Mitten in Europa wütet nach wie vor ein Krieg, doch um die Ukraine-Hilfe ist es zunehmend ruhig geworden. In Villingen-Schwenningen gibt es nach wie vor zahlreiche Unterstützungsangebote, mit denen man den geflüchteten Menschen zur Seite steht.
Villingen-Schwenningen - Seit über einem halben Jahr herrscht in der Ukraine Krieg. Schon kurz nach Kriegsbeginn haben die Menschen die Flucht ergriffen, ihr Heimatland verlassen und auch in Villingen-Schwenningen Zuflucht gesucht.
Inzwischen leben 2872 ukrainische Flüchtlinge (Stand: 29. August) im Schwarzwald-Baar-Kreis, wie Kristina Diffring, Referentin des Landrats, mitteilt. Davon sind 821 Personen in Villingen-Schwenningen in privatem Wohnraum untergekommen, 221 Personen leben in der Gemeinschaftsunterkunft "Heilig-Geist-Spital", dem ehemaligen Pflegeheim in der Villinger Schertlestraße.
Flüchtlinge von Beginn an unterstützt
SPD-Stadtrat Nicola Schurr war einer derjenigen, der die Flüchtlinge von Beginn an unterstützt hat. "Aktuell stehe ich mit diversen Geflüchteten in Kontakt", erzählt er. Dabei unterstütze er die Ukrainer bei Fragen zu Behördengängen, der Wohnungsvermittlung oder beim Besorgen vom Mobiliar. Für Oktober sei ein Transport mit gezielten Hilfsmitteln geplant, für den er derzeit in der Abklärung sei.
Eine Welle der Hilfsbereitschaft haben die ukrainischen Flüchtlinge bei Ankunft im Schwarzwald-Baar-Kreis erfahren. Nach wie vor gebe es noch viele Menschen, die gerne helfen möchten, weiß Schurr. "Manchen ist es aber schlichtweg selber nicht mehr möglich, da die Inflation und steigende Energiepreise auch sie betrifft", erklärt er. Er werde regelmäßig kontaktiert und habe erst kürzlich viele Sachen für Babys und Kleinkinder bekommen. "Das hat uns sehr gefreut", meint Schurr. Aufgrund von zu geringen Lagerkapazitäten sei es aber auch schon vorgekommen, dass man Menschen abweisen musste. Jetzt gerade werden wieder Klamotten benötigt, so der Stadtrat.
Bedarf an Spenden nach wie vor groß
Dass der Bedarf an Kleidungs- und Lebensmittelspenden bei den Flüchtlingen nach wie vor groß ist, weiß auch Livia Renna, Flüchtlingsbeauftragte vom Amt für Jugend, Bildung, Integration und Sport (JuBIS) der Stadt Villingen-Schwenningen. Das Amt arbeitet eng mit Helferkreisen zusammen und hat in dieser Zusammenarbeit eine ganze Reihe von Unterstützungsangeboten auf die Beine gestellt. In Zusammenarbeit mit der Volkshochschule wurde ein Deutschkurs in der Gemeinschaftsunterkunft Heilig-Geist-Spital initiiert, erläutert Oxana Zapf, Pressesprecherin der Stadt Villingen-Schwenningen. Außerdem gebe es Eltern-Kind-Spielgruppen in den jeweiligen Stadtbezirken und ein integratives Freizeitangebot für Schulkinder. Die Mitarbeitenden vom Sachgebiet Integration im JuBIS stehen darüber hinaus unter anderem mit der Ukraine-Hotline und einem entsprechenden Postfach zur Verfügung. Dieses Unterstützungangebot der Stadt werde von den Flüchtlingen gut angenommen, weiß Renna.
Fehlende Sprachkenntnisse sind bei Jobsuche herausfordernd
Wichtige Unterstützung leisten auch die Jobcenter. Die meisten der Geflüchteten würden eine Beschäftigung suchen und viele seien auch bereit, eine Tätigkeit außerhalb des gelernten Berufes auszuüben, erläutert Elena Niggemann, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Rottweil – Villingen-Schwenningen. Zunächst haben die Jobcenter die finanzielle Unterstützung für die geflüchteten Menschen sichergestellt, so Niggemann. Im zweiten Schritt kommen die Menschen in die Arbeitsvermittlung der Jobcenter. Dabei werden sie bei der Suche nach Beschäftigung, Sprachkursen, Kinderbetreuung und gegebenenfalls Qualifizierungsmöglichkeiten unterstützt.
