Nataliya Bondar, Andriy Bak, Lyudmyla Bondar und Ludmilla Parsyak mit Sohn Gabriel (v.l.n.r.) im Café des Kolpinghauses in Stuttgart Bad-Cannstatt. Foto: Leif Piechowski

Der Umsturz in der Ukraine hat auch Auswirkungen bis nach Stuttgart. Im Kolpinghaus in Bad-Cannstatt trifft sich jeden Sonntag die Gemeinde der ukrainisch griechisch-katholischen Kirche. Dort wird ganz besonders Anteil genommen, gerade weil viele Exil-Ukrainer Angehörige in Kiew haben.

Der Umsturz in der Ukraine hat auch Auswirkungen bis nach Stuttgart. Im Kolpinghaus in Bad-Cannstatt trifft sich jeden Sonntag die Gemeinde der ukrainisch griechisch-katholischen Kirche. Dort wird ganz besonders Anteil genommen, gerade weil viele Exil-Ukrainer Angehörige in Kiew haben.

Stuttgart - Die Mitglieder der ukrainisch griechisch-katholischen Kirchengemeinde, die sich immer Sonntags zur Heiligen Messe in der Kapelle des Kolpinghauses in Stuttgart Bad-Cannstatt versammeln, kommen aus den unterschiedlichsten Regionen der Ukraine und üben die unterschiedlichsten Berufe aus. Obwohl für viele Stuttgart zur Heimat geworden ist, gibt es in diesen Tagen nur ein Thema, über das sie alle reden, das sie alle zusammenschweißt. Die teils blutigen Proteste auf dem Unabhängigkeitsplatz (Maidan) in Kiew und der daraus folgende Sturz der Regierung.

Viele haben noch Familienangehörige in der Ukraine, zum Teil sind diese selbst auf dem Unabhängigkeitsplatz gewesen, um zu protestieren. Deswegen geht es vielen auch so nahe, wenn sie die Bilder aus der ukrainischen Hauptstadt sehen. „In jeder freien Minute haben wir vor dem Computer gesessen und uns die Live-Streams angeschaut. Das Schlimmste dabei ist, dass man sieht was passiert, aber nichts machen kann“, sagt Andriy Bak, Übersetzer aus Stuttgart, der aus der Westukraine kommt. Live-Streams, die von Aktivisten erstellt werden, transportieren die Bilder der Demonstrationen aus Kiew direkt auf die Computer der Stuttgarter Landsleute. Sie hinterlassen eine besondere Art der Ohnmacht, wenn man weiß, dass Freunde und Familie mittendrin sind.

„Als es am 22. Januar die ersten Toten gab, dachten wir, das wäre es dann, schlimmer wird es nicht mehr“, sagt Andiy Bak. Nataliya Bondar, Sachbearbeiterin in einem Stuttgarter Pressevertrieb, fügt hinzu: „Meine Schwester hat mir per SMS davon erzählt. Ich habe nur geweint und konnte erst durchatmen, als mein Vater angerufen hat: Er war an diesem Tag nicht dort.“

Anstatt die Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen, um die Demonstrationen dadurch zu beenden, habe die Aktion der Regierung Janukowitsch das Gegenteil bewirkt. Den Menschen sei klar geworden, dass es nicht mehr mit Verhandlungen gehe. Das Wort des Präsidenten, der erst öffentlich gegen Gewalt sei und dann am Trauertag für die getöteten Menschen ein weiteres Blutbad anrichte, zählte nichts mehr.

Eines der größten Probleme in der Ukraine sei die Korruption, die im ganzen Land grassiere. Die Führungselite stopfe sich die Taschen voll und „raubt das Land aus“, sagt Nataliya Bondar. „Es wurden immer Verbesserungen versprochen. Jetzt sehen wir, wohin das Geld wirklich gegangen ist.“ Außerdem werde vielen jetzt klar, dass Janukowitsch ein Diktator sei und die Wahlen nicht korrekt abgelaufen seien. „Es ist einfach so, dass das geschriebene Gesetz nicht das gleiche ist, das gelebt wird. Und das stinkt den Menschen“, sagt Ludmilla Parsyak. Die Fotografin ist bereits im Alter von zehn Jahren mit ihren Eltern nach Stuttgart gekommen.

Nach der Flucht des Ex-Präsidenten sehen die Exil-Ukrainer ein Machtvakuum. Während in Westeuropa zwei Namen für die Präsidentschaft (Vitali Klitschko und Julia Timoschenko) im Gespräch sind, werden diese von der Gruppe allerdings nicht für wichtig erachtet. Vielmehr gehe es um die Idee des Maidan, die freiheitlichen Rechte. „Timoschenko ist eine Oppositionsikone und begnadete Populistin, aber sie ist krank und sollte sich jetzt auskurieren“, sagt Nataliya Bondar. „Sie gehört zur alten Garde. Ich glaube nicht, dass sie viel Veränderung bringen würde“, sagt Lyudmyla Bondar, Herausgeberin der russischsprachigen Zeitschrift Wadim, die in Stuttgart erscheint.

„Vitali Klitschko hat nichts falsch gemacht, aber das Wichtigste ist die Idee“, sagt Nataliya Bondar. „Erst bei der Wahl am 25. Mai wird es richtig spannend.“ Die Menschen auf dem Maidan hätten sich auf demokratische Grundsätze eingeschworen. Im Grunde gehe es der protestierenden Opposition gar nicht so sehr um die Mitgliedschaft in der EU, sondern vielmehr um europäische Werte wie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. „Von den jungen Menschen wird die Lage ganz klar gesehen“, sagt ­Ludmilla Parsyak. Sie wollten einen Neustart. Auch wenn die Zukunft noch in den Sternen stehe, ist eine Aussage der Gruppe besonders wichtig: „Wir sind stolz auf unsere Landsleute.“