Die Flüchtlingshilfe für Ukrainer ist in Althengstett in vollem Gange. Viele Ehrenamtliche bringen sich dabei ein. Foto: © Stockmachine – stock.adobe.com

Momentan vermag niemand zu sagen, was mit dem Zustrom der Flüchtlinge aus der kriegsgebeutelten Ukraine auf die Gemeinde Althengstett zukommt. In der Gäukommune ist man jedenfalls auch in Krisenzeiten bestens vernetzt und für alle Eventualitäten gerüstet – unbürokratische, schnelle Hilfe und Fürsorge ist angesagt.

Althengstett - "Wir stellen uns auf bis zu 100 Flüchtlinge aus der Ukraine in der ersten Tranche ein", sagte Gudrun Stahlhut am Mittwochabend in der Sitzung des Althengstetter Gemeinderats in der Festhalle. Die Hauptamtsleiterin und ihre Kollegin Barbara Ogbone (Amtsleitung Familienzentrum) erläuterten dem Gremium, was in den vergangenen Wochen unter dem Stichwort Ukrainehilfe in der Gäugemeinde auf die Beine gestellt wurde. Dabei zeigte sich erneut, dass das Familienzentrum eine unverzichtbare Schaltstelle im Ort ist, weil sich dort in zahlreichen sozialen Belangen viel Fachwissen und Engagement bündelt. Ebenso wertvoll ist die Unterstützung durch den "Arbeitskreis Integration und Kulturelle Vielfalt" (ehemals AK Asyl).

Fast zwei Dutzend Dolmetscher

Eine "feste Prognose" sei überhaupt nicht möglich, so die beiden Amtsleiterinnen. Beruhigend ist nach ihren Worten allerdings, dass es zahlreiche Rückmeldungen im Rathaus von Privatpersonen gibt, was Wohnraum für die Flüchtlinge angeht, der von der Kommune angemietet wird. Auch anderweitig herrscht sehr große Hilfsbereitschaft: "Wir haben 15 bis 20 Personen als Dolmetscher für Russisch und Ukrainisch im Pool", berichtete Ogbone begeistert.

Leitlinien für Ehrenamtliche

Groß war laut Ogbone auch die Resonanz auf eine Infoveranstaltung der Gemeinde vor wenigen Tagen, die sich an Menschen gerichtet hatte, die sich ehrenamtlich bei der Betreuung von ukrainischen Geflüchteten in der Gäugemeinde engagieren möchten oder Geflüchtete notfallmäßig bei sich zu Hause aufgenommen haben. Das Ziel von Gemeinde und AK Integration und Kulturelle Vielfalt war es, freiwillige Helfer so gut wie möglich vorzubereiten und zu vernetzen. Aus der Erfahrung der vergangenen Jahre bei der Begleitung von Geflüchteten wurden Informationen zur Aufnahme gegeben und für verschiedenen Themenbereiche vorgestellt. Leitlinien für ehrenamtliche Helfer und Herausforderungen für die Geflüchteten und der Umgang damit standen ebenfalls auf der Agenda. "Wir hatten rund 45 Teilnehmer vor Ort in der Festhalle und weitere, die sich online zugeschaltet haben", berichtete Ogbone.

Erschöpft und orientierungslos

Die Familien, die in Althengstett ankommen – meist sind es Frauen mit Kindern – seien erschöpft, noch sehr orientierungslos, hätten viele Fragen und Ängste. Dennoch soll versucht werden, den Kindern, je nach Alter in der Kita oder der Schule, schnellstmöglich ein Stück Normalität und Alltag zurückzugeben. Gemeinderätin Ute Steinheber (CDU) gab zu bedenken, dass die Schulen, unter anderem durch die Corona-Pandemie, eh schon an der Belastungsgrenze seien. Sie fragte sich, ob es nicht – auch für die Flüchtlinge – besser sei, noch etwas Zeit verstreichen zu lassen und mit dem Kita- oder Schulbesuch erst im September zu beginnen.

