Vor allem junge Ukrainer in der Stadt Lemberg (Lwiw) schließen sich zusammen, um sich gegen mögliche russische Angriffe auch in ihrer Stadt zu wappnen. Ein Beispiel für den Mut und die Motivation der Menschen – unser Reporter berichtet vor Ort.
Lemberg (Lwiw) - Seit acht Jahren, nicht erst seit 96 Stunden, fallen russische Soldaten in die Ukraine ein. Davon ist Ivan überzeugt. „Das hat Europa, das hat die Nato, aber das hat auch Putin nie verstanden: Wir hatten acht Jahren Zeit, dafür zu trainieren, was am Donnerstagmorgen nur in eine andere Phase gewechselt ist“, erklärt der Krankenpfleger seine Sicht auf den Angriffsbefehl, den Russlands Präsident Wladimir Putin vergangene Woche seinen Streitkräften gab.
Seitdem schiebt der 38-Jährige Sonderschichten in einem der Hospitäler in Lemberg (Lwiw) im Westen der Ukraine: „Wir versorgen hier zwar keine verwundeten Soldaten, aber wir haben vor allem Covid-Patienten aus anderen Krankenhäusern des Landes übernommen, damit dort Platz für Verwundete ist.“ Dass sich das bald ändert, daran glaubt Ivan nicht. „Mit den Gesprächen zwischen russischen und ukrainischen Diplomaten will Putin nur Zeit gewinnen, um seine Invasionskräfte neu zu organisieren. Er hat unsere Moral unterschätzt“, analysiert Ivan.
Die Delegationen von Russland und Ukraine treffen sich zu Gesprächen
Zu den Gesprächen in der belarussischen Grenzregion Gomel hatte die Ukraine am Montag ihren Verteidigungsminister Oleksij Resnikow sowie den Präsidentenberater Mychailo Podoljak und Vizeaußenminister Mykola Tochytskji entsandt. Der Kreml schickte eine Delegation aus der zweiten Reihe. Beide Parteien teilten am Montag mit, eine zweite Verhandlungsrunde vereinbart zu haben. „Die Parteien haben eine Reihe von Prioritäten und Themen festgelegt, zu denen es Gesprächsbedarf gibt“, teilte Podoljak mit. Der russische Delegationsleiter Wladimir Medinski sagte, die zweite Runde werde „bald“ an der polnisch-belarussischen Grenze stattfinden.
Was auch immer zwischen den Emissären noch vereinbart wird, die Menschen in der Ukraine trauen Putin nicht. „Erst wenn wir Mitglied der Europäischen Union und der Nato sind, können wir an unsere Zukunft denken“, ist sich Jaruslaw Kurylyshyn sicher. Bis zum vergangenen Mittwoch hat er in Kiew Betriebswirtschaft studiert. Wollte im Sommer ein Praktikum in Deutschland absolvieren. Daimler hätte ihm gefallen, BMW auch oder Airbus.
Die Zukunft der heute 20-Jährigen liegt im Westen
Nachdem die ersten Bomben einschlugen, hat er mit seinen Kommilitonen die Junge Bewegung gegründet. Ihr Ziel: Die jungen Leute wollen in der Westukraine Lebensmittel, Kindernahrung, Windeln besorgen, um sie in den umkämpften Osten des Land zu bringen: „In meiner Heimatstadt Lwiw leidet niemand Not. Die Supermärkte sind gefüllt, die Tankstellen offen. Hier gibt es alles, in den Kampfgebieten fehlt das. Wir müssen also die Dinge nur gerecht verteilen.“ Das will Kurylyshyn in die Hand nehmen. Und verfolgt damit ein Ziel, das über die Kämpfe weit hinausgeht: „Putin hat mit seinem Überfall auf uns den ersten Schritt in seine Bedeutungslosigkeit gemacht!“ Die russische Wirtschaft werde unter den beschlossenen Sanktionen zusammenbrechen. Das eigene Volk ihn am Ende von der politischen Bühne jagen.
