. Und niemand hat geglaubt, dass wir drei Jahre lang gegen so eine große Armee bestehen können. Wir kämpfen nicht nur für die Ukraine, sondern auch für die Freiheit.“
Einsatzkleidung als Geschenk
Hofstettens Bürgermeister Martin Aßmuth erklärte zu Beginn des Pressegsprächs, dass er seinen ukrainischen Gast nicht ohne Geschenke in die Heimat zurückkehren lasse. „Leider wird momentan in der Ukraine immer wieder die Feuerwehr gebraucht. Aus diesem Grund werden wir heute Abend Einsatzkleidung überreichen, die ich und meine Kollegen Nicolai Bischler, Helga Wössner und Siegfried Eckert organisiert haben“, so Aßmuth. Er dankte den drei anderen Bürgermeistern des Tals, die kurzfristig überprüft hatten, ob sie noch einsatzfähige Feuerwehrjacken und -hosen hatten.