Aus Sicht von Steinhebers Ratskollegen Hartmut Weber und Thomas Schmidt (beide Freie Wähler) ist für die geflüchteten Jungen und Mädchen nicht der Lernstoff entscheidend. Für Schmidt ist der Besuch von Schule oder Kindergarten eine Art "niederschwellige Therapie" nach all den schrecklichen Erlebnissen in der Heimat und auf der Flucht. "Das Schulische steht da an zweiter Stelle", pflichtete ihm Weber bei. Derweil staunten Verwaltung, Lehrkräfte und auch Räte nicht schlecht, als sie erfuhren, dass ukrainische Kinder mitunter digital Kontakt zur ihrer Schule in der Heimat und adäquaten Onlineunterricht haben. Das sei zum teil besser, als man es von hier gewohnt sei, hieß am Mittwochabend in der Sitzung.

Wie der Ochs vor dem Berg

"Es läuft wie geschmiert", berichtete Gemeinderätin Angelika Holzäpfel (CDU) aus eigener Erfahrung. Sie und Ehemann Ulrich hatten im Vorjahr eine junge Frau aus der Ukraine bei sich auf dem landwirtschaftlichen Hof beschäftigt. Diese hatte sich vor wenigen Tagen hilfesuchend gemeldet und gefragt, ob eine Aufnahme ihrer Schwester mit zwei Kindern auf dem Hof möglich sei. Lange gefackelt haben die Holzäpfels nicht, allerdings hatten sie das Gefühl, "dass wir wie der Ochs vor dem Berg stehen". Dieses verflog schnell, denn vonseiten der Hengstetter Verwaltung wurde umgehend bei organisatorischen Fragen geholfen. "Es war alles schnell geregelt – ­und das am Samstag und an einem Sonntagabend!", berichtete Angelika Holzäpfel von der Aufnahme der drei Flüchtlinge, die bereits am Montag ihre ersten Behördentermine gehabt hätten.

Umverteilung noch nicht wirklich angelaufen

Bislang wurden 18 Geflüchtete aus der Ukraine in der Gäugemeinde aufgenommen, meist über private Kontakte, nur drei wurden offiziell vom Landratsamt zugewiesen. Die Umverteilungsmechanismen über Bund und Länder sind laut Ogbone noch nicht wirklich angelaufen. Zunächst geht es um die Integration auf dem Papier –­ ein teils zeitaufwendiges Prozedere. Gesundheitsprobleme und vorhandene Schutzimpfungen werden dabei genauso erfasst wie die Klassenstufen der Kinder und Berufe der Eltern. Außerdem erfolgt eine direkte Meldung an Schulen und Kitas über eingetroffene Kinder. Die Kindertagesstätten planen derzeit Auffanggruppen bis zur Regel-Eingliederung im September. Dadurch wird mehr Personal gebraucht. Mit dem Angebot soll voraussichtlich ab nächster Woche an mindestens einem Standort in Neuhengstett gestartet werden.

Arbeitserlaubnis von Anfang an

Zur Integration gehört auch das Thema Arbeit. Geflüchtete aus der Ukraine erhalten von Anfang einen Aufenthaltstitel und eine Arbeitserlaubnis, wie Ogbone erläuterte. Voraussetzung zur Arbeitsaufnahme sei eine Registrierung bei der Ausländerbehörde. Angebote wie die Sprachförderung würden vorbereitet.

Engpässe bei gesundheitlicher Versorgung

Gemeinderat Lothar Kante (SPD) erkundigte sich nach der gesundheitlichen Versorgung der Geflüchteten. "Wir erwarten Engpässe insbesondere für schwangere Frauen, Kinder und bei chronischen und psychischen Erkrankungen", erläuterte Ogbone. Auch hier wurde sofort reagiert. Man habe Mitbürger aus dem Gesundheitswesen angesprochen, ob sie ehrenamtlich als "Gesundheitsdienst" bei Bedarf ansprechbar seien, wenn es darum geht, zu beraten und die jeweilige Situation einzuschätzen.

Wie die Gemeinderäte am Mittwochabend erfuhren, wurden Vorbereitungen auf unterschiedlichen Ebenen getroffen, um die Geflüchteten rundum betreuen zu können, auch wenn es noch viele Unwägbarkeiten gibt. Gemeinderat Paul Binder (SPD) brachte es schließlich auf den Punkt: "Althengstett kann Krise".