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So, wie es die Ukrainer 2014 mit dem autokratischen Putin-Freund Wiktor Janukowytsch gemacht haben: Weil der damalige Staatspräsident das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterschrieb, protestierten ab November 2013 die Menschen im Land. Janukowytsch versuchte, die Proteste blutig niederzuschlagen – und scheiterte: Vier Monate später floh er nach Russland ins Exil. Putin verleibte sich mit einem überraschenden Angriff die zur Ukraine gehörende Halbinsel Krim ein. „Seit dieser Zeit unterschätzt er, dass wir siegen wollen und werden“, ergänzt Kurylyshyns Freundin Yustyna Pavluyk. Die Zukunft der heute 20-Jährigen liege im Westen. „Dafür sind wir bereit. Und wir haben viel zu bieten: eine gut ausgebildete Generation, die sich in Europa integrieren will.“
Polizisten und Soldaten haben Barrikaden errichtet
Eine Vision, die Aleh Kliauzo für sein eigenes Heimatland Belarus noch unerreichbar scheint. Vor zwei Jahren ist er in die Ukraine geflohen. „Hier lebe ich seitdem ohne Angst davor, dass nachts an meine Tür gehämmert wird und ich einfach verschwinde, weil ich die Politik meiner Regierung kritisiere“, sagt er. Er habe an der Freiheit geschnuppert „bis am Donnerstagmorgen Putin Bomben auf den Donbas, Mariupol und Kiew warf“.
Kliauzo verließ die ukrainische Hauptstadt, fand Unterschlupf bei Freunden in Lemberg (Lwiw). Der 30-Jährige sagt: „Von den Menschen hier könnten viele in Belarus lernen, ein Rückgrat zu haben. Was Solidarität heißt, Freiheit, Mut, Verantwortung.“ Die macht sich an Kleinigkeiten fest: Polizisten und Soldaten haben an den Ausfallstraßen der 350 000-Einwohner-Stadt Barrikaden errichtet. Verstärkt werden sie von Frauen und Männern, die sich blau-gelbe Bänder um Arme und Oberschenkel geklebt haben, Jagdgewehre schultern. Sie sichern die Uniformierten, die an die Autos treten. Die schlängeln sich im Zickzack um frisch gegossene Betonmauern und dreifüßige Stahlreiter.
Drei-, viermal am Tag wird in Lemberg Luftalarm ausgelöst
Die hat auch Dmytro zusammengeschweißt. Der 73-jährige Schlosser zeigt auf die provisorischen Panzersperren: „Damit halten wir die Russen auf!“ 50 Kilometer im Nordosten der Stadt sollen russische Fallschirmjäger gelandet sein. Drei-, viermal am Tag wird Luftalarm ausgelöst, Bomben sind bis zu diesem Moment keine auf Lemberg (Lwiw) gefallen. Trotzdem schaufeln Freiwillige Sand in Säcke, mit denen vor öffentlichen Gebäuden Stellungen gebaut werden. Andere helfen Soldaten, Stacheldraht auf Baumstämme zu nageln. Im Notfall sollen solche Reiter schnell auf Straßen oder zwischen Häuser geschoben werden.
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Sofia Sidokova und Juliya Zaitseva, beide 19 Jahre alt, bestaunen die Fahne, die irgendjemand unweit der Staatsoper aufgestellt hat. Sie ist den Soldaten der 53. Mechanisierten Brigade gewidmet. Die kämpft aktuell im Donbass. Viele Frauen und Männer aus Lemberg (Lwiw) und der Umgebung sind in diesem Verband. „Putin bietet uns die Hölle – und für die sind wir zu jung“, kichern die beiden Programmiererinnen. Eine lange Nacht steht ihnen bevor: Nach der Ausgangssperre ab 22 Uhr wollen sie die Kontrollpunkte abfahren, deren Besatzungen mit heißem Tee und Suppe versorgen. Und morgens gehen sie selbstverständlich zur Arbeit: „Frauen wie uns kann Europa gut gebrauchen.“