Eine große Herausforderung seien die fehlenden Sprachkenntnisse – das gängige Sprachniveau sei A0 (keinerlei Kenntnisse) oder A1 (Anfänger) – und die Sicherstellung einer Kinderbetreuung, so Niggemann. Das seien die wichtigsten Grundlagen für eine Integration in den Arbeitsmarkt. Hinzu kommt, dass ein hoher Anteil der geflüchteten Menschen ungelernt sei. Dennoch: "Es konnten bereits geflüchtete Ukrainer in Arbeit vermittelt werden, andere haben mit Unterstützung von Integrationsbeauftragten, ehrenamtlichen Helfern oder eigenen Netzwerken eine Anstellung gefunden", kann Niggemann verkünden. Dabei hätten die Bewerber Zielberufe in fast allen Branchen. "Die Betriebe hier in der Region sind sehr offen und schicken Angebote", freut sich Niggemann. Sie mahnt aber auch, dass die die Kriegsflüchtlinge nicht als die Lösung für das Fachkräfteproblem gesehen werden sollen.
Ukrainer kehren in ihr Heimatland zurück
Die einen haben schon eine Arbeitsstelle gefunden, andere lernen die Sprache und ukrainische Kinder gehen hier bereits zur Schule – dennoch hört man immer häufiger, dass die Flüchtlinge in ihr Heimatland zurückkehren, obwohl dort nach wie vor Krieg herrscht. Auch aus Villingen-Schwenningen zieht es manche Ukrainer bereits wieder in ihr Heimatland, erklärt Flüchtlingsbeauftragte Renna. Das habe man mit Beginn des Sommers gemerkt. Grund dafür sei unter anderem, dass viele ihre Angehörigen wie etwa die Großeltern mit nach Deutschland holen möchten und dafür in das Kriegsgebiet zurückkehren.
"Tatsächlich gibt es Ukrainer und Ukrainerinnen, die sich bereits wieder auf den Weg in die Heimat gemacht haben", bestätigt auch Stadtrat Schurr. Die Menschen kehren dann aber meist in die nicht so stark vom Krieg betroffenen Regionen zurück. "Oftmals liegt es daran, dass der Großteil der Familie noch vor Ort ist. Ehemann, Eltern und Verwandtschaft. Aber eben auch, weil das Hab und Gut in der Ukraine ist", so der Stadtrat. Er meint aber auch, dass es sich viele schlichtweg anders vorgestellt haben und nicht auf Dauer hier bleiben möchten.
Wohnraum in VS laut Schurr ein Desaster
Während die einen in das Kriegsgebiet zurückkehren, vermutet Schurr aber auch, dass je nach Heftigkeit des Krieges, der Betroffenheit der Zivilbevölkerung und mit Blick auf die kalte Jahreszeit, nochmals viele Menschen nach Deutschland und auch nach Villingen-Schwenningen flüchten werden. Probleme sieht Schurr dabei vor allem im Hinblick auf den Wohnraum. Dieser sei schon vor tausenden Flüchtlingen im Landkreis ein Desaster gewesen. "Hier muss sich die Politik ehrlich machen und wesentlich mehr Möglichkeiten schaffen, damit günstiger und bezahlbarer Wohnraum geschaffen wird", so der SPD-Politiker. Es sei zum Teil erniedrigend, was für Räumlichkeiten als Wohnung in VS angeboten werden und zu welchen Preisen.
Und wie kann man die geflüchteten Menschen am besten unterstützen? "In erster Linie ist es wichtig, sich diesen Menschen anzunehmen. Nöte und Ängste können oftmals in Gesprächen auf beiden Seiten abgebaut werden. Dann ist es immer gut, sie im bürokratischen Dschungel zu begleiten und ihnen einfach unsere schöne Stadt und die Lebensmentalität von uns VSlern näher zu bringen. Das ist schon eine große Hilfe", weiß Schurr. Und dann bleibe natürlich auch noch die Möglichkeit, Hilfsorganisationen oder die Stadt anzusprechen.