Das Angebot an die Ukrainer, nach Russland zu fliehen, ist zynisch, kommentiert Christian Gottschalk. Es könnte ein Hinweis auf eine schreckliche Zukunft sein.
Stuttgart - Bomben und Beschuss können im Krieg immer auch die Falschen treffen. In Charkiw, nahe der russischen Grenze, gilt das gleich doppelt. Niemand glaubt hier, dass das russische Feuer nur auf militärische Einrichtungen zielt. Doch die Russen zerstören nicht nur Wohnhäuser. Sie zerstören just die Häuser der Menschen, die zu Russland halten – und den russischen Einmarsch auch noch weiterhin unterstützen. Für all diejenigen ist ein humanitärer Korridor nach Russland ein Segen. Und natürlich sind auch diese Menschenleben es wert, gerettet zu werden.
Der Blick auf die Geschichte lässt einen erschaudern
Für die meisten anderen Ukrainer ist es blanker Zynismus, wenn ihnen ausschließlich Geleit nach Russland oder Belarus angeboten wird. Sie sollen ausgerechnet in die Länder fliehen, die gerade dabei sind, ihre Heimat in Schutt und Asche zu zerlegen, Krankenhäuser, Kindergärten und andere zivile Ziele zu zerbomben. Das ist eine für viele nicht zu überwindende Hürde. Doch der Blick auf die Geschichte zeigt, dass es spätestens nun höchste Zeit sein könnte, seine Heimat hinter sich zu lassen. Sowohl im syrischen Aleppo als auch im tschetschenischen Grosny hat Russland der Zivilbevölkerung erst freies Geleit angeboten – um die Städte dann kurz darauf mit grauenvoller Brutalität komplett zu zerstören. Die Umzingelung ukrainischer Metropolen lässt die Vermutung zu, dass dies nun erneut geschieht.